Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 28 (21.6.1907)
- Date
- 1907-06-21
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Mr. 28 National-Zeitung« Seite u £UiLLE£ÖN SCHALOM ASCH*): J)^ go^at. (Ein Bild.) Es war Freitag früh, als Sarah Rahel, die Schneidersfrau, ihre „Challes" **) zum Bäcker trug. Welch ungewöhnliches buntes Bild bot sich aber heute auf dem Markt ihren Augen! Diese Menge von Soldaten! Mit ihrem zahlreichen Gepäck, ihren bunten Mützen, Büchsen und Seitengewehren mußten sie gewiß über Nacht vom Himmel gefallen sein! Ein gesunder, eigentümlicher Geruch von Lederzeug erfüllt die Gasse. Bald hat Schense Starschnik mit den Leuten vom zweierlei Tuch ein Gespräch angeknüpft. Von ihnen erfährt nun die Schneidersfrau, daß das Militär bei den Bürgern Quartier nehmen wird. Auf der Stelle macht sie Kehrt und läuft mit ihrem Challes wieder nach Hause. „Mendel," schreit sie ihren Mann an, „Mendel leg' dich sofort ins Bett." „Was gibt's? Um Gotteswillen, was ist passiert?" fragt der Schneider zu Tode erschrocken. „Soldaten sind da und man gibt sie zu uns ins Quartier." Auf diese Nachricht hin hat das Schneiderlein nichts Eiligeres zu tun, als sich getreu dem Befehl seiner besseren Hälfte zu entkleiden, ins Bett zu steigen und sich mit der schweren Decke, die so gut wärmte, umzuwickeln. Denn darin waren die Federn aller Gänse friedlich vereint, welche die Schneiderin nach ihrer Hochzeit hatte schachten lassen. Dann muß sich der Schneider, um noch besser die Rolle des eingebildeten Kranken spielen zu können, den Kopf mit einem Tuche verbinden lassen und stöhnen und ächzen. * * * Gleich darauf erscheint im Türrahmen Schense Starschnik, gefolgt von einem Soldaten in voller Rüstung. Ein rührendes Bild bietet sich den Eintretenden. Sarah hat sich am Bettrande neben ihrem Manne niedergelassen und ruft, die Hände ringend, in herzbrechendem Tone einüber das anderemal ans: „Mein armer Mann, mein Brotgeber! Sehen sie nur, Panje Schenseleben, welches Unglück mich betroffen hat! Mein armer Mann, mein Brotgeber ist mir bei Nacht heruntergefallen. Was soll ich nur jetzt anfangen, was soll ich tun?" Und Sarah schluchzte und jammerte erbärmlich. Der Schneider läßt unter seiner schweren Decke einige Ach und Weh's vernehmen..... Doch Schense dreht sich mit listigem Augenzwinkern seinen Schnurrbart. Er geht an das Bett heran. „Schalko," redet er den Schneider an, „Schalko, Pani Natschalnik***) hat mich zu dir geschickt. Du solllst zu ihm kommen. Er will sich nämlich einen Frack machen lassen. Aber du bist ja krank. Dann werde ich eben zu Kawanski gehen müssen." Sagt's und tut so, als wendete er sich zum Gehen. Da hält es den Schneider nicht mehr im Bette. „Wozu hast du mir eingeredet, daß ich krank bin?", schreit er seine Frau an. Pani Schense, Pani Schense ruft er, mit einem Satze aus dem Bett springend.... ^Sschid Maschnik," ruft Schense aus vollem Halse über seinen gelungenen Streich lachend, dem Soldaten zu, „hier, du Vaterlandsverteidiger ist dein Quartier". Sagt's und verschwindet. *) Das Drama dieses Dichters „Der Gott der Hache" (vergl. das Feuilleton in t'er Nr. 19) wird ' am 24. d. M. im Theater