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Neue Nationalzeitung · 1907-06-21 · Heft 28 (21.6.1907) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 28 (21.6.1907)
Date
1907-06-21
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Neue National-Zeitung« Nr. 28 gewesen, wie kein zweites Land der Erde. Es ist nicht abzusehen, daß sich dies je verlieren wird. Gegenwärtig am allerwenigsten. Das heutige Bild des Oelbergs vor Jerusalem ist dafür ein schlagender Beweis. Der Oelberg ist jetzt von den verschiedensten europäischen Nationen kolonisiert; sie haben hier zum Teil ganz bedeutende Gebäudekomplexe, besonders sogenannte heilige Bauten errichtet, obenan die der Russen mit dem wichtigen Aussichtsturm; auf Gethsemane zu die Besitzungen der Lateiner, darunter die berühmte Paternoster-Kirche, an deren inneren Wänden die Pilger von 32 Völkern das Vaterunser in ihrer Muttersprache finden. Jetzt haben auch die Deutschen auf dem Oelberg Terrain erworben; bald wird das auf 2 Millionen Mark veranschlagte deutsche Erholungs- und Pilgerheim „Kaiserin Auguste Viktoria-Stiftung" hier erstehen, zu welchen eine einzige deutsche Wohltäterin, Frau Laura Oelbermann in Köln, 1,000.000 Mark gestiftet hat. Es stehen also in Palästina die geistigen Faktoren dreier Kultuswelten in einem friedlichen Konkurrenzspiel wie nie zuvor. Aber es scheint nur so, als ob Friede wäre. In Palästina ist jetzt die Aera angebrochen, von der Chamberlain so ergreifend sagt: „Wo der Kampf nicht mit Kanonenkugeln geführt wird, findet er geräuschlos in den Herzen der Gesellschaft statt, durch Ehen, durch Verringerung der Entfernungen, welche Mischungen fördert, durch die verschiedene Resistenzkraft und Beharrlichkeit der verschiedenen Menschentypen, durch die Verschiebung der Vermögensverhältnisse, durch das Auftauchen neuer Einflüsse und das Verschwinden alter usw. usw. Mehr als andere ist gerade dieser stumme Kampf ein Kampf auf Leben und To d." Die Parlamentswahlen in Rumänien. Die Wahlkampagne ist vorüber. Die Würfel sind gefallen — wie die Regierung es haben wollte. Sie verfügt über eine geradezu erdrückende M aj o r i t ä t sowohl in der Kammer als auch im Senat. Jetzt, nach dem gelungenen Wahlexperiment fühlt sich das Ministerium Sturdza fest im Sattel; jetzt erst nehmen die sieben fetten Jahre ihren Anfang, und siegesbewußt verkündet urbi et orbi der Premierminister Sturdza sein liberales (?) Programm, Es ist derselbe Sturdza, genannt „Conu Mititä", der zu den stattgehabten Judenexzessen sein Schärflein beigetragen, der erwiesenermaßen seine Hand im Spiele hatte, als die Hiobsbotschaft von den ..Pogromen" in der Moldau die gesamte Kulturwelt durchflatterte und mit Entrüstung erfüllte. Ihm war es dadurch gelungen, seinen erbitterten Gegner, den alten Partei- und Kabinettschef Canta.cuzene zu Falle zu bringen und selbst ans Ruder zu gelangen. Nun verlangte er vom Könige als Zeichen des Vertrauens die Auflösung des Parlamentes und die Ausschreibung neuer Wahlen, ein Wunsch, dem der „konstitutionelle" König ohne Zögern nachkam. Inzwischen war die Regierung damit beschäftigt, sämtliche Staatsanstellungen mit „ihren Leuten" zu besetzen, und so erfolgte eine Absetzung respektive Neubesetzung aller Aemter und Würden auf der ganzen Linie von Turnu Severin bis Dorohoiu. Alles, was zur konservativen Couleur gehörte, mußte demissionieren — der Polizeipräfekt in Bukarest, ebenso wie der kleinste Beamte im letzten Dorfe. All' dies vollzog sich ruhig und geräuschlos, fast automatisch, denn in Rumänien ist man an dieses Wechselsystem seit Jahren bereits gewöhnt. Sind die Liberalen am Ruder, dann sind sie darauf bedacht, ihre Getreuen zu „unterbringen"; diese schalten und walten ganz nach Belieben, füllen sich Bauch und Taschen, während die armen Konservativen die