Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1907-06-21 · Heft 28 (21.6.1907) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 28 (21.6.1907)
Date
1907-06-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2425679-2425680-2425696--0205-2426471
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2 -Neue National-Zeltung:« Nr. 28 konnte da Platz finden: der Großkapitalist neben dem Arbeiter, der Kalialmann neben dem Radikalen. Er mußte nur einen Schekel zahlen. Ich habe mich dagegen gewehrt, so lange ich konnte. Ich vertrat den Standpunkt, daß die jüdischen Volksmassen so lange nicht warten können, bis ihnen durch diplomatische Unterhandlungen Palästina anheimfallt, sie müßten schon jetzt politisch erzogen und kulturell gehoben werden. Für mich waren die Zionisten zuerst Juden. Für Dr. Herzl waren die Zionisten nur Zionisten. Daran hat der Basler Kongreß nichts geändert. Weder der erste noch die weiteren. Die Abstinenz von der innerpolitischen Betätigung wurde zu einem zionistischen Dogma erhoben. Und an diesem Dogma wurde nicht gerührt, so lange der Verfasser des „Judenstaates" lebte. Wenn nun selbst bei seinen Lebzeiten die zionistische Bewegung in Wien weder im Mittelstande noch in den breiten Schichten festen Fuß zu fassen vermochte, wenn selbst in Galizien die einstige Begeisterung erkaltete, wenn in Rußland, in England und in der Schweiz die territorialistische Bewegung immer weitere Kreise ergriff — was war die Ursache? Nichts anderes, als die intransigeante Stellung der zionistischen Parteileitung, die den zähen Charakter des Basler Programmgerippes konserviert hat. Der praktische Politiker schmiegt sein Programm den Bedürfnissen der Bevölkerung an; die Basler Programms-Kommission — auch ich war darunter, allein ich mußte nachgeben, sonst wäre überhaupt kein Programm zustande gekommen — begnügte sich, unter dem Drucke des Vorsitzenden Dr. Nordau, bloß damit, das Endziel und die Mittel zu seiner Verwirklichung in einige Leitsätze zu kleiden. Die Erweiterung des Programms auf das innerpolitische Gebiet, auf wirtschaftliche und kulturelle Fragen wurde für die nächsten Kongresse in Aussicht gesteilt. Diese Zeit ist aber bis heute nicht gekommen. So wurde die Basis geschaffen für den Gegensatz zwischen Nationalismus und Zionismus. Daß der Nationalismus die Vorbereitungsschule und für den Westjuden geradezu die Brücke zum Zionismus war, ließen sich die Vertreter des Basler Programmes nicht erklären; sie wollten ein Nationaljudentum im Rahmen ihrer Partei gar nicht anerkennen, wenn sie auch damit tüchtige und aufopferungsvolle Männer von der Arbeit für die jüdische Volkssache ausschlössen, für die es nie genug Kämpfer geben kann. Das dauerte durch zehn Jahre. Der Bestand der „Welt*' deckt sich ganz mit diesem Dezennium. Und wenn sie auch dieses jetzt feiert, so geht sie dennoch mit Stillschweigen über ihre frühere Haltung hinweg, die im Lichte der Vergangenheit zu übersehen gewiß von historischem Interesse wäre. Heute sind die jüngeren Kräfte auch für nationale Politik, für die innerpolitische Betätigung. Der Gegensatz zwischen Nationalismus und Zionismus soll verschwinden. Das neue Wahlgesetz und die jüdischen Mandate haben das Wunder bewirkt. Allein es genügt nicht, daß man Mandate erobern und sich in der inneren Politik betätigen möchte. Eine solche Wandlung macht man nicht von einem Tage auf den anderen: dazu gehört eine Organisation und Agitation, eine langjährige nationale Erziehung und ein jüdisches, allen Bedürfnissen des Volkes Rechnung tragendes Programm. Die Nur-Anhänger des Basler Programms, die durch zehn Jahre alle diese Erfordernisse politischer Taktik außeracht gelassen, ja sogar vernachlässigt haben, glauben jedoch, es sei möglich, im Handumdrehen das Versäumte nachzuholen. L. (Schluß folgt). APOLINAKY HARTGLAS (Warschau): Der Kampf um das yiddüh. (Schluß.