Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 28 (21.6.1907)
- Date
- 1907-06-21
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28 »Neue Natlonal-Zeitung Seite 9 Serbien. König* Peter und die serbischen Juden. Belgrad. Die hiesige jüdische Gemeinde baut eine neue Synagoge. Zur feierlichen Grundsteinlegung wurde auch der König eingeladen. König Peter hat der Einladung bereitwilligst Folge geleistet. Er erschien in Begleitung seiner Minister, sowie des Präsidenten der Stadt und nahm persönlich die Grundsteinlegung vor, wobei er seinen besten Wünschen für das Wohlergehen der Juden Serbiens Ausdruck gab. Nordamerika. Rabbiner Abraham Braudc — gestorben. Chicago. Ende Mai. (Orig. Korr.) Eines plötzlichen Todes ist vor zwei Wochen der sehr geachtete orthodoxe Rabbiner Abraham Samuel Brau de gestorben. Er war 62 Jahre alt und versah seit 14 Jahren sein Seelsorgeramt. Speziell die Kreise der nationalen Juden verlieren in ihm einen großen Freund und Förderer ihrer Bestrebungen. An dem Leichenbegängnisse nahmen über 15.000 Personen teil. $US AIL6N WEIXtCiL6N Dr. Ludwig Traube, der ordentliche Professor der klassischen Philologie an der Münchener Universität, ein Sohn des berühmten Berliner Klinikers Prof. L. Traube, ist im Alter von 46 Jahren verschieden. Der Heimgegangene war auch ordentliches Mitglied der bayerischen Akademie der Wissenschaften und anderer gelehrter Körperschaften. Studienreisen nach Palästina. Dr. Arthur R u p p i n, der Leiter des Berliner Bureaus für jüdische Statistik, das Mitglied der 1. russischen Duma, Dr. Schemarja Lewin, der Rabbiner Dr. G a s t e r -London und der frühere Agronom der „Ica", Treidel, befinden sich zur Zeit in Palästina, um die dortigen Verhältnisse eingehend zu studieren. Eine Zadoc Kahn-Gesellschaft wurde in Paris zu Ehren des verstorbenen Grand Rabin von Frankreich in Paris gegründet, deren Zweck die Pflege jüdischer Wissenschaft sein soll. Die Gesellschaft verfügt bereits über Jahreseinnahmen von 10.000 Frcs. und beginnt in diesem Monate ihre Tätigkeit. Der Eheskandal Brodsky-Günzburg wird den Religionslehrer Salomon Cohn, der das Liebespar nach mosaischem Ritus, ohne behördliche Erlaubnis getraut hat, seine Stelle kosten. Nichtsdestoweniger haben es die jüdischen Einwohner von Montmartre, mittels einer von 2000 Personen unterschriebenen Adresse versucht, das Zentral-Konsistorium um Nachsicht und Straflosigkeit für Cohn zu bitten. Oberstleutnant Felix Rosenberg-Cleveland (Ohio) wurde auf der Jahresversammlung der Ohioer Offiziers-Veteranen aus dem spanisch-amerikanischen Kriege, einer vom Präsidenten Roosevelt gegründeten Organisation, zum Befehlshaber ernan'nt. „Der Verein für jüdische Gleichberechtigung" in Petersburg hat in seiner letzten Sitzung den Antrag auf Herausgabe eines Sammelbuches zum Andenken seines verstorbenen Mitgliedes, des Herrn L. Seidenmann, einstimmig zum Beschluß erhoben und einer Spezialkommission zugewiesen. Diese Kommission besteht aus den Herren Brodzky, Grusenberg, Dr. B r a m s o n und A. Seidenmann. Jüdischnationale Bewegung in Persien. Ein russischer Jude, der nach P e r s i e n ausgewandert ist, hat es sich zur Pflicht gemacht, die dortigen Juden zum nationalen Leben zu erwecken. In verhältnißmäßig kurzer Zeit ist es ihm gelungen, eine jüdischnationale Bewegung zu entfachen. Blau - weiße Plakate, die auf den belebtesten Straßen Teherans öffentlich angeschlagen sind, verkünden in großen Lettern die Erlaubnis des Chacham B aschi, über den Zionismus in allen Tempeln Persiens predigen zu dürfen. Demnächst wird auch eine jüdischnationale Zeitung in hebräischer Sprache in B a g d a d erscheinen. Das Bedürfnis hiefür gibt sich allenthalben kund, denn die persischen Juden verstehen bloß die reinhebräische Bibel- und Prophetensprache und perhorreszieren die im sogenannten Neühebräischen erscheinenden Zeitungen des Auslandes, weil diese eine Anzahl Fremdwörter in den Sprachschatz aufgenommen und „hebraisiert" haben. Statistik der Juden in Ungarn. Dem neuesten Werke über das Judentum in Ungarn von Koloman Veszpremy entnehmen wir folgende Ziffern: Im Jahre 1735 gab es in Ungarn 13.000 Juden bei einer Gesamteinwohnerzahl von 2,582.000. Im Jahre 1840 war die Zahl der Juden auf 244.000 gestiegen, was 1. 89°/0 der Einwohnerschaft ausmachte. 