sieben Hungerjahre mühsam durchmachen. Endlich schlägt auch ihre Stunde, sie gelangen zur Macht und stürzen sich halb verhungert auf die gierige Beute. Das Wechselspiel beginnt von Neuem, die Rollen werden getauscht, nur die Zielscheibe bleibt immer die alte; wer ausgesaugt wird, wer herhalten muß, das sind in beiden Fällen die „Fremden", bekanntlich in diesem Lande die euphemistische Bezeichnung für „die Juden". So geschah es auch diesmal. Die Neuwahlen wurden für Anfang Juni ausgeschrieben. Zuerst fanden die Wahlen für den Senat statt. Nach dem Gesetze ist in diesem Kollegium wahlberechtigt: „Wer ein jährliches Einkommen aus städtischem und ländlichem Grund und Boden von mindestens 2000 Lei hat." Es ist dies also die Wahlklasse der Großgrundbesitzer und ihr Ergebnis war gerade in diesem Augenblicke von besonderer Bedeutung. Von 10.713 Wahlberechtigten haben 8275 ihre Stimmen abgegeben. Es haben also 77*24% der Wähler von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht. Davon entfielen nach Abzug von 724 ungiltig erklärten Stimmen 4914 auf die liberale Regierungspartei und 3766 auf die konservative Opposition. Die restlichen Stimmen waren zersplittert. Das Resultat der Wahl in den Senat war: 43 Liberale und 9 Konservative sind als gewählt aus der Urne hervorgegangen. Nun kommen wir zu den Wahlen für die Kammer. Insgesamt sitzen hier 183 Abgeordnete, die von 3 Wählerklassen entsendet werden. Im ersten Kollegium werden 75, im zweiten 70 und im dritten 38 Deputierte gewählt. Auch hier ist es der Regierung gelungen, durch ihre Mittel eine imposante Majorität durchzusetzen; darunter sind mehrere geradezu blutrünstige Antisemiten. Notorische Aufwiegler und erbitterte Judenhetzer, wie die berüchtigten Jorga, Steve und Vasescu sind ins Parlament gelangt. Auch der Antisemitenführer C u z a kommt in eine Stichwahl und die Regierung setzt alle Hebel in Bewegung, um ihm das Mandat zu sichern. Es läßt sich denken, was die rumänischen Juden jetzt zu erwarten haben. W. festkommers zu (ihren der jüdischnationalen Abgeordneten. Der von uns bereits angekündigte Kommers des akademischen Vereines „Bar-Kochba" hat am letzten Samstag im „Hotel Continental" stattgefunden. In der großen Versammlung, die von allen jüdischnationalen Verbindungen besucht war, vermißten wir die gesammte offizielle jüdische Welt, ebenso die Mitglieder des zionistischen Aktionskomitees. Nichtsdestoweniger war der Abend sehr animiert. Es wurden selbstverständlich viele Reden gehalten, bei denen jedoch mehr das Gemüt als die politische Raison zum Ausdrucke gelangte. Eines war aber höchst merkwürdig. Fast alle Reden, hauptsächlich die der Abgeordneten waren auf eine Note gestimmt: sie beklagten den Tod Dr. Herzls und beteuerten, seine Ideale zu verwirklichen. Und gerade Dr. Herzl war ein heftiger Gegner der inneren Politik und auf ihn berufen sich ebenfalls die eifrigen und alten Zionisten, die von diesem Abend ostentativ wegblieben. Von den Abgeordneten sprach zuerst Dr. Strauch e r. Er sagte: »Volksgenossen! Zu einer Zeit, da die Wahlkampagne bereits begonnen hat, im Februar d. J., ist in einem Wiener Blatt unter dem Titel »Das gewollte Ghetto« ein Artikel erschienen, in dem wir Jüdischnationale verhöhnt wurden. Was wollen diese Jüdischnationalen? Sie wollen in das österreichische Parlament um das jüdische Volk zu beglücken! Sie kommen mit der jüdischen Konfession und wollen, daß eine eigene jüdische Kurie, eigene jüdische Wahlbezirke eingerichtet werden. Was für besondere Interessen hätte denn das jüdische Volk hier zu vertreten? Einige wenige Wochen gingen vorüber und die Hintermänner dieses Blattes haben einen schönen Hinauswurf erlebt, von ihren eigenen Interessenvertretern. War überhaupt früher je die

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