Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 29 (28.6.1907)
- Date
- 1907-06-28
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 29 »Neue Nalional-Zeltung« Seite 3 Um diese immense Summe alljährlich aufzubringen, dazu ist eine große Opferwilligkeit der Juden aller Weltteile nötig. Und diese Opterwilligkeit ist auch vorhanden. Die Alliance zählt 30.000 Mitglieder. Eine mächtige Förderung ist der Alliance im Jahre 1906 durch den engeren Anschluß der deutschen Zweigorganisation, weiche den Titel führt „Die deutsche Konferenz-Gemeinschaft der A. J. U." zuteil geworden. Dieselbe zählt allein 13.000 Mitglieder. * Wir können unsere Beschreibung der großen Kulturarbeit der Alliance nicht schließen, ohne unseie Leser wenigstens mit einem Bruchteil der Berich'e Niegos, der im Auftrage des Zentralkomitees die jüdischen Gemeinden in der asiatischen Türkei besucht hf t, bekannt zu machen. Diese Berichte muß man lesen, um zu wissen, wie schrecklich und bitter das Los unserer armen Brüder im Oriente ist. Bagdad, den 17. Juni 1907. Die israelitische Gemeinde Diarbekir besteht aus 122 Familien mit 505 Seelen. Sie sind alle arm und elend und leben in einem besonderen Viertel der Stadt am Tigris. Die reichsten, vier an der Zahl, haben ein Kapital von 1000 bis 2000 Francs. Alle andern leben im traurigsten Elend. Einige besitzen kleine, einzimmerige Häuschen, einen Hof und eine Terrasse im Werte von 100 Francs. Das schönste Haus, das aus drei Teilen besf.eht, wird auf 800 Francs geschätzt. Die meisten Juden von Diarbekir waren früher Hausierer und treiben in den benachbarten Dörfern Handel; aber diese Tätigkeit schwindet mehr und mehr. Wegen der Unruhen, die dort herrschen, wagen sie sich nicht mehr auf das Land. Die Bauern selbst wagen keinen Ackerbau zu treiben. Die Israeliten treiben kein Handwerk. In ihren Häusern sprechen sie arabisch, doch verstehen die Männer, die häufig den Markt besuchen, auch türkisch, kurdisch und armenisch. Die Frauen verhüllen ihr Gesicht und essen nicht in Gemeinschaft mit ihren Gatten; sie führen ein gänzlich zurückgezogenes Leben. Sie verlassen das Haus nur, um ins Bad zu gehen; sie gehen nie auf den Markt. Die Gemeinde besitzt eine steuerfreie Synagoge. Sie besteht aus drei Teilen, einem großen geschlossenen Raum zum Beten — man sitzt auf Matten am Boden —, einem Hof, wo man sich im allgemeinen im Sommer aufhält, und einem Raum, wo man die Kinder zur Talmud-Tora versammelt. Was man die Kinder lehrt, ist sehr wenig. Die meisten Israeliten von Diarbekir sind Analphabeten; sie können weder lesen noch schreiben. Sie begnügen sich damit, während der Gebete des Chasan Amen zu sagen und beständig den Körper hin und her zu bewegen. An der Mauer der Synagoge sind drei gravierte Steine. Zwei enthalten die Namen der beiden Verwalter (Gabbaim), die der Gemeinde Dienste geleistet haben, und auf dem dritl en steht der Name Moses Montifiore, der 100 £ zur Wiederherstellung des Tempels geschickt habe. Man versammelt sich regelmäßig morgens und abends im Tempel. Trotz aller Leiden und Verfolgungen sind sie wunderbar der Religion ergeben und beobachten alle ihre Vorschriften. Wenn das Zentral-Komitee sich entschließt, in dieser Stadt eine Schule zu schaffen, darf es auf mehr als 80 Schüler nicht rechnen. Wenn man eine gemischte Schule einrichten will, so wird man 150 Knaben und Mädchen haben können. Da aber die Gemeinde außerordentlich arm ist, müssen alle Kosten der Alliance zur Last fallen. Die Gemeinde ist dermassen arm, daß sie ihren diensttuenden Beamten nicht voll bezahlen kann, der zugleich Lehrer und mit 120 Francs engagiert ist. Zur Eröffnung einer Schule wird man in dem israelitischen Quartier nicht einmal ein geeignetes Lokal finden. Man müßte sich entschließen, zu bauen. Ich weiß nicht, ob die Bewohner von Diarbekir einer Schule solchen Wert beilegen wie einem wirksamen Schutze. Sie werden in dem Leiter der Schule einen Vertreter der Alliance sehen, einen Beschützer, einen Wortführer, der im Notfälle ihre Sache vor