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Neue Nationalzeitung · 1907-06-21 · Heft 28 (21.6.1907) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 28 (21.6.1907)
Date
1907-06-21
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 28 »Neue Natlonal-Zeltung« Seite 5 Rede von jüdischer Politik, von jüdischnationaler Politik? Man sprach nur von einer »israelitischen« Politik. Ich meine nicht die Politik des »gemäßigten Israeliten«, ich meine jene morsche, von heute auf morgen lebende Parasitenpolitik. Wir sind die Vertreter eines neuen Judentums und ich habe die Genugtuung, erlebt zu haben, daß ich nicht mehr allein stehe im Parlamente; ich werde meine Existenz nicht mehr fristen müssen von der Gnade anderer Abgeordneter. Wir sind hinaus getreten in die Öffentlichkeit! Das ganze jüdische Volk blickt gespannt auf uns, welche Politik werden diese jüdischen Abgeordneten treiben. Unsere Aufgabe wird es sein, daß wir eine wahrhaft demo kratische, sozialreformerische Partei bilden. Wir Juden sind Freunde der Freiheit. Für uns ist reaktionäre Luft Stickluft. Wir werden uns an die Seite jener Parteien stellen, die für Freiheit kämpfen. Denn das jüdische Volk ist ein demokratisches Volk. Unsere Hoffnung ist das jüdische Volk und die Jugend des jüdischen Volkes«. Dann ergriff das Wort Abgeordneter Adolf Stand: »Wir kommen hierher von einem Schlachtfelde. Drei Monate haben wir gearbeitet. Wir sind hinausgezogen zum jüdischen Volk. In manchen Städten hatten wir leichte Arbeit, in vielen aber wurden wir mit Hohn beschüttet: »Hier ist nichts zu machen, hier herrschen wir,« so sagten die Kahaljuden und einer ihrer mächtigsten, der in Lemberg, sagte: »Die Zionisten haben Kandidaten aufgestellt, kein einziger wird durchkommen.« Und der sonst in Privatsachen so Tüchtige hatte sich so gründlich in der Kenntnis des jüdischen Volkes getäuscht. Die Zionisten sind doch im Parlament, er aber ist draußen geblieben. Es hat sich gezeigt, daß das jüdische Volk zu ungeheuren Opfern fähig ist, wo es gilt, das jüdische Volk und den jüdischen Geist zu retten. Wir sagen Ihnen, daß die Proletarier des dunkelsten Ostens über Nacht ihr Selbstbewußtsein wieder gewonnen haben. Der arme galizische Jude, von dem man sagt, daß er alles verkauft, hat seine Seele nicht verkauft. Er, der sonst vor dem Dorfrichter zu zittern pflegte, ging zur Urne, um trotz der Drohungen seitens der staatlichen Behörden, der Bezirkshauptleute und aller amtierenden Kommissionen, für seinen, den jüdischnationalen Kandidaten, zu stimmen. Sie gingen mit einer Kraft der Ueberzeugung hin, die Sie sich hier, im Westen, gar nicht einmal vorstellen können. Zerschmettert liegen aber die, die wir besiegt haben. Horowitz, Aszkenase, Rauch, Wollerner, die das jüdische Volk durch so viele Jahre geführt und verführt, gekauft und verkauft haben. Sie liegen auf dem Felde; wir, die Verlachten und Verhöhnten kommen hieher, nicht im eigenen Namen und Geldes Namen, sondern im Namen des jüdischen Volkes, für dessen Rechte wir bis aufs Aeußerste streiten werden. Damit wir etwas erreichen können, muß das ganze Judentum offen auf unserer Seite stehen. Heute haben wir erst den Kampf begonnen, in sechs Jahren wird man sagen müssen, daß kein jüdisches Mandat an einen Juden der anderen Kategorie fallen darf. Es wird große Mühe kosten, wir werden es aber tun müssen. Die Alten sterben und die ganze Jugend, das Leben steht hinter uns.« Schließlich versicherte Redner, daß die jüdischen Abgeordneten unter der Führung des großen Toten und unter der Leitung Dr. Sträuchen; arbeiten werden. Es sprachen in ähnlichem Sinne noch die Abgeordneten Dr. Mahl er und Dr. Gabel sowie Dr. Birnbaum. Eine Abwechslung brachte die sehr humorvolle Rede des bekannten ehemaligen Gemeinderates Lucian Brunn er. Er erklärte, daß es nicht nur in Galizien eine Kahalclique gebe, sondern auch hier in Wien, die auch nicht besser sei als die dort oben. Man dürfe diesen aber keine goldenen Brücken (Abg. Dr. Mahl er hatte in seiner Rede von »goldenen Brücken« gesprochen. Anm. d. Red.) bauen, sondern Gewalt gegen sie anwenden. Er erinnerte an die Wahlhilfe der Ruthen en und des Abg. Breiter, wobei der Redner durch lebhaften Beifall unterbrochen wurde. Daß die Zukunft der jüdischnationalen