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Neue Nationalzeitung · 1907-06-28 · Heft 29 (28.6.1907) · p. Seite 9

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 29 (28.6.1907)
Date
1907-06-28
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 29 »Neue National-Zeitung« Seite 9 Aufstellung gelangen, könnten allen Gemeinden, die gleich der unserigen von einer großkapitalistisch-deutschtümlerischen Klique beherrscht werden, zum Muster dienen. „Am Sonntag, den 23. Juni, finden die Wahlen in die Kultusgemeindevertretung statt; in ernster, letzter Stunde rufen wir euch aut; getreu unseren Zielen und in Uebereinstimmung mit einem großen Teile der jüdischen Wählerschaft, haben wir folgendes Programm aufgestellt und erwarten von euch, daß ihr am Wahltage geschlossen und geeint mit dem Stimmzettel für diese Forderungen eintreten werdet. Wir fordern das Wa Ii 1 rec h t für alle jüdischen Reichsrats Wähler im Sprengel der Kultusgeineinde; es dürfen nicht gerade jene Juden ausgeschlossen bleiben, welche oft das stärkste Interesse und das tiefste Empfinden für jüdische Angelegenheiten haben; die Alleinherrschaft des Geldsackes muß gebrochen werden. Wir fordern volle Oeffentlichkeit der Sitzungen; jeder muß sich über die Vorgänge und Bestrebungen in der jüdischen Gemeindestube jederzeit unterrichten können; es darf nicht länger geduldet werden, daß die bisherigen Machthaber ihr ganzes Tun und Treiben mit dem Schleier des Amtsgeheimnisses umgeben. Wir fordern e i d e gerechte Steuerreform. Der ohnehin schwer belastete Mittelstand darf nicht noch ärger mit Steuern bedrückt werden. Die mit 15G fl. festgesetzte Steuergrenze muß verschwinden. Unsere Reichen sollen in richtigem Verhältnisse an den Gemeindelasten mittragen. Das sind unsere Hauptforderungen. An euch liegt es nun, diese gerechten und wahrhaft jüdischen Bestrebungen zu fördern und zu verwirklichen! Oder wollt ihr auch diesmal wiederum jenen Leuten ohne Kampf das Feld überlassen, die sich seit Jahrzehnten als unsere Herren, als unsere geborenen Führer aufspielen'? Die es deshalb niemals der Mühe wert fanden, euch Rechenschaft abzulegen, die euch auch diesmal diktieren wollen, wen ihr zu wählen habt, und die bei all' dem nicht den Mut finden, dies offen einzugestehen, sondern in jesuitischer Manier bestreiten, daß sie an ihren Mandaten kleben und sich selbst und allein zur Wiederwahl euch aufdrängen, weil sie ihre sorgsam ausgeklügelten und im Geheimen vereinbarten Listen nicht selbst unterschreiben, sondern andere Leute vorschieben. Habt ihr es nicht satt, euch von jenen nach ihrem autokratischen Gutdünken leiten und gängeln zu lassen, die seit vielen Jahren bereits und noch dazu von der Kultusstube aus eine antijüdische und antidemokratische Politik betreiben, weil sie in ihrem eingeengten Gesichtskreise ein Jahrzehnt der Entwickelung des Judentums verschlafen haben und es darum nicht fassen können, daß sich gerade die Besten unseres Volkes schon lange von ihnen und ihren Bestrebungen abgewendet haben; — von den Leuten, die sich an Parteien und Kliquen anbiedern, die uns fremd, ja feindselig gegenüber stehen und uns offen und geheim bekämpfen und befehden; von den Leuten, die sich zu politischen Handlangerdiensten hergeben, deren Kosten und Folgen der jüdische Mittelstand zu tragen und zu dulden hat. Die Politik gehört nicht in die Kultusgemeindeverwaltung! Doch wenn schon dieselben Männer, welche gleichzeitig in der Kultusstube sitzen, Politik treiben, dann darf es gewiß keine solche sein, die uns Juden zum Unheil gereicht. Trotz ihres blinden und überstürzten Reformeifers, trotz ihrer täppischen Versuche, auf dem Gebiete des Kultes Bräuche einzuführen, die das religiöse Empfinden weiter Kreise der Judenschaft verletzen mußten, bleibt die herrschende Partei das Bollwerk der Unfreiheit