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Neue Nationalzeitung · 1907-06-21 · Heft 28 (21.6.1907) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 28 (21.6.1907)
Date
1907-06-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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;zr3£Z53^<a£v SHMBKauaLM^sza N5U5 KiONAL-ZQDüNG JUDßCRPOUCISCRg WOCRENSCRRIFC ors.R.LNNö.^u;; JAHRGANG. WIEN, 21. JUNI 1907. No. 28. Nationalismus oder Zionismus. Am 4. d. M. ist ein Jahrzehnt verstrichen,, seitdem die von Dr. Herzl begründete, vom Verfasser dieses Artikels redigierte Wochenschrift „Die W e 1 t" zum erstenmal erschienen ist. Es ist dies kein gewöhnliches Zeitungsjubiläum. Denn mit der Gründung dieses Blattes fiel der erste Kongreß in Basel zusammen. In der Geschichte des jüdischen Volkes hat eine Periode der moralischen Läuterung und der nationalen Wiedergeburt begonnen. Auch diese Zeitung war etwas neues, epochales. Sie war ein Sturmbock wider alles Morsche, Alte in der jüdischen Gemeinde, sie peitschte das im Banne politischer Geschäftsmänner stehende jüdische öffentliche Leben auf, sie beugte sich nur vor einer Autorität: des jüdischen Volkes. Auch mir war es gegönnt, an dem Entstehen der „Welt" mitzuwirken. Ich war ihr erster Redakteur. Ich habe nicht bloß als Redakteur gezeichnet, sondern ihr meine besten Kräfte gewidmet. In ihrem Rahmen habe ich gegen Kanal Wirtschaft und Hausjuden den Kampf eröffnet, ich habe Gleichberechtigung und Gleichheit für das jüdische Volk gefordert; hier wurden zuerst meine Studien über das jüdische Proletariat gedruckt. Ich war bemüht, dieses Blatt zu einem Spiegel des .gesamtjüdischen Volkslebens zu gestalten; neben den verlockenden und glitzernden Farben der Zukunft sollten auch die grauen Töne des Alltagslebens mit ihren dunklen Schatten nicht fehlen.. Es gab damals weder eine Partei noch eine Organisation, und daher weder ein Programm noch Statuten. Das Blatt war der einzige Mittelpunkt für alle jene, die endlich zur Erkenntnis gelangt sind, daß es so weiter nicht gehen könne, daß die rechtlose Stellungdes jüdischen Volkes in der großen Völkerfamilie einerseits, anderseits aber die faktische Zurücksetzung der jüdischen Staatsbürger und die wirtschaftliche Notlage der breiten jüdischen Volksmassen zii einer radikalen Selbsthilfe drängen. Der Weg für die nationale Erlösung des jüdischen Volkes war im „Judenstaat1' gezeigt. Dieses Schlagwort sagte alles. Fort aus Europa, fort aus den ungastlichen Heimstätten — in das Land unserer Ahnen! Das „Wohin" war also nicht mehr fraglich; die Mi t tel an die Hand geben. ,.Wann?" Politische Ideale können es moralisch sollte eine diplomatische Aktion Fraglich und ungewiß war das können ein Volk begeistern, sie erheben, in seinem nationalen Selbstbewußtsein stärken; aber weder das ganze Volk noch seine Mitglieder können von Idealen leben. Daher verlangt das Volk neben dem ideellen Endziel auch eine Rücksichtnahme auf die nächsten Bedürfnisse seines Wirtschaftslebens. Die schönsten fata morgana einer politischen oder wirtschaftlichen Erlösung vermögen nur vorübergehend die Volksphantasie zu fesseln, wenn ihnen die Anwendung auf das Alltagsleben fehlt. Das weiß jeder Politiker. Die bestorganisierte Volkspartei, die Sozialdemokratie, hat daher auch in ihrem Erfurter Programm den Zukunftidealen ihrer sozialen Wirtschafts - bestrebungen praktische Postulate der Gegenwartspolitik angeschlossen. Trotz ihrer Verelendungstheorie, trotz der Bebelschen Weissagung des bevorstehenden Zusammenbruches hat sich die Sozialdemokratie zu einer antirevolutionären, realpolitischen Partei entwickelt, die je größer ihr Anhang wird, desto mehr statt an der Vernichtung der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung an deren Besserung arbeitet. Ihre Wähler wollen sich nicht mit einer Anweisung auf den Zukunftsstaat begnügen, sie wollen heute kürzere Arbeitszeit, bessere Lebensbedingungen, mehr Bildung und größere Freiheit. Als „Die Welt" entstand und es keinen Kongreß noch gab, war im Schosse der Redaktion die Frage der Stellungnahme zu den Vorkommnissen der inneren Politik die brennendste. Es gab keine Woche, daß nicht ein Ereignis der inneren Politik eintraf, welches die Redaktion zur Stellungnahme gezwungen hätte. Es gab daher auch Kämpfe der Meinungen. Dr. Herzl vertrat den Standpunkt, die Politik ihrer Länder gehe die Juden nichts an. Sie haben in ihren Wohnsitzen nur eine Mission: dieselben sobald als möglich zu verlassen. Je ärger, destobesser. Deshalb wurde die Zugehörigkeit zur Partei des „politischen Zionismusvon keinem politischen Kredo abhängig gemacht. Jeder

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