Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 27 (14.6.1907)
- Date
- 1907-06-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27 »Neue National-Zeltung« Seite 3 schränken", es fordert von den Juden „unbedingte Abhängigkeit von den polnischen nationalen Interessen"-, die Bezeichnung eines Polen wird nur den Juden gestattet, die bereit sind, diese antisemitische Politik zu unterstützen. Es ist daher nicht schwer, vorauszusehen, daß die Nationaldemokraten, sollten sie einmal auf Grund der dem Lande zu gewährenden nationalen Autonomie zur Macht gelangen, gewiß auch bemüht sein werden, die Juden zu unterdrücken und hauptsächlich ihre sprachlichen Rechte zu beseitigen. Spricht man also vom Kampf um den Jargon, so ist darunter vom Standpunkte der Nationaldemokratie ein Kampf gegen den Jargon zu verstehen. Von einem eigentlichen Kampfe nm den Jargon kann also nur gesprochen werden mit Bezug auf die fortschrittliche Demokratie und die Juden selbst. Die fortschrittliche Demokratie ist eine kleine Partei. Sie besteht aus zwei verschiedenen, einander fremden Elementen. An ihrer Spitze stehen die Repräsentanten der polnischen Intelligenz, Männer von wirklich fortschrittlicher und demokratischer Gesinnung. Die Masse jedoch, das sind die jüdischen Financiers und Bourgeois. So erklärt sich auch die verschiedene Stellungnahme dieser beiden Elemente zur Judenfrage. Die fortschrittliche polnische Intelligenz hat dem Jargon gegenüber eine unentschiedene Stellung eingenommen. Es erklärt sich dies durch den Doktrinarismus der nicht klassenbewußten Intelligenz im allgemeinen, zum Teil aber auch durch die Unkenntnis der jüdischen Lebensverhältnisse, schließlich aber durch den inneren Kampf dieser Männer zwischen der vernunftgemäßen Toleranz und dem angeborenen Chauvinismus. Eine gewisse Rolle hat dabei auch die Parteitaktik mitgespielt. So sehen wir in einer und derselben Partei den Advokaten Lednicki, einen Freund des Zionismus und der jüdischen Kulturbestrebungen, neben dem Advokaten Wröblewski, der zwar der jüdischen Autonomie freundlich gesinnt ist, aber den Zionismus verpönt, vielleicht deshalb, weil er bei den ersten Dumawahlen vom Zionisten Dr. L e w i n geschlagen wurde, und neben ihnen den berühmten Schrittsteller Swietochowski, den Vater des polnischen Positivismus, der jede nationale Eigenart der Juden bekämpft. In seinem jüngsten Feuilleton „Liberum veto" hat er es klipp und klar ausgesprochen, daß der Jargon auf den Widerstand der polnischen Massen stoßen werde, die Juden mögen diese „Utopie" fallen lassen. (Schiaß folgt.) new-Uorker Brief. (Der Antisemitismus in Nordamerika). Emle Mai. Auch Amerika ist vom Antisemitismus nicht verschont geblieben. Er trägt hier ein soziales Gewand. Der Jude ist, politisch ganz gleichberechtigt, wirtschaftlich kann er sich über eine Zurücksetzung auch nicht beklagen; aber er ist gesellschaftlich isoliert. Es ist dies der Fall nicht bloß bei den armen Juden, die ja überhaupt nur unter einander verkehren, sondern trifft gerade bei den reichen und allerreichsten Juden zu. Ein krasser Fall, der in eklatanter Weise den sozialen Boykot unserer jüdischen Millionäre bewiesen hat, ereignete sich vor einigen Tagen im fashionablen Kurorte Atlantic City. Die ganze öffentliche Meinung spricht von nichts anderem, als von der schweren Beleidigung, die der Frau Bertha Rayner-Frank angetan wurde. Frau Frank gehört den obersten jüdischen Zehntausenden Nordamerikas an. Ihr Bruder Isidor Rayner ist Senator von Maryland und einer der hervorragendsten Advokaten Nordamerikas; sie