Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 30 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 30 »Neue National-Zeitung« Seite 3 Stellen Sie sich doch vor: Als im Polenklub davon die Rede war, daß ihm unsere Partei beitrete, da meinte Herr Dr. Gold, es sei dies nur eine Frage von 40.000 Gulden. Dieser Herr kauft Gesinnungen ums Geld. Würde ein Jüdisch nationaler auch so sprechen?" Stapinski schloß mit den Worten, die die ideale Gesinnung dieses hervorragenden Bauernführers so klar ausdrücken: „DieVolksarbeit erfordert Opfer.Unser Bauer hat diese Opfer gebracht, denn er denkt an seine Zukunft. Denket auch ihr nur an eure Zukunft und an das Schicksal der kommenden Geschlechter!" L. Ingenieur S. GINSBURG: Cin Kongreß der lerritorialisten. Brauchen wir, Territorialisten, einen Kongreß oder nicht? Die diesjährige Schweiz. Ito-Konferenz meint: „Ja"; Herr Vei t-Basel aber erklärt in Nr. 26 der „Neuen Nationalzeitung" : „Nein". Er meint „Nein" und — beweist es. Es ist deshalb nur recht und billig, wenn wir, die „Jasager", auch unseren Standpunkt verteidigen. Wenigstens versuchen muß man es. Ich will es auch versuchen. „Die Ito besitzt im Internationalrat ein Organ, das den Einfluß des Volkes gewährleistet," Das ist die territorial. Organisation. Aber, da fällt mir gerade etwas ein. Dürfen wir uns überhaupt das stolze Wort „Organisation" beilegen? Ich glaube mit dem gleichen Recht — oder vielmehr — mit dem gleichen Unrecht, wie Deutschland von anno dazumal sich ein Reich nennen, könnte. Ich sage es ganz offen: Meiner Meinung nach gibt es bei uns keine Organisation, es gibt nur einen Bund von äußerst lose miteinander verbundene Organisatiönchen, wenn ich mich so ausdrücken darf. Da existiert ein Verein in Wien, und ein Verein in Kriwoi Rog (wenn ich nur wüßte, wo das ist!), und ein Landesverband in der Schweiz, und vielleicht — wir haben eben nicht einmal eine .Ahnung davon, wo wir unsere Gesinnungsgenossen suchen und finden können — eine Ortsgruppe auf einer stillen Insel des Stillen Ozeans. Alle wollen freilich das vielumstrittene „autonome" Land und alle agitieren drauf los. Aber wie? Gibt es System in dieser Agitation? Gibt es eine Direktive von oben herab? Gibt es eine stete Blutzirkulation zwischen Peripherie und Zentrum? Ich kann mich zum Beispiel nicht erinnern (vielleicht hängt es mit meinem schwachen Gedächtnis zusammen?), daß das schweizerische territorialistische Landeskomitee durch Herrn Veit, der doch unser Vertreter im Internationalrat ist, irgendwann irgendwelche- Instruktionen aus London erhalten haben soll. Wenn nun somit der Internationalrat nicht einmal den Einfluß der Zentrale auf das Volk gewährleistet, wie kann man erwarten, daß durch den Internationalrat der Einfluß des Volkes auf die Zentrale gewährleistet werden soll? Noch besser: wir haben nicht einmal Organisationsstatuten, die uns den Internationalrat selbst gewährleisten? „Aber", wird man mir erwidern — „wozu im XX. Jahrhundert noch Organisationsstatuten? Höchstwahrscheinlich hält man so etwas in London für einen längst überwundenen Standpunkt." Mit Nichten! Für die Londoner Konferenz im August 1906 — also fast vor einem Jahre — wurde ein Statut ausgearbeitet. Er hat folglich eine Existenzberechtigung, aber . . . „man hatte damals keine Zeit, darauf einzugehen", so hieß es. Und so heißt es . . . ad hajaum hase. Organisation ohne Statuten! Ein Staat ohne Verfassung! würde ich ausrufen, wenn ich ein Diplomat wäre. Ich bin aber zum Glück kein Diplomat und wähle nur deshalb ein Beispiel aus einem mir mehr verwandten Gebiete: eine Dampfmaschine ohne Steuerung. Als Techniker kann ich mir so ein Kunststück