und des Rückschrittes, der Herd der Assimilation und der Tummelplatz das Judentum entwürdigender Bestrebungen. ■ Ein Hauch der Erneuerung durchweht das jüdische Volk! Die neue Zeit braucht neue, frische Männer! Darum wählet einmütig nur lolgende Kandidaten: Julius Nichtenhauser, Bielitz; Feiwel Rabinowitz, Bielitz; Dr. Leopold P a d a w e r, Bielitz; Dr. Julius Werner, Bielitz; Berthold S i m a c h o w i t z, Ernsdorf." Deutsches Keieli. Die Ausweisung österreichischer Staatsbürger aus Preußen. Breslau. Das Königreich Preußen grenzt an Rußland. Gewiß nicht ohne Grund. Das schändliche Treiben der russischen Regierung gegen jüdische Staatsbürger aus Oesterreich, denen der dauernde Aufenthalt verboten wird, findet seit jeher in Preußen Nachahmung. Der österreichische Staatsbürger — notabene der Jude — ist in Preußen vogelfrei. Er kann jeden Moment ausgewiesen und damit total ruiniert werden. Und die österreichische Regierung tut gar nichts, um dem abzuhelfen! Sie interveniert zwar gewöhnlich pro forma, schließlich aber läßt sie ihren Staatsbürger fallen. So schützt die österreichisch-ungarische Großmacht ihre Untertanen gegen die brutale Vergewaltigung im Auslande! Man darf wirklich stolz sein, österreichischer Staatsbürger im Auslande zu sein. Ein Staat zweiten oder dritten Ranges weiß seine Untertanen energischer zu schützen. Und dabei sind ja unsere Staaten Verbündete .... Das brutale Vorgehen der preußischen Behörden illustriert am besten die Eingabe des Ingenieurs Benno Kohn in Königshütte an den österreichischen Minister des Auswärtigen. Darin heißt es: »Am 1. September v. J. trat ich als Ingenieur in Stellung bei der Brückenbauanstalt der vereinigten König- und Laura- Hütten-Aktiengeseilschaft in Königshütte, Preußisch-Schlesien. Da ich in Ung.-Brod in Mähren gebürtig und dahin zuständig, also österreichischer Staatsbürger bin, habe ich mich durch einen ordnungsmäßig von der Bezirkshauptmannschaft in Ung.-Brod ausgestellten Reisepaß zu dauerndem Aufenthalte hierorts polizeilich gemeldet. Am 1. d. M. erschien in meiner Wohnung ein Wachmann und meldete mir, daß mir der dauernde Aufenthalt in Königshütte von der Polizei nicht gestattet werden wird. Da ich hierüber keinen gerichtlichen Bescheid erhielt, begab ich mich am 3. d. M. auf das Polizeiamt, um mich zu erkundigen, ob diese Meldung tatsächlich von der Polizei veranlaßt wurde. Der Polizeisekretär bestätigte dies, befragte mich nach meiner Konfession, die ich als mosaisch angab, und erklärte mir hierauf, daß laut Erlaß des Regierungspräsidiums in Oppeln den Ausländern mosaischer Konfession der Aufenthalt im hiesigen Regierungsbezirke nicht gestattet werde. Mein Erstaunen wuchs noch mehr, als er mir einige andere hiesige Königshüttener Beamte mit Namen nannte, gegen welche auf gleiche Art vorgegangen ist. Ich habe mich in dieser Angelegenheit sofort durch eine Eingabe an das k. u. k. österreichisch-ungarische Konsulat in Breslau gewendet, erhielt am 12. d. M. den Bescheid, Nr. 7519, in welchem mir mitgeteilt wurde, daß die Aeußerungen des Polizei-Sekretärs der Wahrheit entsprechen, daß aber das k. u. k. Konsulat in meiner Angelegenheit erst dann intervenieren könne, wenn ich den schriftlichen Ausweisungsbefehl in Händen haben werde. In der Anlage erfolgt die Abschrift dieses Bescheides. Am 12. d. M. erhielt ich auch von der hiesigen Polizeibehörde ein Vorladung zum Polizeisekretär. Ich wurde befragt, ob ich mich hier dauernd aufzuhalten gedenke, was ich in einem Protokolle bejahte! Hierauf zitierte der Beamte den bereits erwähnten Erlaß des Regierungs-Präsidiums in Oppeln, laut welchem den Ausländern mosaischer Konfession der dauernde Auf enthalt hier orts nicht gestattet werde. Er fragte mich, ob ich mich freiwillig aus Königshütte entfernen

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