Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 27 (14.6.1907)
- Date
- 1907-06-14
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 »Neue National-Zeltung« Nr. 27 Der Fall in Atlantic City erinnert an das Verhalten des Mr. H e a 11 o n, der vor einigen Jahren den Millionär Seligmann aus seinem United States Hotel gewiesen hat. Dieses Vorgehen hat sich an Mr. Healton schwer gerächt. Sein großes Warenhaus am Broadway wurde von der gesamten Bevölkerung boykottiert, und er ist zum Bettler geworden. Die Jargonpresse fordert auf, die antisemitischen Hotels zu boykottieren, nicht aber sie durch Polizei-Anzeigen zur Nachgiebigkeit, zu zwingen. Es sei traurig, daß „die jüdische Aristokratie, wenn man sie zur Türe hinauswirft, durchs Fenster hineinsteigt." _ Zur Organisation der jüdischen Auswanderung.*) Berlin, den 10. Juni. New -York und die anderen nordatlantischen Hafenstädte der Vereinigten Staaten, dieses freiheitlichen Landes, das den unglücklichen jüdischen Flüchtlingen aus Ost-Europa eine Zufluchtsstätte bietet, sind mit jüdischen Massen bereits überfüllt. So entstand für die jüdischen Philantropen aller Länder im Interesse sowohl der in diesen amerikanischen Zentren lebenden Einwohner wie. der Zuwandernden selbst die zwingende Notwendigkeit, darauf hinzuwirken, den Strom der Auswanderung von diesen Zielen abzulenken. Durch die Konzentration großer Massen in wenigen Städten sind die Arbeitsbedingungen für die dort Lebenden naturgemäß bereits höchst ungünstig und jeder neue Einwanderer trägt zur Verschlechterung dieser Arbeitsbedingungen noch bei und findet es immer schwerer, unter diesen Verhältnissen festen Fuß zu fassen. Um dieser nicht ungefährlichen Entwicklung Einhalt zu tun und um allmählich eine allgemeine Besserung der Lage der Auswanderer herbeizuführen, wird auf Anregung von Jakob N. S c h i f f in New-York durch die Industrial Removal Office daselbst jetzt der Versuch gemacht, eine Ablenkung der Auswanderung aus dem östlichen Europa nach den südlichen Häfen der Vereinigten Staaten herbeizuführen. Als Landungshafen, von wo aus der Strom der Einwanderung weiter in das Innere gelenkt werden soll, ist G a 1 v e s t o n gewählt werden. Daselbst ist eine Organisation geschaffen, die die Ankommenden in Empfang nimmt und nach Plätzen im Hinterlande weiterführt, wo für sie bereits im voraus Arbeitsgelegenheit vermittelt wurde. Mit der Durchführung dieses Planes einer Ablenkung der Auswanderung von den bisherigen Wegen in Europa ist bekanntlich ein Komitee in London betraut worden, an dessen Spitze Herr Israel Z a n g w i 11 von der „Ito" steht. Dem Komitee gehören unter anderen an: Leopold de Rothschild, Lucian Wolf und die beiden Vorsitzenden des Hilfsvereines der Deutschen Juden, Herr James Simon und Dr. Paul Nathan. Für die Arbeit in Deutschland ist noch ein besonderes Komitee eingesetzt worden, dem außer den Herren James Simon und Dr. Nathan auch Herr Dr. H. Klee angehört. Nachdem die nötigen Vorbereitungen getroffen waren, ist bereits im vorigen Monat ein Dampfer mit einigen wenigen russischen Auswanderern über Bremen nach Galveston abgegangen. Am 6. Juni konnte der erste größere Trupp von 54 Personen über Bremen nach Galveston expediert werden. Für diesen Dampfer war eine größere Zahl Galveston-Passagiere eingeschrieben worden, als tatsächlich abgefahren ist. Einige davon sind *; Wir erhalten diesen Aufsatz vom „Hilfsverein der Deutschen Juden" in Berlin. Anm. d. Red. nicht zur rechten