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Neue Nationalzeitung · 1907-07-05 · Heft 30 (5.7.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 30 (5.7.1907)
Date
1907-07-05
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 sehr rückhaltslos. als er von einem Kampfe gegen die Juden sprach. Professor Glombinski sagte: „Die zionistische Bewegung war mir sehr sympatisch. Ich bewunderte in ihr den Strom der Begeisterung, den ideellen, messianischen Zug. Die Wahlen haben mich jedoch überzeugt, daß ich mich getäuscht hatte. Die Zionisten haben sich mit den Elementen der Negation und der Zersetzung verbunden; sie, die Anhänger des Nationalismus arbeiteten den Anhängern der nationalen Anarchie in die Hände. Bei den Wahlen gingen sie mit den Sozialdemokraten. Und hier im Hause, auf wen stützen sie sich? Doch nur auf die Sozialdemokraten. „Während der Wahlen war es ja nur Taktik!" „Daß die zionistische Bewegung nur rein national wäre, dafür fehlen noch die Beweise." Vorläufig ist sie nur die Avantegarde der Sozialdemokratie. Sie schaart um sich alle Oppositionellen und Verzweifelten. Wer könnte denn leugnen, daß auch die Juden Anlaß zur Unzufriedenheit hätten? Daß die Zionisten 3 Mandate erobert haben, was beweist das? Es beweist nur, daß dieses Land so unglücklich ist, daß es jeder Opposition folgt, und jedem, der nur verspricht,, Gehör schenkt. Das sehen Sie ja am besten bei der polnischen Volkspartei. Hat sie denn ein anderes Programm als wir? Nein. Aber es haben ihre Kandidaten die Teilung der Gründe versprochen. Und so haben sie 16 Mandate erobert." „Wie stellen Sie sich somit, zur Frage der jüdischen Nationalität?" „Es wird Sache der Juden sein — ich wiederhole es — zu beweisen, daß sie eine Nationalität sind und sein wollen. Waren denn die Ruthenen vor dem Jahre 1848 eine selbständige Nationalität? Ich selbst glaube nicht daran, daß die Juden eine Nationalität wären. Sollen wir unsere Gesellschaft noch mehr spalten? Sollen wir schon 3 Nationalitäten im Lande haben?" „Wollet Ihr denn durchaus unsere Massen zwingen, polnischnationale Empfindungen zu heucheln, wenn sie in ihrem Innern dem Polentum fremd sind und nur jüdisch empfinden?" „Dann wollen wir kämpfen." „Wie lange denn?" „Bis wir uns überzeugen, daß hinter dieser Opposition und Unzufriedenheit ein nationaler und nicht bloß ein wirtschaftlicher radikaler Kern steckt." „Glauben Sie nicht, daß für das jüdische Proletariat etwas geschehen muß, daß seine wirtschaftliche Lage unhaltbar ist. daß'alle Maßregeln, die auf wirtschaftlichem Gebiete im Interesse des Landes ergriffen werden, nur den christlichen Berufsständen, nicht aber dem jüdischen Mittelstande und Proletariat zugute kommen?" „Sie haben Recht. Die reichen Juden erfüllen ihre Pflicht nicht. Ich habe es oft gesagt. Deswegen wurde ich aber auch, selbst von manchen rpatriotischen" Juden, als Antisemit verschrieen." „Wie stellen Sie sich zur Anerkennung der jüdischen Nationalität an den Universitäten?" „Ich bin ein entschiedener Gegner derselben. Die Sache erscheint mir überhaupt undurchführbar. Ein Teil der jüdischen Studenten würde als ihre Nationalität die jüdische anführen. Sollten jedoch diejenigen jüdischen Studenten, die sich zur polnischen oder ruthenischen Nationalität bekennen, das Gleiche tun? Wir würden uns nie zu einer derartigen Neuerung hergeben und von unserer Seite würde gewiß eine derartige Initiative nicht hervorgehen. Wir würden aber auch einen jeden derartigen Antrag bekämpfen." „Glauben Sie nicht, daß durch die Einführung zweier Rubriken in dem Nationale und zwar