Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 28 (21.6.1907)
- Date
- 1907-06-21
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Neue Nattanal-Zeftung« Nr. 28 Sulzers mit Kompositionen vertreten sind, findet man keine geringeren als Schubert, Würfel, Fischhof etc. Daß namhafte jüdische Komponisten der Gegenwart, wie Goldmark u. a. keine Tempelmusik schaffen wollen, dafür ist die hiesige Kultusgemeinde nicht verantwortlich zu machen. Daß es aber speziell bei dem Genannten an einem Antrage hiezu nicht gefehlt hat, das ist vielen bekannt. In welch mustergiltiger Weise jedoch die Chorgesänge in den Gemeindetempeln zum Vortrag gebracht werden, erhellt daraus, daß der Sohn Sulzers, k. u. k. Hofmusiker Prof. Josef Sulz er, in seiner Eigenschaft als Chordirektor der Kultusgemeinde, streng darüber wacht und mit den hiezu erforderlichen Proben gewiß nicht spart. Der altkluge Vorschlag des Herrn L., sämtliche Gemeindechöpe behufs gemeinsamen Studiums zu einem Monstrechor zu vereinigen, illustriert wohl am treffendsten die Fachkenntnisse dieses Herrn. Ist es ja selbst vielen Laien schon von vorneherein begreiflich, daß ein großer Musikkörper anderen dynamischen Normen unterliegt. und das für einzelne kleineie Teile eines solchen der gegebene Raum und die Individualisierung der Klangwirkungen in Betracht zu ziehen ist. Was nun das Sängermaterial betrifft, so ist es von den wenigen, im Dienste alt gewordenen Mitgliedern abgesehen, als ein durchwegs vorzügliches zu bezeichnen; und mit sehr wenigen Ausnahmen hat fast jeder einzelne Sänger so hervorragende Stimmmitteln, daß er sich auch zum Solisten vortrefflich eignet. Daß dem nicht anders sein kann, liegt an der ausnahmslos geübten Maßregel, wonach jeder Bewerber eine vor einer Kommission von Vorstehern, Kantoren und Dirigenten öffentlich abgehaltene Prüfung zu bestehen hat. Daß man aber bei der Anstellung von Kantoren womöglich noch rigoroser vorgeht, ist bei der Wichtigkeit dieser Stellung eigentlich selbstverständlich. In den 4 von den 5 Gemeindetempeln sind erst in den letzten Jahren junge namhafte Kantoren angestellt worden, die sich bei den Gemeindemitgliedern enthusiastischer Sympathie und hoher Wertschätzung erfreuen. Wie es um ihre stimmlichen und musikalischen Fähigkeiten bestellt ist, bezeugen die überfüllten Bethäuser und jeder einzelne von ihnen hat schon öfters durch tadelloses Vorlesen aus der Thora den erforderlichen Grad hebräischen Könnens bekundet. Wenn sich darum der eine oder der andere als Künstler fühlt, so hat er Kraft seiner Fähigkeiten und Leistungen die vollste Berechtigung hiezu, umsomehr, da dies den Kantorenstand nur adelt und erhebt. Keinesfalls ergeben sich jedoch hieraus Konflikte mit dem Vorstande bezüglich täglichen Tempelbesuches, denn jener ist tolerant genug, einen hierauf bezüglichen Einfluß nicht einmal zu versuchen.« fjtORR6SPCND5NZ£N Oesterreich-Un gar n, Die Jahresversammlung der „Israelitischen Allianz." Wien, den 18. Juni. (Orig.-Korr.). Infolge der rumänischen Juden-Exzesse und der daraus resultierenden schwierigen Hilfsaktion hat heuer ziemlich spät die Jahresversammlung. stattgefunden. Sie ging recht ruhig und gemütlich vor sich. Ein Dutzend Herren, inklusive des Vorstandes, kam am 17. d. M., 6 Uhr nachmittags, im Sitzungssaale des Kultusvorstandes zusammen; nach einer -halben Stunde war alles erledigt: der Jahresbericht, die Wahlen und auch die Interpellation. Mit Recht verwies ein Mitglied, Herr M. Baum, darauf, daß es Pflicht der Rabbiner wäre, hier zu erscheinen und mitzuwirken, da es sich um eine jüdische Volkssache handle. Der Vorsitzende Dr. Stern meinte jedoch, daß im Neben räume einige Rabbiner an einer Lehrer-Konferenz teilnehmen . . . Herr