Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 29 (28.6.1907)
- Date
- 1907-06-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NEUE (CiOML-ZEiOTG rt/'iH jQDiäCfiPOUCISCRg WOCR5NSCRRIFC RSRRÜSGgBBR: DfS.R.LäNDflU!'. IX. JAHRGANG. WIEN, 28. JUNI 1907. No. 29. Nationalismus oder Zionismus. (Schluß.) Die Anhänger und Verfechter des Basler Programmes übersehen, daß man sie nur als die Zionisten kennt. Als die unduldsamen Bekämpfer jeder Einmischung in die innere Politik, als die Antipoden der Antisemiten, als Schekelsammler und Shares-Zeichner. Der politische Zionismus hatte immer eine mächtige Pose und einen mystischen Zug, er steckte in einem Nebel und seine Sprache war die einer diplomatischen Pythia, Das kann dem Volke für eine kurze Zeit imponieren, aber es kann nicht den Inhalt eines Volkslebens ausmachen. Die Volksmassen wollen an der Bewegung selbst teilnehmen, in ihre Räder selbst eingreifen; sie wollen nicht bloß Geld spenden und Geld sammeln, sondern auch im Kampfe erstarken, durch den Kampf dem Endziele näher kommen. Der politische Zionismus hat seinen Anhängern jeden Kampf erspart, er hat sie verurteilt, stumm zuzusehen und geduldig zu warten. Die Kräftigung des jüdischen Stammesbewußtseins, die Pflege unserer ruhmreichen Geschichte und herrlichen Literatur war Nebensache; die Verteidigung gegen antisemitische Angriffe auf die Staatsgrundgesetze und Menschenrechte war verpönt; die politische Erziehung und wirtschaftliche Organisation galt als Kräftevergeudung. Wer das alles trotzdem anstrebte, wer das Haus vom Fundamente und nicht vom Dache bauen wollte, wer nicht erst für seine Urenkel, sondern schon für sich und seine Kinder ein besseres Dasein wünschte, wurde als Feind, als Verräter verschrieen. Solche „Verräter" gab es sehr viele; in ihren Reihen traf man gar manchen, der seinem Volke nicht mit hohlen Phrasen und billigem Pathos, sondern mit großen Opfern diente. Und es hat damals noch keine Wahlreform gegeben. Sie haben dennoch Recht behalten. Die Vertreter des Basler Zionismus selbst haben ihnen Recht gegeben und haben sich sogar ihr inländisches Programm angeeignet. Denn der Zionismus allein zieht nicht mehr, er hat mehr Enttäuschungen als Erfolge gebracht. Und seine Träger sind endlich vernünftig genug, es einzusehen. Sie geben zu, daß Zionismus und Nationalismus einander nicht ausschließen, sondern höchstens ergänzen; daß der Nationaljude auch Zionist sein kann, aber nicht sein muß und umgekehrt. Daß soll aber auch offen gesagt werden. Keine Unklarheit, keine Verschwommenheit; kein Durcheinander der Begriffe und Nomenklaturen. N a t i o n a 1 j u d e ist derjenige, der unter Anerkennung der nationalen Individualität des jüdischen Volkes im Rahmen des österreichischen- (oder eines anderen) Staatswesens 1. die nationale Gleichberechtigung des jüdischen Volkes; 2. die politische Gleichberechtigung der jüdischen Staatsbürger durch Ausübung seiner Staatsbürgerrechte anstrebt. Zionist ist jeder Anhänger des Basler Programmes, mag er daneben die „Ito"-Bewegung fördern oder nicht. Es wird viele Nationaljuden geben, die gleichzeitig Zionisten sind; aber diese Begriffe müssen nach ihrer historischen Entwicklungauseinandergehalten werden. Wer noch gestern als Zionist die Gegenwartspolitik bekämpft hat, kann sie heute nicht loben, ohne gleichzeitig ein volles nationales Glaubensbekenntnis abzulegen. Das geschieht vorerst im Interesse der jüdischnationalen Bewegung, deren Anhänger mit großem Mißtrauen gegen die Zionisten beseelt sind; damit soll den Zionisten alten Datums, die starr jede Gegenwartsarbeit von sich weisen und in altem Geleise fahren wollen, der Weg frei erhalten bleiben. Im Kampfe für die nationalen Rechte in Oesterreich sind die politischen Zionisten willkommene Gefährten. Aber sie dürfen sich nicht in den Vordergrund drängen, sie dürfen nicht an sich die Führerschaft reißen. Es gilt zuerst Vorurteile und Antipathien in der öffentlichen Meinung zu beseitigen, die sie selbst großgezogen haben; es gilt das Gemeinsame in den Vordergrund zu stellen und alles Trennende bei Seite zu schaffen. Das