Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1907-06-14 · Heft 27 (14.6.1907) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 27 (14.6.1907)
Date
1907-06-14
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2425679-2425680-2425695--0199-2426464
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 27 »Neue National-Zeitung« Seite 9 weise zur Folge haben, daß die Fahrpreise eines Tages ganz erheblich sinken. Informationen zur Amerika-Emigration. Kürzlich hat die vom Kongreß der Vereinigten Staaten von Nordamerika ernannte Kommission zum Studium der Auswandererfrage ihre Enropareise angetreten. Ueber die Zusammensetzung der Kommission erfahren wir, daß mehrere Mitglieder entschieden emigrationsfeind 1 ich gesinnt sind und nur ein einziger ausgesprochener Freund der Emigration, Herr Bonn et Ii sich in derselben befindet. Die Kommission wird über das Ergebnis ihrer Erfahrungen an den Kongreß berichten. Dieser Bericht wird von Einfluß sein auf das dann nochmals zur Beratung kommende Einwanderergesetz. Von den neueren amerikanischen Einwanderungsgesetzen hieß es in der Tagespresse, daß sie mit Ausnahme der Erhöhung der Landungsgebühr von 2 auf 4 Dollar gegenüber der früheren nur unwesentlich geändert und bloß geringfügig verschärft seien. Demgegenüber können wir mitteilen, daß in einem der neueren Gesetze bestimmt ist, es solle dem Ermessen des zur Einwanderungskommission gehörenden Arztes überlassen sein, solche Einwanderer zurückzuweisen, die ihm geistig oder kö?pe>liih schwach oder kränklich erscheinen. Dieser dehnbare Begriff stellt eine ungeheure Verschärfung der die Hände der Einwande'rerkommission gegebenen Gewalt dar, zumal wenn man bedenkt, daß die. schon an sich nicht gerade blühend aussehenden Emigranten infolge der langen Fahrt häufig genug schwach oder kränklich erscheinen müssen. 0 c h s e n s c h i f f e. Endlich nach langen Bemühungen ist es gelungen, die fürchterliche Behandlung jüdischer Rückwanderer auf den Ochsenschiffen vor das englische Gericht zu bringen. Herrn G. M. H y o m s aus Liverpool, mit dem wir seit, unserer Veröffentlichung einiger Vorfälle auf den Ochsenschiffen in der „Jewish World" stets in Verbindung geblieben sind und dem wir seitdem unser Material regelmäßig zugeschickt haben, gebührt das große Verdienst, viele Fälle von grausamer Behandlung russischer Emigranten auf Oehsenschiffen vor das öffentliche Gericht gebracht zu haben. Wir bringen in folgendem die Uebersetznng eines Zeitungsberichts aus einer englischen Tageszeitung: „Vor dem Liverpooler Gerichtshof stand kürzlich der Amerikaner Thompson, welcher (auf Veranlassung von Herrr G. M. 'Hyoms) angeklagt war, den Passagier Philipp Bremon mißhandelt zu haben. Wie der Detektivinspektor Herr Holbwok, der Vertreter der Anklage, erklärte, waren der Kläger und sein junger Freund in Amerika in Not geraten. Um in ihr Heimatland zurückzukehren, vermieteten sich beide als Viehhüter auf dem Ochsenschiff „Midshipman", das von Boston nach Liverpool «;ehen sollte. Während der Fahrt verlangte der Angeklagte, der Aufseher auf dem Schiffe war, von Bremon Geld. Als Bremon ihm erklärte, daß er kein Geld besitze, schlug ihn der Aufseher zu Boden; ebenso erging es dem oben genannten Freunde des Bremon. Herr Hollwok fügte hinzu, daß es auf diesen Schiffen gang und gebe sei, daß die Aufseher-die Viehhüter, diese armen jüdischen Emigranten aufs fürchterlichste behandeln, um von ihnen Geld zu erpressen. (Hier folgt eine detaillierte Schilderung der Mißhandlungen, welche uns ja leider weniger neu sind, als dem englischen Gerichtshof.) Herr Friedensrichter Jakobs führte aus, daß