Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1907-06-28 · Heft 29 (28.6.1907) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 29 (28.6.1907)
Date
1907-06-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2425679-2425680-2425697--0218-2426485
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 2 »Neue Natfonal-Zeitung« Nr. 29 gesamte;üdisclie Volk in Oesterreich muß sich unter ein Banner scharen: der nationalen Idee. Hier liegt der Ausgangspunkt für die Zukunftspolitik der österreichischen Judenschaft. Die Resultate der Reichsratswahlen, die Machtverhältnisse im neuen Parlamente zeigen dem jüdischen Volke gebieterisch diesen Weg. Der jüdische Klub, die einzige Repräsentation des jüdischen Volkes im Parlamente, muß zum Stützpunkt des gesamten öffentlichen jüdischen Lebens werden. Er muß auf der Warte aller unserer Interessen stehen, er muß alle Strömungen inmitten des jüdischen Volkes beobachten, er muß den Puls des Volkes fühlen und ihm durch seine parlamentarischen Enunziationen Ausdruck verleihen. Aber seine Stellung wird erst dann eine mächtige sein, wenn das ganze jüdische Volk wie ein Mann hinter ihm stehen wird. Das wird und kann nur dann geschehen, wenn der Klub sich auch wirklich als der Ausdruck der ganzen Nation und nicht bloß einer zionistischen Fraktion ansehen wird. Der Klub muß jüdisch, er muß jüdischnational, er darf aber nicht zionistisch sein. Die einzelnen Abgeordneten mögen selbst Anhänger des Basler Programms sein; das Basler Programm hat mit der parlamentarischen Betätigung nichts zu tun. Die Gegner unseres nationalen Gedankens sollen sich vergeblich freuen, wenn sie glauben, der jüdische Klub werde im Parlamente mit der Frage der Heimstätte den Weg politischer Utopie betreten und die ganze Sorge um die Gegenwart des jüdischen Volkes in Oesterreich denjenigen überlassen, für die Politik stets nur ein persönliches Geschäft war. Also reinliche Scheidung. Klärung der Begriffe. Kein wirres Durcheinander von Nationalismus und Zionismus. Ein präzises Programm für österreichische Gegenwartspolitik außerhalb des Basler Programms — das fordern wir: aus nationalen, politischen und — taktischen Gründen. Wir fordern es im Namen von Tausenden jüdischer Bürger, die den „deutschliberalen" Schwindel endlich erkannt und die Komödie der Assimilation und der nationalen Heuchelei satt haben; wir fordern es im Namen unserer Prok-tariermassen, die trotz eines Dezenniums zionistischer Begeisterung in den Fesseln politischer und wirtschaftlicher Knechtschaft noch immer schmachten. Und wenn auch alle Männer, die die zionistische Flut in die Höhe trug, verschwinden müßten, weil sie den Geist der Zeit nicht verstehen wollen! . . . Die Existenz, die Zukunft unseres Volkes stehen höher als sie. L. Alliance Israelite Uniuerfelle. (Der Jahresbericht.) Wer ist die A. I. U.? Sie ist vorerst nicht zu verwechseln mit der „Israelitischen Allianz" in Wien. Denn sie ist ein mächtiges Kulturwerk. In Paris hat sie ihren Sitz und vondort versendet sie ihre leuchtenden Strahlen des Lichts und der Bildung bis in die äußersten Enden beider Hemisphären. In den letzten, ödesten Winkeln Persiens, Kleinasiens, Marokkos, wo unsere armen Glaubensgenossen in Elend, Schmutz und Unwissenheit verkümmern, zerlumpt, verhungert und gepeinigt, ohne Schule, ohne Bethaus und ohne Friedhof — dorthin sendet die Pariser Alliance ihre Boten, damit sie Trost spenden, das Wort Gottes verkünden und aus diesen jämmerlichen Höhlenbewohnern, die nur tierisch dahinvegetieren, Menschen, Juden machen. Mag auch die antisemitische Preßmeute faseln von einer Allmacht der Alliance; wir wissen, daß diese Macht nur in den Waffen des Geistes besteht, daß sie nur dem Kampfe für Kultur und Aufklärung, daß sie nur den Armen und