1859 schon 368.000, 1880 624.000, 1900 826.000, welche bereits 4'947u der Gesamtbevölkerung bilden. Die Folgen der Judenrezeption werden durch folgende Zahlen illustriert: Zwischen 1896 bis 1905 sind 2193 Juden und 1952 Jüdinnen Christen geworden; gleichzeitig 376 Christen und 474 Christinnen zum Judentume übergegangen. In den Mittelschulen ist das Judentum mit 20*2970, auf den Hochschulen mit 30"40°'o vertreten. Staatsbeamte sind derzeit 8633 Juden. Komitatsfunktionäre 98. (In Torontal 7, in Zemplin 5). Im Advokatenstande stellten die Juden die Zahl 1538. Die Scheidung russischer Judenehen ist in Deutschland nicht möglich. Diesen Grundsatz hat das Preußische Kammergericht in einer vom Reichsgericht gebilligten Entscheidung ausgesprochen, die in der »Rechtsprechung der Oberlandesgerichte« mitgeteilt wird. Aus den interessanten Gründen sei Folgendes hervorgehoben: Im Inlande könnte auf Scheidung nur geklagt werden, wenn die inländische Gerichtsbarkeit auch nach den Gesetzen des russischen Staates zuständig ist. Nach dem russischen Recht sind aber Eheschließung und -Scheidung Handlungen, die nur von geistlichen Amtspersonen vorgenommen werden können. Demgemäß sind für die Scheidung die geistlichen Gerichte der einzelnen Konfessionen ausschließlich zuständig. Ferner nimmt das russische Recht auf dem Gebiet der Eheschließung und -Scheidung hinsichtlich aller russischen Staatsangehörigen, wo immer sie sich auch befinden mögen, alleinige und ausschließliche Geltung für sich in Anspruch. Deshalb gilt die in Rußland eingegangene Zivilehe russischer Staatsangehöriger — für sich allein, ohne hinzukommende Trauung durch den zuständigen Geistlichen — als völlig bedeutungslos und wirkungslos. Folgerecht muß auch einer von einem deutschen Gericht, also nicht von einem geistlichen Gericht, ausgesprochenen Scheidung russischer Untertanen in Rußland jede Anerkennung versagt bleiben. . . . Aber selbst wenn die inländische Zuständigkeit begründet wäre, würde doch die Klage ohne jede materielle Prüfung abzuweisen sein. Nach jüdisch-talmudischem Recht, welches als integrierender Bestandteil des russischen Rechts anzuwenden wäre, wird die Scheidung nur dadurch wirksam, daß der Mann der Frau den Scheidebrief übergibt. Es kann aber nicht angängig sein, daß ein deutsches Gericht in die Lage kommt, ein Urteil zu fällen, das nicht kraft seiner eigenen Autorität, sondern erst infolge einer von dem freien Belieben der einen Partei abhängigen und nicht erzwingbaren Handlung Rechtswirksamkeit erhält. — In der Konsequenz dieser Entscheidung scheint es aber zu liegen, daß in Deutschland die nur nach rituellen Vorschriften vorgenommene Ehescheidung russischer Juden als rechtswirksam anerkannt werden müßte. Jüdische Oberrichter. Oberlandesgerichtsrat Levi-Kolmar (Elsaß) ist zum Landgerichtsdirektor (entspricht dem Landesgerichtspräsidenten in Oesterreich. Anm. d. Red.) am Landgericht in Straßburg i. Eis. ernannt worden. In Preußen ist ein solcher Fall bisher noch nicht vorgekommen; in Hamburg wurde vor einiger Zeit der Amtsrichter Dr. Hinrichsen gleichfalls zum Landgerichtsdirektor ernannt. Im übrigen waren in Kolmar bisher zwei jüdische Oberlandesgerichtsräte. Der zweite ist Dr. M. Freudenthal, ein streng religiöser Jude. — In Oesterreich gibt es alles in allem zwei jüdische Oberlandesgerichtsräte. Weiter hat es ein Jude in der Justiz noch nicht gebracht. Die Chederschulen in Rußland. Die Zahl der »Chederschulen« im russischen Reiche beträgt 24.540, wovon auf Polen mit seiner jüdischen Bevölkerung von 1,300.000 5724 entfallen. Es kommt durchschnittlich 1 Cheder auf 199 jüdische Einwohner oder 33 Schulkinder. Das ist ein günstiges Zeugnis für die Anhänglichkeit der Juden an den Toraunterricht und den Alphabetismus überhaupt. Denn von den Privatschulen unterhalten die Mohammedaner, die 1170 der Reichsbevölkerung ausmachen, nur 29770, die Christen, 84% der Bevölkerung, nur 39%, die J u d e n hingegen, 4"l°/0 der Bevölkerung, 31*2%, sodaß der Jude aus eigenen Mitteln dreimal soviel Schulen als der Mohammedaner und 15 mal soviel als der Christ unterhält. 55"8% der jüdischen Kinder besuchen das Cheder und von diesen sind mehr als 507o die Kinder von Eltern, die weniger als 1 Rubel pro Tag verdienen. Dabei ist das Cheder nicht billig. Die Kosten pro Kind variieren zwischen 18—25 Rubel (39—54 Mark) jährlich. 25.000 Chederschulen zu je 14 Schülern mit den Minimalkosten von 18 Rubeln pro Kopf erfordern also 6,300.000 Rubel (13,545.000 Mark), die die ärmste Bevölkerung ohne jeden Zwang und auf Grund religiösen Gebotes jährlich für Unterricht aufbringt.