es ein ganz besonderer Frevel seitens de-. Angeklagten sei, diese jungen Leute auszunützen, die vor der Verfolgung in ihrem Heimatlande (Rußland) geflohen und Schutz suchend, nach England gekommen seien. Der Angeklagte Thompson wurde zu drei Wochen Gefängnis verurteilt. Seitdem Herr G. M. Hyoms mehrfach Klage gegen die Aufseher auf den Ochsenschiffen erhoben hat und auch sonst mit großem Eifer gegen diese Mißhandlungen aufgetreten ist, ist eine wesentliche Besserung in dem Schicksal der Rückwanderer anf solchen Schiften eingetreten. Fast alle Rückwanderer, die in letzter Zeit mit Ochsensehitfen nach Europa, gekommen sind, berichten, daß sie auf der Reise zwar schwer haben arbeiten müssen, doch seien sie leidlich behandelt worden. Der „.Jüdische Volksverein'1 ist in der Ausstellung für soziale Fürsorge, an der er sich beteiligt hat, mit dem Ehrendiplom ausgezeichnet worden. Rumänien. Die Folterung jüdischer Soldaten in der rumänischen Armee. Bukarest, den 9. Juni 1007. i Oi isr.-Korr.) Tn Do roll o in. einer kleinen Stadt an der Jijin, hat sich dieser Tage ein unmenschlicher Fall ereignet, der in der Geschichte des Militarismus schwerlich seinesgleichen hat. In dieser Stadt, die eine Stunde von Mihäileni entfernt, somit hart an der österreichischen Grenze gelegen ist, befindet sich das sogenannte „Reginientul VIII Drages Nr. 291 in Garnison. Der Kommandant desselben ist ein brutales, rücksichtsloses, den Namen Mensch ungebührlich tragendes Individuum, der bekannte Judenfeind C o 1 o n e 1 M ä r ä s e s c u. Dem Wochenblatte „Oronica Israelita" wird aus Dorohoiu über eine haarsträubende Erbärmlichkeit dieses Obersten berichtet: „Colonel Märäsescu, der Kommandant des hierorts stationierten Regimentes, ließ vergangenen Freitag sämtliche Truppen auf die Wiese „Soseaua nat.ionahv' ausrücken und in der Weise Aufstellung nehmen, als ob er ihnen einen Befehl von Allerhöchster Stelle" zu verkünden hätte. Dem war aber nicht so. Vielmehr gab er strikten Befehl, daß sämtliche jüdischen Soldaten Reih und Glied verlassen und sich angesichts der Truppen unter freiem Himmel vollständig entkleiden sollen. Die unglücklichen Juden, acht an der Zahl, starren entsetzt anf ihren Befehlshaber, leisten ohne Murren diesem unerhörten Befehle Folge und stehen nach einigen Minuten im Adamsgewand da, der kommenden Dinge harrend. Colonel Mä räsescu ruft, den Feldwebel Dum it.riu. und siehe da, derselbe erscheint mit einem langen, dicken Stock (ciomag). Auf seinem Wink folgen ihm sieben christliche, kräftige Soldaten, welche sich alle auf ihre jüdischen „Waffenbrüder" stürzen, sie zu Boden strecken und prügeln sie in unmenschlicher Weise. Das Blut der jüdischen Soldaten fließt in Strömen, sie bleiben alle in tiefer Ohnmacht liegen und erst jetzt ertönt aus dem ungewaschenen Mund des Wüterichs der erlösende Ruf: „Bravo, schon genug!" Halb tot werden die jüdischen Soldaten ins Spital transportiert, woselbst sie wieder ins Leben gerufen werden, nm sofort in dunkle Kerkerzellen geworfen zu werden. Jetzt erst gewinnt es einer der Malträtierten über sich, zu fragen, warum sie so gefoltert werden. Darauf erhält er zur Antwort: „Weil die jüdischen Soldaten ihrer Militärpflicht nicht gewissenhaft nachkommen." König Karol, der deutsche Fürst, hat vor wenigen Jahren die Folter in der rumänischen Armee abgeschafft und Menschenrechte proklamiert. Seine untergebenen Otfiziere proklamieren aber Bestienrechte gegenüber den jüdischen Soldaten! Und diesem verruchten Gesindel müssen jüdische Familien ihr Teuerstes, ihre Stützen und Ernährer anvertrauen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.