Zeit eingetroffen, andere sind mit einigen hundert anderen Auswanderern zusammen wegen eines vorher in einer anderen Auswanderertruppe vorgekommenen Scharlach- und Diphtherit.isfalles in Quarantäne zurückgehalten worden. Die Auswanderer-Schntzkomitees des Hilfsvereines der deutschen Juden an der Ostgrenze, besonders die Komitees in Ostrowo, Mislowitz, Thorn, ließen sich die Fürsorge für diese Auswandere]' besonders angelegen sein und die Ueberführung auf das Schiff .ist ohne störenden Zwischenfall erfolgt, Ihrem Berufe nach sind die Emigranten, die ihr Glück in der neuen Heimat suchen wollen, 35 Handwerker, 7 Fabriksarbeiter, 2 Kautieute, 8 unbestimmt, 2 verheiratete Frauen. Die Emigranten stammen meist aus Shitomir, Odessa, Kiew, Warschau und Berditschew. Damit ist ein Unternehmen in die Wege geleitet, das voraussichtlich für die Gesamtheit der osteuropäischen Juden von großer Bedeutung sein wird und das gleichzeitig dazu führt, der Ueberfüllung einzelner großer Städte in den vereinigten Staaten entgegen zu arbeiten. Herr Jakob H. Schiff hat kürzlich in einer Sitzung der amerikanischen Bnei Brith Loge das Pro gramm für diese Einwanderung auf neuem Wege in neue Gebiete aufgestellt. Er sagte u. a.: „Wir sollten es nicht gestatten, daß unsere Glaubensgenossen fast ausschließlich in Städte längs der nordatlantischen Küste gehen. Wir müssen sie empfangen, wenn s:e landen und ich glaube, daß wir unserem Lande keinen größeren Dienst erweisen können, als wenn wir den Strom der Einwanderung nach den Golfstädten, nach Atlanta und Galveston lenken, wo man ihn braucht. Wir müssen nicht vergessen, daß wir dieses jungen Blutes, dieser jungen Leute, der Leute, die neue Aufgaben erfüllen werden, bedürfen, und so wollen wir ihnen die Hände reichen zum Besten unserer Gesamtheit. Wir wollen nicht nur gute Juden, sondern auch gute Amerikaner sein in Erinnerung daran, daß, als die Sonne für uns in der alten Welt unterging, sie glänzender und verheißungsvoller in der neuen für uns aufging." Der Hilfsverein der deutschen Juden hat* sich bereit erklärt, diesen groß angelegten Plan unserer amerikanischen Glaubensgenossen unter Führung des Londoner Komitees der Ito seinerseits mit allen Kräften zu unterstützen. Galizikhe IDohlmifjbräudie. Noch hat das neue Parlament seine Pforten nicht geöffnet, noch sind die Abgeordneten ans Galizien in Wien nicht eingelangt, und schon erhebt die Oeffentlichkeit die schwersten Anklagen gegen die Brutalitäten und Schwindeleien, welche die im Dienste der Schlachzizen stehenden k. k. Behörden begangen und welchen viele Abgeordnete aus Galizien ihre Mandate zu verdanken haben. Wenn man diese Einzelheiten alle hört, in welch schändlicher Weise die Wähler um ihr Wahlrecht geprellt, die Stimmzettel aus der Urne eskamotiert, das Wahlresultat gefälscht wurde, dann wird es klar, daß das Parlament, vor einer Feuerprobe steht. Gelingt es den freiheitlichen Elementen des Parlamentes nicht, die erschwindelten Mandate zu annullieren, den galizischen Statthalter fortzujagen und dem Gesetze auch in Galizien Geltung zu verschaffen, darin werden nicht" bloß die Hoffnungen ihrer Wähler erschüttert sein ... Als Präludium zur bevorstehenden parlamentarischen Diskussion, die gewiß die erste Zeit des Parlamentes ganz in Anspruch nehmen und auch in der Oeffentlichkeit einen mächtigen Widerhall finden wird, hat Samstag, den 8. d. M., im Saale des „Hotel Union" unter Vorsitz des Dr. Kronawetter eine große Volksver-