der Nationalität und der Muttersprache, die jüdischnationale Studentenschaft sich entschließen würde, das Polnische als ihre Muttesprracbe anzugeben, während sie sonst gezwungen wird, durch Angabe der jüdischen Muttersprache für ihre Nationalität zu demonstrieren?" ,,Möglich. Allein man wird es wissen, daß es sieb* hier lediglich um eine leere Demonstration handelt, und übrigens ist eine jüdische Sprache offiziell nicht erkannt." Damit war unser Gespräch zu Ende. Wir haben die Quintessenz der allpolnischen Weisheit gehört. Sie wird die jüdischnationale Bewegung ignorieren, sie wird sie bekämpfen. Beugen wird sie sich erst vor der Macht der Tatsachen. Wie sagte Glombinski: „Sie müssen uns beweisen, daß Sie eine Nationalität sind!" Herr Professor Glombinski! Wir haben es nicht mehr nötig, Ihnen das zu beweisen. * Jan Stapinski. Als zu Beginn der Reichsratswahlen das Gespenst der klerikalen Parlamentsmajorität auf dem politischen Horizonte erschien, da hieß es auch von Galizien, daß dort innerhalb der bäuerlichen Bevölkerung demklerikalen Zentrum der Sieg auf allen Linien bevorstehe. Und wie in den Städten die Allpolen, so betrachteten sich am Lande die Anhänger der päpstlichen Prälaten Stojalowski und Pastor als die Herren der Situation. Die polnische Volkspartei, eine Partei ehrlicher, braver Bauern und der Intelligenz angehörender Bauernsöhne wurde vom Zentralwahlkomitee des Polenklubs mit allen Mitteln galizischer Wahlkorruption bekämpft. Selbst die Freunde dieser Partei hatten nur schwache Hoffnungen, daß sie gegen die Uebermacht der Schlachta und des Klerus aufkommen werde. Das Unerwartete aber geschah. Das klerikale Zentrum vermochte nur in wenigen Bezirken im Wege der Minoritäten Mandate zu erobern, während die Volkspartei siegreich den Schauplatz behauptete und als eine 16 Männerpartei in das Parlament einzog. Dieser Sieg ist in erster Linie ein persönlicher Erfolg des Parteiführers Jan Stapinski. Ein tüchtiger Agitator, ein vorzüglicher Redner, der den Geist seiner Bauern versteht, hat Stapinski die Volkspartei organisiert und zu einem entscheidenden Machtfaktor in Galizien gemacht. Die Volkspartei hat nunmehr das Recht, als die erste Repräsentantin der polnischen Bauern in Galizien angesehen zu werden. Ueber die Judenfrage in Galizien äußerte sich Herr Stapinski wie folgt: „Wir sind weder Philosemiten noch Antisemiten. Wir sind eine Agrarpartei; die Juden ein Handelsstand. Nur aus dieser Verschiedenheit unseres Berufes können sich politische Gegensätze herausbilden. Diese Verschiedenheit des Berufes zieht aber auch andere Folgen nach sich: Ich glaube nicht, daß die Juden jemals politisch unabhängig sein könnten. Ihre Beschäftigung bringt es mit sich, daß sie mit allen staatlichen und gesellschaftlichen Faktoren rechnen müssen. Wenn sich aber die Juden bemühen, trotzdem unabhängig zu werden, so kann ich dies nur freudig begrüßen." „Wollen Sie mir gütigst Ihre Ansicht über die jüdischnationale Bewegung sagen? Sie lesen ja gewiß auch die Enuntiationen der polnischen Presse, die nur von „Feinden" des Landes spricht." „Aber, das ist lächerlich! Die Nationaljuden sind doch nicht unsere Feinde. Sie arbeiten ja nur für sich> für ihr Volk, für ihre Zukunft. Und wenn auch die Juden in Galizien dem Handelsstande,« wir aber dem Bauernstande angehören, so könnten wir ja schließlich auch zusammen im Interesse des Landes wirken. Der Kampf der Jüdischnationalen gegen die Wahlkorruption und gegen die Wahlmacher muß uns schon allein diese Partei sympathisch machen.

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