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Neue Nationalzeitung · 1907-06-28 · Heft 29 (28.6.1907) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 29 (28.6.1907)
Date
1907-06-28
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 29 Neue National-Zeitung« Seite 11 XEU1LLEB0N Dr. EMIL COHN*): Ruth. Da, um Mitternacht, erschrak der Mann, und als er sich vorbeugte, siehe, da lag ein Weib an seinem Fußende. Er rief: »Werbist du?« Sie antwortete: »Ich bin deine Magd Ruth: breite deinen Fittig über deine Magd, denn du bist der Löser!« Ruth, 3, 8-9. Das Mädchen wollte ihm nicht aus dem Sinn. Immer wieder mußte Boas an sie denken. Auf seiner Tenne lag er und war ganz erschöpft. Bis zum Umsinken hatte er sein Korn geworfelt. Mit Gewalt hatte er seine Gedanken abwenden wollen von dem lieblichen Wesen, das vor zwei Tagen über sein Feld gelaufen war und nun Aehren las bei .seinen Schnittern vom Morgen bis zum Abend. Da hatte er mit Macht seine Worfel geschwungen und weithin war die Spreu zerflattert. Auf seines Herzens Tenne aber blieben die Gedanken an sie doch immer als das reine Korn zurück, und alles andere flog auseinander. Nun lag er da im Reichtum seiner Garben und blickte hinaus durch die weitgeöffnete Tür in die abendliche Landschaft, die dämmernd sich breitete vor seinen Augen. Das waren alles seine Felder, seine Saaten. Er wollte schlafen und schloß die Augen. Mit einemmale lächelte er. Er hielt die Wimpern geschlossen und lächelte. Ein liebliches Sinnen flog wie ein blauer Falter nm seine Stirn: Wenn ich sie jetzt öfine, meine Augen, wird sie hier vor mir stehen in der Tür. So dachte er und lächelte. Halb wohl, woil es ein närrisches Denken war, halb aber auch, weil er es so gern glauben wollte, nein, wirklich glaubte. Ganz wirklich glaubte: Ruth! süße Ruth! Und wieder sah er sie hinter den Schnittern einher schreiten, stumm, mit gebeugtem Rumpfe, wie sie die Hand über den Boden fahren ließ, die Aehren zu fassen, um je und je sich aufzurichten und Atem zu schöpfen. Da war sie das Bild einer stolzen Armut, einer kraftvollen Demut holde Gestalt. Und wieder hörte er sie sprechen. Voll Hingebung und Zurückhaltung: „Sei mir gnädig gesinnt, o Herr! Sieh freundlich an deine Magd! Schon hast du sie getröstet!" — Und Boas dachte an die uralt heilige Vorschrift, die ihn verpflichtete, dieses Weib als Gattin ins Haus zu nehmen, wenn sie kein anderer nahm, der ihr näher stand. Er war der Löser, der sie lösen konnte von ihrer Witwenschaft. Eines Blutes war er mit ihrem Gatten, der so jung ihr geschieden war in fremdem Lande. Ruth, süße Ruth! 0, wenn sie jetzt käme, wie wollte er sie niederziehen auf sein Lager von Aehren! Wie wollte er sie umfangen in ihrer blühenden Jugend! Ruth, süße — süße Ruth! Es war aber um Mitternacht, da schrak der Mann empor aus seinem Schlafe, und als er sich tastend vorbeugte, siehe, da lag ein Weib an seinem Fußende. „Wer bist du?" flüsterte er. „Ich bin deine Magd Ruth: *) Im „Virgil-Verlag* in Charlottenburg ist soeben eine kleine Sammlung von modernen Sclirifterklärungen nnd Andachten des wegen seiner zionistischen Gesinnung vom Berliner Vorstand entlassenen Rabbiners Dr. Emil Cohn erschienen. Sie führt den Titel: „Suchet mich, so lebet ihr". Wir entnehmen dieser Sammlung obige Skizze, die in einer sehr schönen Sprache das Ruth-Thema behandelt. Anm. d. Red. breite deinen Fittig über