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Neue Nationalzeitung · 1907-06-28 · Heft 29 (28.6.1907) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 29 (28.6.1907)
Date
1907-06-28
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Neue National-Zeitung« Nr. 29 damit den Zorn des Himmels besänftigen und den Regen herbeirufen. Die Israeliten werden benachrichtigt, wenn dieser Frevel begangen wird. Sie wagen aber nicht, ihre Häuser des Nachts zu verlassen; die Uebeltäter sind alle bewaffnet. Man beschwert sich beim Gouverneur. Aber wie den Schuldigen fassen? Wer wird ihn angeben? Die Israeliten von Severek haben auch eindringlichst einen Leiter zur Schaffung einer Schule verlangt. Sie machen sich gar keine Vorstellung davon, was die Organisation einer Schule bedeutet. Sie haben mir nach Mossul einen Brief geschickt, durch den sie sich, trotz ihrer Armut, verpflichten, 25 bis 30 türkische Pfund jährlich zum Unterhalt dieser Schule zu geben. Sicher ist, daß bei Eröffnung einer Schule, sei es in Diarbekir oder in Orfa, alle Israeliten aus Severek dahin wandern werden, wo die Schule sein wird. Unsere unglücklichsten und am meisten verfolgten Glaubensgenossen sind unzweifelhaft die von Djesireh. Ich war 24 Stunden in dieser Stadt. Sie liegt 170 Kilometer von Diarbekir, am rechten Ufer des Tigris, am Fuße des Dschudiberges, wo nach der Behauptung der Eingeborenen die Arche Noahs Halt machte. Von Diarbekir bis Djesireh fließt der Tigris zwischen sehr malerischen Schluchten hin, von hier an tritt er in die fruchtbaren Ebenen Mesopotamiens ein. Die ganze Stadt ist aus schwarzen Steinen gebaut wie Severek und Diarbekir. Die Israeliten sind — 150 an der Zahl — fast alle Schuhflicker oder Hausierer. Sie leben im düstersten Elend, mißhandelt, verachtet und geschlagen von der Bevölkerung. Die Demütigung zeichnet sich auf ihren Gesichtern. Sie wagen nicht erhobenen Hauptes auf die Straßen zu gehen, noch laut zu sprechen. Ihr Chacham Baschi, in Lumpen gekleidet und barfuß, wagte nicht, mich aufzusuchen, da er fürchtete, von Matrosen und Soldaten mißhandelt zu werden. Ich ließ ihn holen. Die Israeliten baten mich, gegen Abend in ihr Quatier zu kommen. Ihre Häuser liegen an einem einsamen Ort, fern von der Stadt. In der Mitte ist die Synagoge. Man gelangt durch ein sehr niedriges Türchen hinein. Man muß sich tief bücken, um hindurch zu gelangen. Man geht mehrere Stufen hinab und gelangt in einen Hof. Man könnte glauben, man kommt in eine Höhle. Auf diesem Hof geht man noch einige Stufen hinab, um die Synagoge zu erreichen. Es ist eine wahrhaft düstere Grotte, in den Felsen eingeschnitten, mit Bogen und mahlerischen Säulen. Ein Loch in dem Felsen bildet das Hechal, wohin man die Sepharim stellt. Die Israeliten behaupten, daß diese Synagoge sehr alt ist, daß sie seit Esra existiert. Man könnte annehmen, daß dieser Tempel zur Zeit der Verfolgungen gebaut wurde, in einem Augenblick, wo man sich verstecken mußte, um die Religionsvorschriften zu beobachten. In den ersten zwei Jahrhunderten nach der Hedschra gestatteten die Muselmanen weder den Israeliten noch den Christen, ihre Gebetstätten über dem Erdboden anzulegen. Alle mußten in einer gewissen Tiefe in der Erde liegen. Die Moschee allein mit ihrem Turm sollte alles überragen.*) Die Israeliten von Djesireh sprechen in ihren Familien hebräisch^ weil sie alle aus dem Bezirk von Mossul stammen. Die Männer auf dem Markte sprechen kurdisch, türkisch und arabisch. Trotz ihrer Armut helfen sie allen Glaubensgenossen, die durch ihre Stadt kommen. Sie verschaffen ihnen Wohnung und Nahrung, solange die Gäste sich dort aufhalten. Wenn jemand im Gefängnis ist, so machen sie es sich zur Pflicht, ihm regelmäßig zu essen zu schicken. Es ist rührend, diese Solidarität zu beobachten. *) Die Anlage des Gebetshauses unter dem Niveau der Straße braucht nicht notwendig