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Neue Nationalzeitung · 1907-06-21 · Heft 28 (21.6.1907) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 28 (21.6.1907)
Date
1907-06-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 28 Neue Natlonal-Zeitung« Seite 3 schritt überhaupt geschaffen hat. Die Statuten des Vereines bezwecken die Abhaltung von Vorträgen für solche, die Polnisch noch nicht verstehen, in der Muttersprache. Natürlich wird hier unter „Muttersprache" das Polnische verstanden. Daß für viele Analphabeten die Muttersprache nicht das Polnische, sondern der Jargon sein könnte, daran wurde nicht gedacht. Es entstand daher vor einigen Monaten ein autonomer Klub, der auch die Pflege des Jargons und eine entsprechende Statutenänderung verlangte. Das führte zu einem heftigen Kampf. in Versammlungen und in der Presse. Und da bemühten sich die Gegner des Jargons zu beweisen, daß die Sprache des Perez, Rosenfeld, Asch, Kahan lediglich eiue Mundart sei, die den Menschen erniedrige, daß der Unterricht des jüdischen Knaben im Jargon einen nationalen Verrat bilde, der zur Annexion Polens durch Deutschland und zur Germanisierung der „unglücklichen Polen" führen könnte. Darüber jammerten gerade die Juden am allermeisten. Die Vereinsversammlung faßte daher einen Salomon'schen Beschluß: „Der Verein könne fremde Sprachen nicht pflegen!" ... Echt rumänisch. Die fortschrittlichen Elemente der jüdischen Intelligenz und selbst die assimilierten Kreisen konnten sich jedoch der Erkenntnis nicht verschließen, daß man mit papierenen Resolutionen nichts erreicht, und daß, wenn auch gewisse Vereine hundertmal den Jargon als fremde Sprache erklären und verschiedene Publizisten von Nationalverrat schwatzen werden — das Jiddisch sich dennoch entwickeln wird, weil es die Sprache der Massen, die Sprache des arbeitenden jüdischen Volkes ist. Sie trösten sich also damit, daß 1,300.000 Juden, die Jiddisch sprechen, eine Annexion Polens durch Deutschland nicht bewirken uud der Jargon doch schließlich untergehen werde — mit dem Fortschritt... Mögen sie sich trösten, die Armen. Dr. PAUL MENZEL: Die Zukunft Palästinas*). Wenn nicht alles täuscht, stehen wir gerade jetzt wieder vor einem besonderen Verjüngungsprozeß Palästinas. »Wer das Warten gelernt hat, kann in diesem Lande noch große Dinge erleben.« Dabei will ich nicht einmal an die Unwandelbarkeit der jetzt so deutsch-freundlichen Orientpolitik und der guten Beziehungen zum Sultan des Landes glauben. Heut' weht für die Deutschen ein günstiger Wind in Kanaan. Was sie jetzt nicht säen, werden sie nie ernten. Aber können nicht die Winde wechseln? Der Tempel Salomos ist zerstört worden, und der Tempel des großen Herodes wurde vernichtet, ehe er fertig war. Wird die Erlöserkirche von ewigem Bestände sein? Politische Prophezeiungen sind sehr unsicher. Worauf es aber ankommt im heiligen Lande, das ist, nach den bleibenden Werten zu suchen, nach dem Gold, das in diesen Bergen und Tälern immer schlummern wird nach den kulturfähigen Flußbetten des vielfach so wasserarmen Landes, in denen wirklich »Milch und Honig fließt.« * * * Ist es bloß Romantik, bloß Schwärmerei, was die Leute nach Palästina zieht? Die Reisenden, die Ansiedler, die Pilger? Es sollen jetzt jährlich etwa 15.000 Touristen allein auf dem Wege über Jaffa nach Jerusalem gezählt werden. Jeder von ihnen läßt mindestens einige hundert Mark dort. Die meisten *) Wir entnehmen diesen Aufsatz dem soeben erschienenen, höchst interessanten Buche des Verfassers »Meine Reise nach Jerusalem im Jahre 1906.