dem Konsul und den Behörden vertritt. Mehrere Familien hätten schon lange die Gegend verlassen, wenn sie es könnten. Man gibt ihnen nicht leicht Pässe. Um einen Paß zu erhalten, muß man der Regierung alle Rückstände bezahlen, und das ist unmöglich. Außer einer Schule erbitten die Israeliten von Diarbekir gleichermaßen eine Unterstützung von etwa 1000 Francs zum Ankauf eines Grundstückes für einen Friedhof. Sie haben keinen Raum mehr auf ihrem gegenwärtigen Begräbnisplatz. Ich habe es selbst festgestellt und mich bei diesen armen Leuten ver^ pflichtet, ihre Sache beim Zentral-Komitee zu vertreten. Von Diarbekir nach Severek sind 85 km. Diese Stadt liegt auf dem Wege von Orfa nach Diarbekir; sie ist ganz aus Lavasteinen gebaut; noch eine Stadt mit schwarzen Steinen und schwarzen Herzen. Die israelitische Gemeinde von Severek besteht aus 26 Familien mit mehr als 100 Seelen. Sie stammen zum größten Teil aus Aleppo, Bagdad und Anah. Ehemals war die Gemeinde weit bedeutender, bestand aus mehr als siebzig Familien; aber während der armenischen Verfolgung sind mehrere von ihnen fortgezogen, hauptsächlich nach Palästina, haben sich in Jaffa und Jerusalem eingerichtet, und ich erinnere mich, einige von ihnen in Mikweh-Israel unter dem Namen Familie aus Orfa angetroffen zu haben. Vor achtzehn Jahren hat die Gemeinde ein Lokal für Synagoge und Talmud-Tora erworben; aber unsere Glaubensgenossen haben alle Mühe, sich in dieser Stadt zu erhalten, deren Einwohner fanatisch, intolerant und hart sind. Während die Israeliten in der Synagoge sind, um zu beten, versammeln sich die Kinder auf der Straße und werfen Steine auf sie. Der Nachbar der Synagoge hat seinen Abtritt an der Grenzmauer angebracht und hat in diese Mauer ein Loch geschlagen, damit alle Unreinlichkeiten in den Synagogenhof abfließen. Die Israeliten haben vergebens dagegen protestiert. Die Hausierer können nicht mehr in die umliegenden Dörfer gehen, weil die Gegend zu unruhig ist; und dann ist dieses Hausierergewerbe so peinlich, schwierig und so gefährlich! Der Handel ist eine Art Tausch. Der Hausierer bringt den Bauern Stoffe und Eßwaren, der Bauer liefert dafür Korn, Gerste, Hirse, Butter und Wolle. Der Hausierer transportiert die Waren auf seinem Esel oder auf der Schulter. Oft wird er unterwegs ausgeplündert, riskiert sogar sein Leben. Wenn der Bauer ihm im Augenblick nichts geben kann, muß er bis Ende des Jahres warten, bis zur Erntezeit, wo alle Produkte auf dem Hofe vereint sind. Dann vergißt der Bauer oft seine Schuld, der Hausierer muß sich an den Aga wenden, muß ihm ein Geschenk machen, daß er ihm hilft, seine Forderungen einzutreiben. In zwei aufeinanderfolgenden Jahren sind zwei Hausierer in Severek und Tschermuk getötet worden. Sicherlich ist die Lage schwierig, unerträglich, — aber, was kann man dabei tun? Sind es nur die Israeliten, die unter diesem Zustande zu leiden haben? Die anderen Konfessionen leiden ebenso. Wie viele Christen hat man nicht getötet! Wie viele armenische Dörfer hat man nicht in Brand gesteckt! Wie viele Muselmanen sind nicht geplündert oder niedergemetzelt worden. Da die Israeliten sich nicht mehr in die Dörfer begeben können, ergeben sie sich darein, alle in der Stadt zu leben: Hausierer mit dem Sack auf dem Rücken, Materialwarenhändler oder kleine Krämer. Oft kommt man in ihren Laden, nimmt etwas und bezahlt nichts. Wenn die Unglücklichen den Kunden Kredit geben, so vergessen diese, ihre Schulden zu bezahlen. Ein Kunde schuldete einem Israeliten vier Medjedn£s; da er sah, daß man ihn oft mahnte, hielt er eines Tages seinen Gläubiger auf dem Markte an, bezahlte ihm zwei Medjedres und versetzte ihm zwei Ohrfeigen mit den Worten: Ich habe dir alles bezahlt. In Kurdistan existiert eine abscheuliche Sitte, die ich berichten muß: Wenn der Regen im Frühling oder zu Beginn des Winters nicht rechtzeitig eintritt, geht man auf den jüdischen Friedhof, gräbt die jüngst begrabenen Leichen aus, schneidet ihnen den Kopf ab und wirft sie in den Fluß. Die Kurden wollen