selbst verfügt über viele Millionen und hat einen namhaften Teil ihres Vermögens für humanitäre Stiftungen geschenkt, darunter 75.000 (375.000 Frcs.) für ein jüdisches Spital. Ueberdies ist sie als Philantropin auch aktiv tätig. Ihr Verdienst ist die Errichtung einer Sabbath-Schnle für arme jüdische Kinder in Baltimore, sie sitzt im Kuratorium des „Baronin Hirsch- Heims für Mädchen"; das Auskunftsbureau für einwandernde jüdische Mädchen ist ihr Werk. Und diese Frau, die sich zur Sommerfrische nach Atlantic City, im Staate New-Jersey, begab, hat das Marlborough-Blenheim-Hotel bei Nacht und Nebel verlassen müssen, weil man erfuhr, daß sie eine Jüdin sei. Das genannte Hotel gehört zu den vornehmsten. Und gerade diese nehmen keinen Anstand, auf ihren Geschäftskarten ausdrücklich anzugeben: „Jüdische Gäste nicht erwünscht." Im selben Hotel Marlborough mußte sich vor einem Jahr ein General abweisen lassen, weil sein — Name jüdisch geklungen hat. Ein anderes großes Hotel in Lake Placid trug vor einigen Jahren die Aufschritt: „Hunden und Juden der Eintritt verboten" . . . Ja, in Amerika! Die Richter Greenbaum und Platzek wurden in diesem Hotel wegen ihrer Konfession abgelehnt. Eines der größten Hotels, „Grand Linden Hotel" in Lake Sunapee, inseriert in den Blättern ganz offen: „Juden werden als Gäste nicht aufgenommen." Unsere reichen und großen Juden sind sehr aufgeregt; sie rufen nach Gesetzen und Polizei. Hier hat sich bereits „ein Verein zur Durchführung der Rechte der Juden" gegründet; seit einiger Zeit ist das Direktorium der Union der jüdischen Gemeinden in Washington bemüht, gegen die verhetzenden Inserate die Hilfe der Behörden anzurufen. Wird ein Inserat einer solchen judenfeindlichen Hotelunternehmung entdeckt, dann wird vorerst vom Direktorium ans Hotel geschrieben. Dieser Brief bleibt unbeantwortet liegen. Nun sollte das Strafgesetz, das in einigen Staaten für derartige Uebertretungen gegen die Gleichberechtigung besteht (in New- Jersey seit 1884) zur Geltung gelangen — das geschieht aber nicht. So kann es kommen, daß selbst der Handelsminister Strauß in einem Seebad kein Quartier findet. Sehr interessant ist in dieser Frage die Haltung der im jüdischen Proletariat verbreiteten Jargonpresse. Sie benützt die Gelegenheit, um mit der jüdischen Plutokratie abzurechnen und nachzuweisen, daß sich dieselbe — abgesehen von wenigen Ausnahmen — von den eigenen Glaubensgenossen absondert, dafür aber der amerikanischen Gesellschaft aufdrängt. Der Antisemitismus, der den kleinen Mann trifft, kümmere sie nicht; nun wird sie selbst um so empfindlicher getroffen. Das verbreitetste hiesige Jargonblatt „Jewish Gazette" meint: „Wir fühlen die Kränkung der Mrs. Frank auch als eine uns allen angetane schwere Beleidigung. Und doch können wir es nicht leugnen, daß wir, die jüdischen Volksmassen, dabei eine Satisfaktion empfinden. Warum sollen denn wir, Proletarier, allein unter dem Antisemitismus leiden? Sind wir denn schlechtere Menschen, als sie, die Millionäre? Sind, denn sie nicht auch Angehörige des jüdischen Volkes? Sie möchten sich allerdings suggerieren, daß sie bessere Menschen sind. Sie behaupten, man verachte uns, weil wir nicht genug zivilisiert, weil wir „greeners" (Fremdlinge) oder .peddlars" (Hausierer) sind; sie wollen uns als ..nebbich" hinstellen, als „Masse," die sich noch nicht amerikanisiert hat, und die ihnen Sorge macht . . . Und nun wollen sie uns gegenüber als Aristokraten erscheinen. Ja, das fällt ihnen nicht schwer. Den Christen gegenüber sind sie aber kleinliche, ängstliche Sklavenseelen."