Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 29 (28.6.1907)
- Date
- 1907-06-28
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29 »i^ieue National-Zeiturig« Seite!> seiner unsäglichen, verehrungs vollen Begeisterung für die — antisemitische Preßfreiheit passieren läßt? Sollte dieses verruchte Attentat auf die Ehre des ganzen Judentums, verübt in dem offiziellen Blatte der christlichsozialen Partei, die jetzt auch dem Abgeordnetenhause eines ihrer radikalsten Mitglieder als Präsidenten aufgezwungen hat, nicht auch von jüdischen Abgeordneten gebührend gezüchtigt werden? Man täusche sich ja nicht mit den einschläfernden Gedanken, daß die Blödheit und Ungeheuerlichkeit dieser der Gesamtheit der Joden zugefügten Insulte einer Zurückweisung nicht bedarf, weil sie sich selbst richtet. Wissen wir es nicht zur Genüge, haben wir es nicht in unzähligen Fällen zu unserer Verblüffung erfahren, daß es keine so törichte, so verlogene, so lächerliche Beschuldigung gibt, die, gegen die Juden erhoben, nicht gläubige Anhänger und begeisterte Vei künder fände? Würde der eine Fall Hülsner nicht schon mehr als hinreichen, um uns zu belehren, daß im Kampfe gegen die Juden auch das Unsinnigste eine mächtige Waffe ist, die siegreich Recht, Vernunft und Menschlichkeit niederschlägt? In demselben Artikel, in welchem wegen des einen Dr. Robert Eisler alle Juden mit der Diebsmoral ausgestattet werden, ist auch der Satz enthalten: „Was Dreyfus für das Militär, das bedeuten Beer und Eisler für die Wissenschaft und die Gelehrten." Wahrhaftig, die antisemitische Schurkerei braucht sich keinerlei Grenzen zu ziehen, sie darf kühn auf jedes Feigenblatt der Schamhaftigkeit verzichten. Vor den Augen Europas haben die edelsten und besten Männer Frankreichs, an deren Spitze Christen standen, den Beweis erbracht, daß an dem „Juden" Dreyfus ein Verbrechen begangen wurde, wie es die kühnste Phantasie nicht scheußlicher ausmalen könnte. Die antisemitische Presse beharrte mit unerschütterlicher Konsequenz dabei, daß nicht nur der „Jude" Dreyfus ein Verräter gewesen, sondern, daß er in seiner Person den Typus des verräterischen jüdischen Soldaten überhaupt verkörpert. Und die von dem antisemitischen Geist durchseuchten Leser plappern es nach: Dreyfus ist und bleibt ein Verräter! Die antisemitischen „Dogmen" lauten: Eisler war ein Dieb, folglich sind alle jüdischen Gelehrten und überhaupt alle Juden von der Diebsmoral infiziert. Dreyfus ist ein Jude, er muß also ein Verräter bleiben, denn alle jüdischen Soldaten sind Verräter. Die antisemitische Frechheit macht auch da noch nicht Halt. Sie schreckt selbst vor der vielleicht noch tollhäuslerischen Behauptung nicht zurück, daß die sexuellen Abnormitäten, derentwillen der „Jude" Beer in Konflikt mit den Gesetzen geraten ist, nicht diesem Herren allein auf das Schuldkonto gebucht werden dürfen, sondern daß das gesamte Judentum die Verantwortlichkeit für dieselben zu tragen habe"! Diese Abnormitäten werden zu normalen „jüdischen1 Lastern gestempelt! Kann die schurkische Verleumdungssucht, der verbrecherische Wahnwitz noch grauenhaftere Auswüchse zeitigen? Nicht einmal die Tatsache, daß gerade in den letzten Tagen auch die gesamte „arische" Presse Mitteilungen über die „Liebenberger Gesellschaft" veröffentlichte, bei welchen ausschließlich altaristokratische Namen genannt wurden, legt der „Deutschen Zeitung" die Reserve auf, wenigstens in diesem Momente sexuelle Abnormitäten ohne konfessionelle Exklusivität zu betrachten. Kein Zweifel, der Kern des antisemitischen Evangeliums befiehlt, daß jede Schuld auf Erden den Juden aufgeladen wird und vielleicht am meisten