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Neue Nationalzeitung · 1907-06-14 · Heft 27 (14.6.1907) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 27 (14.6.1907)
Date
1907-06-14
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 27 »Neue National-Zeitung« Seite 7 Die Kultuswahlen in Lemberg-. Lemberg", 10. Juni. (Orig.-Korr.) Noch sind die Jüdischnationalerl, vom schweren Wahlkaropfe ermüdet, nicht ausgeruht und ein neuer Kampf steht ihnen bevor: der Kampf um die freigewordenen Kuitusmandate. Die Herren vom Lemberger Kanal haben es scheinbar mit Absicht eingerichtet, daß sie die Wahlen just auf diese Zeit ausgeschrieben haben. Sie haben heilig an die Macht der Korruption geglaubt und haben mit ihren „geistigen Augen" die Niederlage der nationalen Partei gesehen, welche deprimierend auf dieselbe einwirken und somit ihre Kampflust abschwächen sollte. Außerdem hat man auf die Erschöpfung der Agitationskraft große Hoffnungen gelegt und sollte ein vollständiger Sieg der bestehenden Kanals gesichert werden. Allerdings haben die Herren auch großmütig zu handeln gedacht: Sie wollten nämlich vier durch den Tod von Vorstehern frei gewordene Mandate den oppositionellen Parteien, darunter auch den Zionisten, gutwillig einräumen. Warum gerade vier? Das muß also erklärt werden. Zur Besetzung gelangen jetzt eigentlich 16 Mandate. Allein 12 derselben befinden sich in Händen lebender „Vorsteher" und es ist doch allgemein bekannt, daß lebende, „gewesene" Vorsteher nicht verdrängt werden dürfen. Einzig und allein der Tod vermag ein Kultusvorsteher-Mandat frei zu machen. Wenn man also von Kultuswahlen bei uns spricht, so ist es bloß eine leere Form, eine Art russische ..Konstitution". In Wirklichkeit werden bei uns die Kultusräte für lebenslang ernannt. Deshalb gehört es auch zu den Raritäten, einen Kultusrat in einer Wälllerversammlung zu sehen. Was haben denn da die Wähler dreinzureden'? Willst du ein Mandat in der Kalialstube, so begebe dich zum Herrn Schmelke von Horowitz, hole dir seine Gunst und du kannst sicher sein, daß du das Mandat für dein Lebenlang erhältst. Und sollten deine Nachkommen sich nun recht brav verhalten — sie werden es auch nach dir erben . . . Von den IG Mandatsträgern müssen also 12 zurückbleiben und kann es sich lediglich nur um jene vier handeln, welche wirklich frei geworden sind. Diese vier Mandate ist unser löblicher Vorstand geneigt, den Oppositionellen zu überlassen. Es wurden ein sozialistisch angehauchter Advokat, ein Kaufmann und zwei Zionisten in Aussicht genommen. Als die Zionisten jedoch siegreich vom Schlachtfelde zurückgekehrt sind, wollte man sogar so weit gehen, daß man auf den Kaufmann verzichtete und ihnen ganze drei Mandate gewährte. Alierdings müßte die Personalfrage vom Vorstand selbst gelöst werden: der Vorstand hätte diejenigen zionistischen Kandidaten zu bestellen, die ihm erwünscht wären, damit ja das Prinzip der Ernennung Gott behüte nicht angetastet wäre ..." Zu bemerken ist noch, daß dieser Friedens-Antrag vom dz. Kultus-Präsidenten Dr. S c h a ff ausgegangen ist. Herr Schmelke v. Horowitz und seine Garde haben sich dagegen verwahrt und soll auf Grund dessen ein Konflikt im Kanal selbst entstanden sein, der wahrscheinlich zur Niederlage Schaffs und zum Siege Horowitz geführt hätte. Zum Glück aber hat die zionistische Partei jedes derartige Kompromiß rundwegs abgewiesen und somit ist unser lieber Dr. Schaff gerettet. Ueber Antrag des zionistischen Distrikts-Komitees wurden zuerst sechs Kandidaten für den III. Wahlkörper nominiert. Es sind dies: Abg. Adolf Stand, Dr. G. Zip per, Dr. Isaak Feld, Dr. Samuel Rappoport, Dawid Schönfeld und Dawid Hersch Tieg er. Das israelitisch-theologische Institut. Lemberg, den 10. Juni. (Orig.