das Ergebnis einer intoleranten Vorschrift von Seiten der herrschenden Kirche zu sein. Manche Synagoge ist so angelegt, um das Psalmwort »Aus den Tiefen schreie ich zu dir« zu illustrieren. Anm. der Red. „Das jüdifdie Gift." Als der „Feldmarschall" der Christlichsozialen Dr. Geßmann ineinem Momente politischer Verlegenheit über die Wahlen, welche eine so imposante Anzahl von Sozialdemokraten in das Parlament brachten, von der „Toleranz" sprach, die allen Konfessionen gegenüber am Platze sei, glaubten die politischen Neidlinge, die unter den Juden so reich vertreten sind, daß nunmehr eine neue Aera angebrochen sei. Sie wiegten sich schon in der Hoffnung: Das Ende des Antisemitismus in Oesterreich sei herangekommen, denn selbst die Führer der Christlichsozialen sind zu der Erkenntnis gekommen, daß die „Judenhetzen" antiquiert sind und die — „Toleranz" nunmehr das Panier sein werde, um das sich die Parteien scharen müssen. Die Ernüchterung trat rasch ein. Der schöne Traum machte alsbald der häßlichsten Wirklichkeit Platz. Im Namen der neuen „Toleranz" wurde schon Wiener freisinnigen Abgeordneten wegen ihrer Konfession der Eintritt in den Verband der deutschen Parteien verwehrt und diesmal — welch erhebender Fortschritt! — waren es sogar „liberale" Männer, die sich zu der Mission verstanden, platonische Hausknechtsdienste gegenüber den Juden zu versehen. Und in der christlichsozialen Presse, die täglich das moralische Gift m die Seelen tausender Leser träufelt, wird gerade seit der Veröffentlichung des Geßmannschen Toleranzediktes die Judenhetze mit womöglich verstärkter Tücke und verdoppelter Verlogenheit geführt. Wie soll es erst werden, wenn der ,. Feldmarschall" es plötzlich zeitgemäßer fände, das Losungswort auszugeben, daß es mit der „Toleranz" gegen die Konfession vorbei sei und der Kampf wieder beginnen müsse? Nun, ein Trost ist den Juden auch für diese Eventualität geblieben. Ein böswilligeres, gefährlicheres, schurkischeres Attentat auf die Juden, wie es eben jetzt in der „Toleranzaera" in dem offiziellen Moniteur der christlichsozialen Partei, in der „Deutschen Zeitung", verübt wurde, kann auch in schlimmeren Zeiten nicht mehr gedacht werden. In dem leitenden Artikel, welchen das Blatt vorigen Sonntag unter dem Titel „Das jüdische Gift" veröffentlichte, wird eine bübische, niederträchtige Verleumdung gegen das gesamte Judentum geschleudert, die in jedem Juden, der einen Funken Ehrgefühl im Leibe hat, die Frage erwecken muß, ob denn die Juden in Oesterreich samt und sonders vogelfrei erklärt seien, daß man sie alle zu Trägern einer r.Diebsmoral" stempeln darf... Die „Deutsche Zeitung bespricht in dem erwähnten Artikel den Fall des Dr. Robert Eisler, der wegen eines Bücherdiebstahls in Udine von italienischen Richtern verurteilt wurde und kommt dabei zu folgendem Resümee: „Wieder hat es sich gezeigt, daß der Jude jedem Stande, den er usurpiert; Unehre macht, daß er ihn mit seiner Diebsmoral besudelt und beschmutzt." „Die Diebsmoral der Juden!" Weil ein Mensch, der zufällig einst der jüdischen Konfession angehörte (der er übrigens, nebenbei bemerkt, längst den Rücken kehrte), einen Diebstahl verübte, müssen sich alle Juden die Brandmarkung gefallen lassen, daß sie von einer Diebsmoral beseelt und erfüllt, jeden Stand, in dem sie Aufnahme finden, besudeln und beschmutzen. Weil Dr. Eisler ein Buch gestohlen, müssen nicht nur alle Gelehrten jüdischer Konfession und Abstammung, die ihre Namen ruhmvoll in der Geschichte der Wissenschaften verewigten, sich als Diebsgesellen stigmatisieren lassen; nein, noch mehr, alle, alle Stammesgenossen des Dr. Eisler müssen es erdulden, daß ihnen dieses Galeerenzeichen auf die Stirne gedrückt wird. Und das soll von den Juden ohne Wimpernzucken ertragen^ werden, weil es der Herr Staatsanwalt in,

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