dann, wenn sie von Nichtjuden begangen wird . . . Die „Deutsche Zeitung" schließt mit der Forderung: „Genaue Scheidung zwischen Judentum und Arier tum, Verhinderung des Eindringens jüdischer Elemente in jene höheren Kultursphären, die auf Geistesvornehmheit und Ehrenhaftigkeit beruhen. . . . Denn das Judentum mit seiner niedrigen Erwerbsmoral wirkt in allen unseren arischen Einrichtungen wie ein zersetzendes Gift." Nun, wir glauben, das Ariertum, welches sich zu den Grundsätzen christlicher Moral bekannt, wird sich niemals von den „jüdischen" Moralbegriffen lossagen können, denn das Christentum basiert auch in diesem Punkte ganz und völlig auf dem Judentum. Die „antisemitische" Moral, die hat sich freilich von der „jüdischen" Moral gründlich losgesagt. Von jener ..jüdischen" Moral, die zuerst der Welt verkündete, daß Lügen und Fälschen, Stehlen und Morden, Hassen und Verleumden gegen den göttlichen Willen verstoßen. Die genaue Scheidung zwischen Judentum und Christentum einerseits und — Antisemitismus andererseits hat sich, was die Fragen der Moral belangt, längst vollzogen. Es wäre nur zu wünschen, daß jüdische Abgeordnete im Parlamente durch die Beleuchtung der jüngsten antisemitischen Hetze anläßlich des Falles Eisler, diese Unterschiede zwischen „jüdischer" und „antisemitischer" Moral in der Weise klarlegen, die die Immunität gestattet. Es wäre wohl auch dann nicht zu hoffen, daß die antisemitischen Lügenmäuler verstummen . . . . Aber der Moral — wir meinen der „jüdisehen" und „christlichen" Moral — wäre Genüge geschehen. G. E. DAS PARLAMENT. Der jüdische Klub. Der Klub der jüdischnationalen Abgeordneten hat sich kaum konstituiert und schon werden ihm von allen Seiten Prügel vor die Füße geworfen. Eine regelrechte Hetze wird seitens der radikalfreisinnigen (lies: antisemitischen) und der deutsch fortschrittlichen (lies: getauften) Studenten der Prager deutschen Universität gegen den Abgeordneten Dr. Maliler inszeniert. In Versammlungen, die von Universitätsprofessoren besucht sind, wird die merkwürdige Theorie entwickelt, daß ein Jüdischnationaler an einer deutschen Universität nicht dozieren könne, weil diese „klerikale" Weltanschauung mit der freien Wissenschaft nicht vereinbar sei. Man weiß wirklich nicht, worüber man mehr staunen soll, über diese Borniertheit oder Verworfenheit. Teder ernste Politiker weiß heutzutage, daß die jüdischnationale Idee freiheitlich und demokratisch ist, daß sie deswegen auch von den Orthodoxen und Wnnderrabbis bekämpft wird. Das verworfene antisemitische und getaufte Studentenpack an der deutschen Universität in Prag ist aber um eine Lüge und Verleumdung nicht verlegen, wenn es gilt, den jüdischnationalen Gegner anzugreifen. Es wird weiter, aber schon mit etwas gedämpfter Stimme gegen Dr. Mahler der Vorwurf erhoben, daß er, weil er sicli zum Deutschtum nicht bekenne, auch au einer deutschen Universität nicht dozieren dürfe. Dieses Argument ist schon geradezu bewußt erlogen. Es ist bekannt, daß hervorragende Gelehrte polnischer und selbst czechischer oder slovenischer Nationalität an deutschen Universitäten wirken, ohne daß sich die anti- » semitischen oder getauften Jünglinge an sie herangewagt hätten, Z.B.Mikulicz (Pole) in Breslau, Neasser (Pole) und Albert (Czeche) in Wien u. s. w. Selbst an der deutschen Universität in Prag doziert Germanistik Herr Dr. Spiridion Vugadinovic, ohne daß der „deutsche" Geist dieses slovenischen Dozenten auf seine Echtheit geprüft worden wäre. Schließlich sind ja aueh Prof. Krasnopolski (früher Schönfeld) und Prof. Rauchberg (aus Podgorze bei Krakau) keine waschechten Deutschen und dennoch regen sich darüber die