nicht vorstellen. Es ist aber doch vollbracht: wir haben keine Statuten, und ... es geht. Vielleicht ist es aber doch gut, daß wir sie nicht haben. Wir dürfen doch schließlich nicht alles denZionisten nachmachen: sie haben Statuten — ergo, brauchen wir keine! Allerdings. Wir haben einen Internationalrat und das Recht (übrigens, woher? Aus den „Statuten" etwa?) unseren Vertretern dort das Mandat zu entziehen, sobald sie sich „als uufähig erweisen, oder unsere Gesinnung nicht richtig interpretieren." Ich möchte nur die bescheidene Frage richten, wieso es die Landesorganisationen anstellen können, um zu erfahren, daß ihre Vertreter im Internationalrat nicht mit ihren Intentionen solidarisch handeln. In diplomatischer Hinsicht wissen wir ja überhaupt nichts (nebenbei bemerkt, wir wollen, im Interesse der Sache, auch nichts wissen), können folglich auch das Verhalten unserer Delegierten weder billigen noch tadeln. Wir gehen weiter. Herr Veit gibt zu, das „ein Kongreß die „Ito" volkstümlicher machen würde." Wäre uns damit gedient? Die Antwort lautet ganz entschieden: „keineswegs!" 18 Zeilen später gibt uns Herr Veit den gewiß zu beherzigenden Rat, uns „anzustrengen, das jüdische Volk für seine künftigen Aufgaben vorzubereiten." Eine Zeile vorher lesen wir die Frage: „Wozu braucht die „Ito" jetzt einen Kongreß?" Aus diesen drei Zitaten folgt folgender, etwas seltsam anmutender Syllogismus: man soll das Volk vorbereiten; ein Kongreß kann die „Ito" volkstümlich machen — also . . . . brauchen wir keinen Kongreß! Sie wollen die „Ito" populär machen, halten einen Kongreß für ein gutes Mittel dazu — und sind doch gegen einen Kongreß! Und daß ein Kongreß in dieser Beziehung ungemein fruchtbringend wäre, dafür hatten wir neulich einen ganz unzweideutigen Beweis. Es ist jammerschade, daß es Herrn Veit nicht vergönnt ist, das Organ der russischen Territorialisten, den „Jewreisky Golos", zu lesen. Er würde gewiß staunen über den gewaltigen Ruck nach vorwärts, den unsere Idee in Rußland bloß durch die Kunde von einer bevorstehenden Konferenz erhalten hat. Eine Unmenge neuer Vereine, eine Verdoppelung, Vervierfachung der Mitgliederzahl in den schon bestehenden, eine rege, erfolgreiche Tätigkeit seitens der leitenden Organe, frischer Mut und feste Zuversicht bei allen Gesinnungsgenossen im allgemeinen — das ist ein kurzes Charakteristikum der „Ito'-Bewegung in Rußland, seitdem die Einberufung der Konferenz bekannt gemacht wurde. Die Macht der Zentralisation! Würde ein Kongreß für Westeuropa nicht das Gleiche — und noch mehr — leisten, als die Konferenz für Rußland? „Ein Kongreß würde unsere Führer der Bewegungsfreiheit berauben?4 Das klingt mir nicht ganz geheuer. Stimmen die Bestrebungen der Führer mit denjenigen des Volkes überein — und das ist doch ohne Zweifel der Fall-]— so wären sie unmöglich durch die Volksstimme, den Kongreß, in ihrer Bewegungsfreiheit gehemmt. Gerade umgekehrt. Sie würden nur an Tiefe ihrer Kenntnisse, dessen, was dem Volke mangelt, gewinnen; es würde eine für beide Seiten nützliche Klärung stattfinden. Stimmen die Intentionen der Führer nicht mit den Wünschen des Volkes überein ... na, aber dann K-auchen wir ja erst recht einen Kongreß! „Die Chancen unserer Diplomatie würden durch einen Kongreß gefährdet!" Aber wer sagt es, daß der Kongreß mit der Politik etwas zu tun hat? Haben denn die schweizerischen Territorialisten verlangt, daß auf dem Kongresse diplomatische Geheimnisse enthüllt werden? Hat Herzl die Kongresse in alle Geheimnisse eingeweiht? (Wir werden übrigens später sehen, daß dieser Einwand auch von einem anderen Gesichtspunkt aus betrachtet, absolut außer Betracht fällt).