Verfolgten zu dienen hat. Deshalb sind die Jahresberichte der Alliance Israelite Universelle eine Art Kulturgeschichte der Juden, Zeugnisse eines nie aufhörenden Kampfes für Gerechtig; keit und unermüdliche Bruderliebe. In immer entlegenere " Kulturwüsten entsendet die Alliance Israelite Universelle ihre Missionäre, die das Licht der Lehre erneuern und verbreiten, die das wirtschaftliche Elend unserer Glaubensgenossen nicht durch Almosen verewigen, sondern durch Erziehung und Unterricht und durch wirtschaftliche Kräftigung der Brüder ausrotten helfen. Die Alliance Israelite Universelle verleiht den Glaubensgenossen Stärke zur wirtschaftlichen Selbsthilfe, stählt sie für den Lebenskampf und erweckt in ihnen die Traditionen, die der ganzen Judenheit gehören. Die Alliance Israelite Universelle blickt auf ermutigende Erfolge zurück. In mehr als einem Lande, das sonst im geistigen Dämmer liegt, hat sie unseren Brüdern das Licht der Kultur gebracht; in mehr als einem Lande besteht das ganze lebende Geschlecht der Juden aus ihren Schülern, die in verehrender und dankerfüllter Liebe auf sie als auf die große Mutter sehen und Gott preisen, daß er ihnen vergönnt hat,, nachdem sie Kinder der Sorge und Fürsorge gewesen, zu selbständigen, mitarbeitenden Männern in Israel und für Israel zu werden. Auch der vorliegende Bericht für das Jahr 1906 spricht von weiteren Fortschritten; überall von der Erfüllung der Pflichten der Bruderliebe. Der Jahresbericht ist eine Chronik unserer Kämpfe und unserer Leiden im vergangen« n Jahre: vom Pogrom in Bialystok bis zu den Plünderungen in Botosani. Daneben finden wir eine .Beschreibung der Volks-, Handwerker- und Ackerbauschulen, die von der Alliance in allen Teilen der Türkei, in Marokko, Tunis, Mesopotamien, Persien u. s. w. erhalten werden. Im Jänner 1907 zählte die Alliance 134 Volksschulen, davon 17 in Marokko, 10 in Bulgarien, 35 in der europä^ehen Türkei, 15 in Kleinasien, 19 in Syrien, 4 in Mesopotamien, 2 in Tripolis, 8 in Aegypten, 6 in Tunis, 14 in Persien, 4 in Algier. Die Alliance unterhält zurzeit an 23 verschiedenen Plätzen Lehrlingswerkstätten für Knaben, die zu Hunderten für die besten Handwerke ausgebildet werden, zu Schmieden, Schlossern, Mechanikern, Ebenholzarbeitern, Tischlern, Malern, Schriftsetzern usw. Am meisten werden solche Handwerke begünstigt, die die Körperkraft der Lehrlinge am besten zu entwickeln vermögen und solche, die bisher aus irgend einem Grunde von den Juden noch nicht ausgeübt werden. Das Lehrlingswerk leistet bereits in den meisten Städten große Dienste. Es trägt in machtvoller Weise zur moralischen, körperlichen und materiellen Hebung der Israeliten bei. Neben den Mädchenschulen sind Ateliers für Näherei, Stickerei und Teppichweberei in Betrieb, die den armen Mädchen einen Erwerb sichern, der dem Familienbudget einen wesentlichen Beitrag sichert. Die Handwerkerschule in Jerusalem ist im Jahre 1906 von 145 internen und externen Schülern besucht worden. Zehn Schüler hatten ihre Lehrzeit beendet, haben ihr Handwerk gründlich erlernt und arbeiten jetzt teils in Jerusalem, teils in Aegypten, das ein wertvolles Arbeitsfeld für sie bietet. So viele Arbeiter jährlich ausgelernt haben, so viele Familien sind dadurch der Bettelei und dem Kleinhandel entrissen. Die Webereien, die Netz- und Spitzenateliers geben hunderten von Arbeitern, Frauen und jungen Mädchen, Beschäftigung. Hiezu kommen schließlich die Ackerbauschule in Jaffa mit So Zöglingen und einem Jahresbudget von 115.000 Frcs., sowie die Farmschnle in Djedeida -mit 55 Zöglingen und einem Jahresbudget von 98.000 Frcs. Die Gesamtausgaben der Alliance betrugen im Berichtjahre 1,481.027 Frcs., dagegen die Einnahmen 1,504.245 Frcs.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.