* Den größten Schwierigkeiten begegnet aber der Jargon in jüdischen Kreisen selbst. Die fortschrittlichen Polen sind selbst zu feinfühlig, um in einer scharfen und kategorischen Form gegen die Sprache eines unterdrückten Volkes aufzutreten. Sie empfinden auch den Widerspruch zwischen einem derartigen Verhalten und ihren freiheitlichen Idealen. Sie weichen daher stets einer entschiedenen Stellungnahme aus, und wenn man sie an die Wand drückt, dann gebrauchen sie auch in delikater Weise verschiedene Ausflüchte. Ganz anders verhält sich die „Intelligenz" und die jüdische Haute-Finance. Mit der Brutalität, die dieser Klasse stets eigen ist, wenn es sich um Schwächere handelt, hat sich die Finanz in eine feindliche Stellung gegen die Jargonbestrebungen gestellt. Das Organ dieser Koterie schäumt und wütet gegen den Jargon. Auf ihren. Versammlungen wollen die jüdischen „Intellektuellen" die Jargonredner gar nicht zum Worte zulassen, und sie bedenken gar nicht, daß sie dadurch selbst bei den* Polen Mißfallen erregen. Hiereinige Beispiele: In Czenstochau ist über Initiative der fortschrittlichen Jugend eine öffentliche Lesehaie errichtet worden. Mehrere Mitglieder des Vereines, nicht assimilierte Juden, haben der Lesehalle eine größere Anzahl von Jargonbüchern schenkungsweiseüberlassen. Die polnischen Mitglieder nahmen dieses Geschenk mit einem vielleicht erheuchelten Dank an,, jedenfalls hatten sie gegen diese Schenkung nichts einzuwenden. Wozu wären aber die jüdischen Assimilanten da? Plötzlich brach eine kleine Palastrevolution aus. Mau nannte es nationalen Verrat, jüdischen Chauvinismus, wenn auch Juden, die der polnischen Sprache nicht mächtig sind, die Bibliothek benützen konnten und die fortschrittlichen jüdischen Mitglieder stellten die- Vereinsleitung vor die Alternative, daß sie aus einer solchen chauvinistischen und reaktionären Institution austreten würden, oder aber es müßten die Jargonbücher entlernt werden. Die polnischen Mitglieder, über diesen Fanatismus entsetzt, versuchten darzulegen, daß doch der Jude ein Recht habe, in seiner Sprache zu lesen. Als dies nichts half, da versuchten sie es wieder mit anderen Argumenten: Es sei doch kein nationaler Verrat, denn diese Bücher wurden doch nicht aus Vereinsmitteln angeschafft. Alles vergebens. Die fortschrittlichen und demokratischen Mitglieder „mosaischer Konfession" verließen den Verein; die Bücherkisten sind noch nicht einmal geöffnet. Und da drängt sich die Frage auf: „Wer verbreitet unter den Polen den Antisemitismus? Die nationalen Juden oder die jüdischen Fortschrittler?" Vor einigen Monaten fand in der jüdischen Kultusgemeinde in Warschau eine Volksversammlung behufs Besprechung einer Gemeindereform statt. In der Versammlung erschienen auch mehrere jüdische Arbeiter,, die der polnischen Sprache nicht mächtig waren und daher das Verlangen aussprachen,' selbst jiddisch zu sprechen, dann aber ihre Reden ins Polnische übersetzen zu lassen. Es entstand ein Getümmel, selbst das Präsidium trat diesem Wunsche entgegen. Als aber dennoch die Versammlung in ihrer Majorität dem Wunsche der Arbeiter entsprechen wollte, verließen die intellektuellen; Juden ostentativ den Saal. Mit der Frage des Jargons hat sich auch der „Verein zur Erhaltung von Kursen für erwachsene Analphabeten" in einer ad hoc einberufenen Konferenz eingehend beschäftigt. Dieser Verein ist die einzige Institution, welche der anämisch gewordene polnische Fort-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.