-Korr.) In den Tagen des heißesten Wahlkampfes hat sich der galizische Landtag zu einem großen Entschlüsse aufgerafft. Er beschloß hier ein israelitisch-theologisches Institut zur Heranbildung von Religionslehrern wegen Unzulänglichkeit der Wiener israelitisch-theologischen Lehranstalt zu errichten. Zu diesem Zwecke wurde der Landesausschuß aufgefordert, sich wegen der nötigen Vorarbeiten mit dem Unterrichts-Ministerium und den galizischen Kultusgemeinden ins Einvernehmen zu setzen. Dies ist nun jetzt geschehen. Der Landesausschuß hat ein Zirkular an sämtliche Kultusgemeinden erlassen und verlangt von ihnen — Geld. Er will also ein jüdisches Lehrerseminar errichten; zahlen sollen aber die Juden selbst. Das Zirkular stellt an die Gemeinden einen doppelten Anspruch. 1. Auf jährliche Subventionierung des Instituts. 2. Auf Zuwendung eines größeren Beitrags für die Gründungskosten. Beides soll vom Jahre 1908 angefangen fließen. Ueberdies werden die Kultusgemeinden aufgefordert, Geld- und Büchersammlungen einzuleiten. Sobald die Antworten auf das Zirkular eingelangt sein werden, wird der Landesausschuß mit einem Projekt vor den Landtag treten. Wir gestatten uns aber heute schon, geeignete Lehrkräfte diesem Institut zu empfehlen. Als Direktor eignet sich ganz besonders der Rabbi von Beiz. Von dem Manne, der seine orthodoxen Juden für die Kandidatur des Allpolen Starzynski reif gemacht hat, darf man envarten, daß sein echt polnischer „Geist" auch auf die Zöglinge patriotisch wirken wird. An seine Seite gehört unbedingt Herr Dr. Taubeies, der Religionslehrer ans Tarnopol, der die polnischen, antisemitischen Blätter mit seinen Pamphlets wider die Nationaljuden überschwemmte. Solche Verdienste müssen doch belohnt werden. Dem Landesausschuß hat es bisher an Mitteln gefehlt, jüdischen „Patriotismus" zu belohnen. Dem soll jetzt anders werden. Die Entführung eines jüdischen Mädchens. Krakau, den 10. Juni. \ Orig.-Korr.) Der Fall Araten steht nicht vereinzelt da. Die Entführung jüdischer Mädchen wider Wissen und Willen ihrer Eltern ins hiesige Kloster der Felizianerinnen wiederholt sich in erschreckender Weise, ohne daß die Behörde den schwer gekränkten Eltern zu Hilfe käme. Es gilt eben hierzulande der Ausspruch des Landsmannministers Pientak: „An den Pforten des Klosters hört die Macht des Staates auf!" Der jüngste Fall betrifft Herrn Faß aus Dembica, dessen 15jährige Tochter Gela nachgewiesenermaßen über Intervention des Prälaten Wolski aus Dembica von einer Nonne in das hiesige Kloster entführt wurde. Alle Bemühungen des Herrn Faß, seine Tochter wieder in Freiheit zu setzen, waren erfolglos; der Abgeordnete des Städtebezirkes Dembica, Prälat Pastor, für den nicht nur die Bezirkshauptleute, sondern auch die Rabbiner seines Wahlbezirkes agitiert haben, erklärte sich außerstande zu intervenieren und die gleiche Erklärung gab auch der hiesige Bürgermeister und „Judenfreund", d. h. der Freund unseres Kahals — Dr. Leo ab. Wir bedauern nur Eines: daß nicht auch einigen unserer Provinzrabbiner ihre Töchter entführt werden. Wrir würden dann sehen, ob sie noch weiter den traurigen Mut hätten, in diesem Lande, wo das Gesetz mit Füßen getreten, wo verbrecherische Proselyten-Macherei getrieben wird, die Geschäfte der herrschenden Clique zu besorgen. Wir erwarten, daß unsere jüdischnationalen Abgeordneten diesen Fall zum Gegenstand einer geharnischten Interpellation im Reichsrate machen werden. Sie werden sich aber auch hoffentlich mit der Vertuschungspolitik, wie sie seinerzeit Herr von Koerber im Falle Araten betrieben hat, nicht zufrieden geben. Ein Verbrechen bleibt ein Verbrechen — auch wenn es von Nonnen und Prälaten begangen wird. Und für diese muß das Strafgesetz ebenso gelten, wie für gemeine Verbrecher.

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