« (Breslau 1907. Verlag von Grass, Barth und Comp.) Wenn auch dem Verfasser bei seinen Schilderungen mehr das deutschkulturelle und deutschwirtschaftliche Moment vorschwebt, so kann er doch nicht umhin, den allgemeinen Aufschwung Palästinas seit Beginn der jüdischen Kolonisation lobend anzuerkennen und dieser letzteren große Erfolge zu prophezeien. Anm. d. Red. sehr viel mehr, ganz abgesehen von den dauernden Handelsbeziehungen, die ein großer Prozentsatz der Reisenden von Stund an anknüpft in Jerusalem z. B. für Geschenkartikel, Bilder, Weine und dergleichen. Auch der Strom der Liebesgaben ins heilige Land wird dadurch kräftig genährt. Das deutet einen Jahresumsatz von Millionen und in absehbarer Zeit den Zinsertrag eines Milliarden-Vermögens. Ist das ein armes Land? Der Türke wird wissen, warum er den Daumen auf diesen Fleck seiner Landkarte hält. Er braucht Steuern so gut wie wir Deutschen, er ist unter seinem Fez gar nicht so dumm, ist gar nicht so unwirtschaftlich, wie die Naiven es bei uns denken. Und er verdient mit einer nachgiebigen Weltpolitik viel mehr, als mit den blutigen Siegen, die er durch den Ausgang der Kreuzzüge errungen hat, der für ihn so glanzvoll war. Und dann die Ansiedler! Man mag lächeln über den zionistischenTraum gewisser israelitischerKreise. Aber was das Spekulative dabei betrifft, so ist die Rechnung gar nicht so unklug, die auf steigende Besiedelung Palästinas drängt. Die Transportverhältnisse dieses Landes werden zusehends besser, die geographische Lage in Knotenpunkte dreier Erdteile ist die denkbar günstigste. Wieviel Einwohner mehr wird Palästina zu ernähren vermögen, wenn die industriellen Chancen sich so weiter steigern, wie in den vorigen Jahrzehnten, wenn die Hebung der Kulturschätze und Bodenwerte des Landes so weiter fortschreitet, wie seit knapp 100 Jahren, wofür neben theoretischen Berechnungen englischer Nationalökonomen als Beweis genannt seien, d i e fortgesetzt wachsenden, jüdischen, auch nicht zionistischen Ansiedlungen durch denVerein »Esra«, die Fruchtbarkeit des Jordantales, die ausgebreiteten Baumkulturen, der reichbesetzte Getreidemarkt, die 20 Prozent Dividende abwerfenden Orangenpflanzungen und andere rentable Umsatzgebiete, vor allem aber die deutschen Kolonisten, die württembergischen Templer, die seit 1868 im Lande weilen und mehrere blühende Dörfer anlegten. Wenn der Bürgermeister einer dieser Kolonien im Jahre 1902 veröffentlichte, daß man in guten Jahren pro Hektar an Weizen 2500 bis 3000 kg, an Gerste 2000 bis 2500 kg, an Mais 1500 kg, an Durrha 1200 bis 1500 kg und an Kartoffeln 10.000 kg erzielt, so wird jeder, der etwas von Landwirtschaft versteht, zugeben, daß es recht befriedigende Resultate sind, und wenn es erst eines Beweises bedarf, daß dies nicht eitle Prahlerei ist, so liegt der Beweis darin, daß d i e Württemberger fortwährend Land hinzukaufen, und gerade in der letzten Zeit wieder eine neue Kolonie angelegt haben und im Begriffe sind, eine zweite auf schon angekauftem Boden zu begründen. In Mikweh Israel, der Ackerbauschule der Alliance Israelite bei Jaffa, hat im Jahre 1905 der Sesam 15fache Erträge und der Weizen die 9fache Aussaat gebracht. Natürlich ist nicht alles Land so fruchtbar, wie das geschilderte; es gibt große Strecken Bergland, die für Getreidekultur unbrauchbar, wohl aber für Wein, besonders für Olivenbau geeignet sind, während ein kleiner Teil des Landes, die sogenannte Wüste Juda, auch für diese Kulturen ungeeignet ist, vielleicht aber doch später für neu einzuführende, in der Dürre lebende Pflanzen, z. B. Agaven, Kaktus usw. brauchbar sein v/ird. Wer will unter solchen Auspizien den Vergleich Palästinas mit dem klimatisch ähnlichen Sizilien gewagt finden, das im 16. Jahrhunderte auch auf 800.000 Seelen zurückgegangen war, heute aber 3xk Millionen Einwohner spielend ernährt, und dessen Bevölkerungsziffer sich noch immer in rapidem Wachstum befindet? Und dann: die Vorzüge der alten Geschichte! Was sind dem gegenüber periodische Schwankungen der Volkswohlfahrt. In den Kräften des idealen M agn eti s m u s 1 i eg t die Unvervvüstlichkeit eines Landes. Ich denke, das haben wir in Deutschland gesehen. Nach den traurigsten Niedergängen immer wieder ein gewaltiger Aufschwung. Und Palästina? Es das ist Pilger-Eldorado der Frommen aller Zeiten und Völker

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