Baum lenkte die Aufmerksamkeit der Versammlung noch auf einen zweiten Gegenstand. In der letzten Nummer unserer Wochenschrift haben wir pflichtgemäß einen uns vom „Hilfsverein der Deutschen Juden" in Berlin zugesandten Brief aus Jassy publiziert, worin seitens des Komitees in Rumänien der Dank ausgesprochen wurde. In diesem Brief war von der Tätigkeit der „Wiener Israelitischen Allianz", bei der doch die ganze rumänische Hilfsaktion zentralisiert ist, gar keine Rede. Dies veranlaßte Herrn Baum zu einer Anfrage an den Vorsitzenden, warum die „Israelitische Allianz" ganz übersehen wurde. Die Antwort, welche der Vorsitzende darauf erteilte, läßt das Vorgehen des Berliner „HilfsVereines" sehr merkwürdig erscheinen, weswegen zu erwarten steht, daß derselbe auf die Bemerkungen des Herrn Dr. Stern auch noch reagieren wird. Der Inhalt dieser Erwiderung bestand darin, daß der von uns veröffentlichte Brief gar nicht an den Berliner „Hilfsverein", sondern von Jassy aus an die „Isr. Allianz" in Wien gerichtet war. Die „Allianz1' hat diesen Brief bloß zur Kenntnisnahme nach Berlin geschickt, ohne daß der Hilfsverein berechtigt wäre, ihn zu publizieren. Geschah dies trotzdem, so hätte der „Hilfsverein" auch die Adresse des Briefes unberührt lassen sollen, welche lautete: „Jassy, den 14/27. Mai 1907. An den löblichen Vorstand der Israelitischen Allianz zu Wien." Nach dieser Aufklärung wurden Jahres- und Kassebericht genehmigt und die ausscheidenden Vorstandsmitglieder David Ritter v. Gutmann, Oberrabbiner Dr. M. Güdemann, Wilhelm Pappen heim, Donat Zifferer und Michael Benies per acclamationem wiedergewählt. Der Jahresbericht selbst ist zum größten Teil der Hilfsaktion in Rumänien gewidmet. Eine Norm hiefür wurde auf der Delegiertenversammlung vom 5. Mai d. J. in Wien beschlossen. Hiebei wurden als Schadensziffer 500.000 Francs angenommen. Davon wurden aufgebracht: in den Vereinigten Staaten.......Frcs. 125.000 in Rumänien............. „ 25.000 Zusammen ~ „ 15ÖJÖÖÖ Es verblieben demnach noch aufzubringen „ 350.000 und wurde dieser Betrag gleichmäßig auf vier Länder (England, Frankreich, Deutschland und Oesterreich) verteilt. An Mitgliedsbeträgen wurden im letzten Jahre eingenommen K 22.524, an laufenden Spenden K 1016, hingegen an Legaten K 57.289. Sigmund Reizes, genannt der Tramway-Reizes, hat allein als Legat dem Vereine K 33.680 hinterlassen. Nebst der Hilfsaktion in Fällen von Katastrophen hat die „Allianz" auch verschiedene literarische und erzieherische Zwecke im Auge. Doch hier versagt ihre Initiative vollständig. Die Bemühung, in Galizien die Oheders zu modernisieren, war eine ganz unzeitgemäße Probe, die als überwunden anzusehen ist; die Subventionen, die an literarische Produkte verteilt werden, sind eher Gnadengeschenke, als Anerkennung tauglicher Arbeiten. Seit mehreren Jahren kann die „Allianz" nicht auf ein einziges bedeutendes Werk, das mit ihrer Hilfe erschienen wäre, hinweisen, wiewohl sie größere Beträge, im letzten Jahre 2340 K, im vorletzten Jahre 3801 K an Schriftsteller verteilt hat. Im großen und ganzen vertritt die „Allianz1' jene alte, traditionelle, kurzsichtige Goluspolitik, die es als der Weisheit letzten Schluß ansieht, Geld zu sammeln, wenn die Juden irgendwo geplündert werden. Ist in den Ländern der periodischen Judenexzesse eine Zeit lang Ruhe, dann legen die sonst so fleißigen, geschäftigen Herren ihre Hände in den Schoß. Ihr Blick reicht eben nur so weit, wie ihre Nase. Der jüdische Klub. Wien, den 18. Juni. (Orig.-Korr.) Sonntag konstituierte sich der „Jüdische Klub des Abgeordnetenhauses". Demselben gehören an die Abgeordneten Dr. Straucher, Dr. Mahler, Dr. Gabel und Stand. Zum Obmann wurde Dr. Straucher gewählt. Der