an der Wien vom Ensemble des Berliner Deutschen Theaters aufgeführt werden. **) Sabbatkuchen. ***) Der Gemeindevorsteher. Der Soldat nimmt ganz kaltblütig sein Gepäck, trägt es in eine Zimmerecke und macht es sich dort ein bißchen bequem. Indessen spielt sich am Tisch eine kleine Familienszene ab. Der Schneider schimpft mit der Schneiderin und sie schimpft wieder mit ihm. Sie: „Warum hast du dich so zum Narren halten lassen?" Er: „Warum? Du bist an allem Schuld! Dummes Weib! Laß mich in Ruh!" — Den Soldaten bringt das Gezänk durchaus nicht aus seiner Ruhe. Er tut so, als ob er gar nicht der Grund alles Uebels wäre und kehrt sich an nichts. Packt seine Siebensachen aus, nimmt sich sein Kommißbrot her und fängt an zu essen. „Wie breit er sich da gemacht hat," brummt Rahel Sarah am Kochherd. Der Soldat kaut ruhig, aber energisch weiter. „Geh', das kann ich nicht ruhig ansehen," ruft sie zum Schneidertisch ihrem Manne hinüber; .,sag ihm, er soll Holz hacken". Ich muß es haben. Darauf der Schneider: „Sag du es ihm doch." Als der Soldat sieht, wie Rahel sich abmüht, ein Stückchen Holz zu zerhacken, regt sich in ihm die Ritterlichkeit. Das kann er nicht mit ansehen. Er steht also auf, nimmt der Schneiderin das Holz aus der Hand. Sie macht dabei ein süßsaures Gesicht. Er beginnt nun zu arbeiten. So vertreibt er sich wenigstens die Langeweile mit Holzhacken. Wo nur ein Stückchen Holz zu finden ist — alles fällt ihm zum Opfer. Endlich ist er fertig. Und zum Preise seines Fleißes gibt sie ihm mit demselben süßsauren Gesicht ein Stück Brot. Der Soldat steckt das Brot ein und sieht sich nach einer neuen Arbeit um. Wasser wird er jetzt holen. Ob nun welches da ist, oder nicht, — daß i-t ihm ganz gleichgiltig. Und er beginnt soviel Wasser herbeizuschleppen, als ob er die beiden Leute für ihr ganzes Leben mit Wasser versorgen wollte. So entlockt er der Sarah Rachel den belobenden Ausruf: „Er ist doch kein schlechter Soldat!•' Und darauf der Ehegespons: „Das hab: ich gleich gemerkt". So spinnen sich, ohne jedes Wort, zwischen den Dreien die Fäden der Versöhnung. Und der Soldat findet sich ganz heimisch im Stübchen. Er ist dem Herzen des Schneiders und seiner Frau um ein bedeutendes Stück näher gerückt. Die Freitagssonne geht zur Rüste. — Rahel beginnt, Sabbath zu machen. Die Nähmaschine muß noch vor dem Einzug des Sabbaths hinter den Ofen weichen. Und mit einem Tischtuch wird sie zugedeckt. Auch über den langen Schneidertisch breitet die fromme Hausfrau ein Leinentuch. Stellt die Messingleuchter auf. Legt die Challes bereit. Vor Sabbathanfang wird noch der Ofen reichlich mit Brennmaterial vollgestopft, damit es am Sabbath schön warm in der Stube ist. Bald verbreitet. sich auch eine Gluthitze im Stübchen. Von den Scheiben rinnen Tropfen nieder, in denen sich die Sabbathlichter des gegenüberliegenden Häuschens wie kleine Sonnen spiegeln. Ein sabbathischer Duft liegt auf dem Zimmer. * * * Der Schneider ist von der Synagoge zurück. Nuft setzt er sich zum Tisch und macht Kidusch. In der Ecke sitzt der Soldat mit dem Tournister und macht sich mit seinen Sachen zu schaffen. Da gibt es etwas an den Hemden auszubessern. Gleich holt er