deine Magd; denn du bist der Löser!u Still, o Freund! Wenn du ein Mensch bist, so sinke jetzt nieder in die Knie deines Herzens; denn hier ist heiliger Boden: Ein Weib kommt um Mitternacht auf die einsame Tenne, deckt auf das Lager des Mannes, den sie liebt, und legt sich hin zu seinen Füßen. Und als er aus dem Schlafe erschrickt, schmiegt sie sich an" seine Knie und bittet: „Nimm mich zum Weibe, Herr!;' Entsetze dich, Philister: Dieses Weib ist die höchste Blüte des Frauentums. Eine Blüte, die bis in Gottes Himmel reicht. Eine Blüte, die in einer Zeit sich öffnete, da das Weib ganz rechtlos, ganz armselig, ganz hilflos war. Aber alle Rechte der modernen Frau, geregelt durch Moral, Sitte und Gesetz, haben bis heute nicht die Blüte einer Tat zeitigen können wie diese. Wohl gibt es heute Mädchen, die sich so hinwerfen. Nur ist ein kleiner Unterschied dabei: Heute traut sich nur die Schamlosigkeit auf den Weg, den damals die hilflose Keuschheit ging. Die Straßendirne, die den Schmutz nicht scheut, die bringt es fertig. Das Mädchen, das damals in nächtlicher Stunde auf des Geliebten Lager stieg, sie tat es in der makellosen Selbstverständlichkeit ihrer innigen Triebe. Heilige Scham! Majestätische Hilflosigkeit! Du schreitest machtvoller einher als aller Mut einer kämpfenden, sieggewohnten Zeit. Du kennst keine Sitte, du weißt nicht, wo das Erlaubte endet und das Unerlaubte beginnt. Du bist gewappnet mit dreifachem Erze, daß die Arme der Helden zergehen vor dir. Da schreitest durch Sümpfe, und es flieht der Morast vor dem Alabaster deiner Sohlen. Du springst in Abgründe und fällst auf den blauen Sammet eines Veilchenbeetes. Nimm mich zum Weibe, sagte Ruth. Wo ist das freie Mädchen von heute, das den Mut hätte, solche Worte zu sprechen? Wo ist der Mann, der sie anhören könnte, ohne verletzt-zu sein im Gefühle seiner Stärke? Armselige Zeit, die 3000 Jahre zurückgehen muß, um Freiheit und Mut zu lernen! Tausendmal armselige Zeit, die die Geschichte der jungen Ruth erzählt und naserümpfend über dieses Kapitel hinweggeht! Das ganze Buch schenke ich dir und zehn andere biblische Bücher dazu, um diesen einen Satz, umwobeu vom Zauber einer mitternächtlichen Stunde: „Ich bin Ruth: Breite aus deinen Fittig über deine Magd, denn du bist der Löser!" — Da lag sie in finsterer, einsamer Nacht zu seineu Füßen, und der Mann tastete nach ihr, und als er sie fand, — o nein, er küßte sie nicht, zog sie nicht zu sich hernieder, wie er hinter dem Schleier seiner Wimpern geträumt hatte im ersten Schlummer der Dämmerung. Aber durch sein Herz rauschte ein Meer von Demut, und seiner Seele Nacken beugte sich unter die weiße Sohle dieses jungen Weibes, das millionenfach stärker war als er. Er verging vor Scham und Reue und wußte nicht, um was. Aber er fühlte tief, wie klein und schwach er war vor dieser jungen Seele, die, ohne es zu wissen,, einherschritt in der Macht einer herrlichen Majestät. Und Boas hielt im Dunkeln ihre Hand. Er sah sie nicht und wollte sie nicht sehen. Und als er sprach, waren seine Wimpern geschlossen. Und er segnete sie und versprach ihr alles und nannte sie eine wackere Frau, und sie sollte ruhig schlafen neben ihm bis zum Morgen. Und so lag sie zu seinen Füßen und entschlummerte. Am Morgen aber erhob sie sich und ging hinweg, eheein Mensch den anderen erkennen konnte.

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