Idee gehöre, beweise, die Jugend, die im Saale anwesend ist. Es werde ihnen unvergeßlich bleiben, wie die vier wahren Vertreter des Judentums hier empfangen wurden. Er rufe ihnen zu ihrer Tätigkeit ein herzliches Glückauf zu. Spät nach Mitternacht endete der Kommers. Bedauerlich ist es, daß beim Kommerse von keiner Seite jener stillen, aber doch so bedeutungsvollen Arbeit gedacht wurde, die sehr viel, wenn nicht das Meiste, zu den Wahlerfolgen in (lalizien beigetragen hat: der jüdischen Presse in Gr a 1 i z i e n. Deshalb wollen wir hier unserer wackeren Kollegen vom ,,T a g b 1 a 11" und vom „Wschod" in Lemberg gedenken, und ihnen ein herzliches Hoch! zurufen. HB JÜDISCH» SPR5CHSML Dieser Teil unseres Blattes stellt nnseren Lesern zur Verfügung. Wer der Oeffentlichkeit in jüdischen Fragen etwas zu sagen hat, wer an die jüdische Oeffentlichkeit appellieren will, dem stellen wir diesen Eanm gern zur Verf ügnn«:. Die Redaktion. Mit Bezug auf den Artikel »Zur Kritik des Wiener Kantorenwesens« von A. Loubetzky, in der Nummer 26 unserer Wochenschrift, welcher in den Kreisen, sowohl der Kantoren als auch der Chorsänger viel Aufsehen erregt hat, erhalten wir die nachstehenden zwei Zuschriften. Getreu unserem Prinzip, sachlichen Erwiderungen in unserem Blatte stets Raum zu geben, bringen wir dieselben unter Weglasssung der rein persönlichen Angriffe hier zum Abdrucke. Die Redaktion. „Zur Kritik des Wiener Itantorcnwesens." »Herr Loubetzky schreibt: Der jüdische Tempelgesang wird gänzlich vernachlässigt und nur noch von Dilettanten und Stümpern gepflegt. Ja noch sonderbarer, die jüdischen Kultusgemeinden decken ihren Bedarf bei christlichen Komponisten. Ich selbst bin bei der Kultusgemeinde nicht als Kantor, sondern seit mehr denn 20 Jahren als Tempelsänger in den Wiener Synagogen: Schmalzhofgasse, Müllnergasse und Seitenstettengasse tätig, aber mir hat es die Schamröte der Entrüstung bei der Lektüre dieser gegen den gesamten Wiener Kantorenstand geschleuderten, den Tatsachen hohnsprechenden Angriffe ins Gesicht getrieben. Gerade der jüngere Nachwuchs der Wiener Gemeindekantoren besitzt, unbeschadet der vorzüglichen Qualitäten der älteren Vertreter dieses heiligen Berufes, alle von Herrn Loubetzky geforderten Eigenschaften: »Gute (zum Teil künstlerisch) geschulte Stimme, gepaart mit jüdisch-musikalischem Geschmack, Harmonielehre, Kenntnis des »Perausch hamilaus« und der »Pijtim« in hohem Maße und sie haben es verstanden, im Vereine mit den unter der einheitlichen, wirklich künstlerischen Leitung eines gediegenen Fachmannes, des Herrn Professors Josef Sulz er, stehenden Gemeindechören manchen, in früheren Jahren spärlich besuchten Tempel mit andächtig lauschenden, in weihevolle Stimmung versetzten Besuchern zu füllen, trotzdem jeden Freitag nur derselbe, volkstümlich gewordene, aber nichtsdestoweniger ewig schöne unsterbliche- F-dur »Lecho daudi« unseres, auf einsamer unerreichter Höhe thronenden Klassikers des modernen Tempelgesanges Salomon Sulzers (gewiß keines christlichen Komponisten) gesungen wird, während die zusammenhängenden Kompositionen verschiedener herrlicher»Adaun auloms« desselben Meisters für Abwechslung sorgen. Daß aber die Wiener Gemeinde-Tempelsänger in harmonischer Vereinigung mit ihren vorzüglichen Kantoren außer »Lecho daudi«, auch die schwierigsten, stimmlich und musikalisch die größten Anforderungen stellenden Kompositionen in formvollendeter, vorbildlicher Weise zu Gehör bringen können, davon scheint Herr Loubetzky nichts zu wissen. Ich glaube, daß es den Herren Oberkantoren nicht schwer fallen dürfte, den von Herrn Loubetzky geforderten Befähigungsnachweis nicht nur vor dem von Herrn Loubetzky aufgestellten Richterstuhle des altverdienten Oberkantors Josef Singer, sondern auch vor jedem anderen Forum zu erbringen. S. Lemberger Obmann des Wiener Synagogen-Sängervereines.« Dann schreibt Herr Wolf Schiochet: »Wie schlecht unsere Tempelmusik ist, geht daraus hervor, daß es die Sulzers che ist, welche in allen reformierten Gemeinden der Welt als herrlichste und erhabenste anerkannt und dementsprechend gepflegt wird. Unter den wenigen christlichen Komponisten, die im unsterblichen Schir Zion Salomon

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