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Neue Nationalzeitung · 1907-06-14 · Heft 27 (14.6.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 27 (14.6.1907)
Date
1907-06-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 »Neue National-Zeitung« Nr. 27 und dort förmlich auf jede Einflußnahme oder Kontrolle verzichtet, können wir unmöglich Vertrauen haben. Damit ist der Standpunkt de« Klubs zur Diskussion über die Wahlmißbräuche sowie zur Frage der Beobachtung der Staatsgrundgesetze, die so rasch als möglich auf die Tagesordnung des Parlaments gesetzt werden muß. gegeben. In positiver Richtung hat die jüdische Bevölkerung an das Parlament vielfache kodiiikatorische Forderungen zu stellen. Zuerst kommt die Frage der jüdischen Nationalität in Betracht. Sie ist die brennendste. Es muß unbedingt ein Ausweg gefunden werden, daß die jüdische Bevölkerung von den Staats- oder Universitätsbehörden nicht um das Recht der nationalen Selbstbestimmung gebracht werde. Die neue Volkszählung steht vor der Tür und die Sache ist eilig. Durch zähe Ausdauer und unerschrockenes, rücksichtloses Vorgehen ist ein österreichisches Ministerium selbst von kleinen Parteien zum Rücktritt gezwungen worden (sieben Slovenen gegen das Koalitions-Ministerium). Die Frage der jüdischen Nationalität muß eine Kraftprobe des Klubs werden. Eine besondere Aufmerksamkeit wird wohl der Klub auch der Reform der Sonntagsruhe zuwenden müssen. Er wird sich auch dafür einsetzen, daß veraltete Hofdekrete, die in ganz unbilliger Weise der Jargonsprache eine odiose Stellung zuerkennen, abgeschafft werden. Es kann nicht angehen, daß in Oesterreich ein chinesisches Testament giltig oder ein persisches Geschäftsbuch beweiskräftig, hingegen D o k u m e n t e oder Geschäftsbücher oder Wechsel im Jargon, dieser Sprache unserer Volksniasseu, g a n z u n g i 11 i g s e i e n. Der Klub wird seine eigenen Wege gehen und seine Ideen z \ verwirklichen suchen. Er wird auch die Karrikatur der Hausjuden in das richtige Licht stellen. Das ist er sich, das ist er dem Volke schuldig. Und auf seinem Wege wird er auch Freunde in anderen Lagen finden: alle jene, die nicht Personen- oder egoistische Parteipolitik, sondern wahre Volkspolitik treiben. L. APOLINABY HARTGLAS (Warschau): Der Kampf um das yiddilh.*) Die Demokratisierung des russischen Staatsorganismus muß mit einem Faktor rechnen, der zur Zeit des Ueberganges vom Absolutismus zur Konstitution in den Staaten Westeuropas nicht vorhanden war: mit dem erwachten nationalen Bewußtsein der Juden. Es war daher in Westeuropa der Radikalismus der fortschrittlichen Parteien im Verhältnis zu den Juden nicht so schweren Proben ausgesetzt. Denn in Westeuropa handelte es sich lediglich um eine negative Seite: um die Beseitigung der bisherigen Beschränkungen. Anders stehen aber die Dinge in Rußland. Hier drängt sich mehr die positive Seite in den Vordergrund, das Bestreben nach Anerkennung der nationalen Rechte des jüdischen Volkes. Allein, bevor noch der russische Konstitutionalismus so stark sein wird, daß in seinem Rahmen diese Seite der Judenfrage in den Vordergrund gestellt werden könnte, wird bereits innerhalb der Gesellschaft ein Kampf wegen der Anerkennung des Rechtes des jüdischen Volkes auf nationale Entwicklung geführt. Und in diesem Kampfe nimmt die Frage des jüdischen Jargons eine hervorragende Stellung ein. Diese Frage ist in Polen aktueller als in Rußland selbst. Denn hier ist das nationale Bewußtsein noch wenig verbreitet. Der geringe Kulturgrad der Massen (die russische Kultur, Kunst, Literatur usw. sind erst in letzter Zeit in die Volksmassen gedrungen, während sie bisher nur den privilegierten Klassen zugänglich waren), der Mangel eines nationalen Druckes, die Unterordnung der individuellen Interessen unter die Interessen der herrschenden Clique sowie der Kirche — all dies hat bewirkt, daß die nationalen Interessen nach der Auffassung des russischen Bauernstandes identisch waren mit den Interessen des Zars. Dieser kulturelle Daltonismus hatte diesen einen guten Erfolg, daß er in Rußland einen dem Westen ganz fremden nationalen Indifferentismus geschaffen hat. Dem Russen aus dem Volke ist jeder Chauvinismus, die Verachtung anderer nationaler Kulturen und jede Assimilierungstendenz fremd. Dank dieser Auflassung wurden seitens der Russen die Juden als eine solche Nation, wie die anderen, und die jüdische Sprache als eiue ebenso existenzberechtigte, wie die russische, angesehen. Daher gibt es auch in Rußland keine Jargonfrage. Erst seit neuester Zeit kommt ein gewisser nationaler Chauvinismus bei den Parteien der Rechten zum Ausdrucke und eine spezielle Assimilierungstendenz gegenüber den Juden zeigt sich bei den — „Kadetten''. Doch angesichts des nationalen Indifferentismus der Massen und der großen Verbreitung des Jargons unter der wenig assimilierten jüdisch-russischen Intelligenz darf angenommen werden, daß es in Rußland wegen des Jargons zu einem Kampfe nicht kommen wird. Einen Zankapfel kann in Rußland erst die politische Seite der Judenfrage, die Frage der nationalen Autonomie der Juden bilden. * * * Anders verhält es sich in Polen. Hier sind die Volksmassen von nationalem Gefühle tief durchdrungen. Der hundertjährige Druck hat das nationale Bewußtsein entflammt. Allein die spezifisch polnische Eigenart, alles was nicht Polnisch ist, über die Achsel anzusehen, hat an Stelle des nationalen Bewußtseins der Polen einen nationalen Chauvinismus und. eine Verachtung jeder anderen Kultur gezüchtet. Von diesem Chauvinismus sind weder die fortschrittlichen Elemente in der polnischen Gesellschaft, noch selbst die Sozialisten frei, mit Ausnahme der polnischen Sozialdemokraten (P. P. S.), die vor zwei Jahren das Recht der Juden auf eigene Kultur anerkannt haben. Andererseits aber ist die jüdische Intelligenz in Polen seit ungefähr 60 Jahren assimiliert. Sie schämt sich der Sprache der jüdischen Massen und ist bemüht, der polnischen Gesellschaft die Anschauung beizubringen, daß die Juden gar kein Volk sind und das „Yiddish1' keine Sprache, sondern lediglich eine Mundart sei. So ist die Frage der Sprache zum Mittelpunkt des nationalen Kampfes der Juden in Polen geworden. Abgesehen von den Sozialisten (S. D.), welche mehr assimilatorisch gesinnt sind, wahrscheinlich dank dem Umstand, daß in ihren Reihen viele Angehörige der jüdischen Intelligenz stehen, und abgesehen von den polnischen Sozialdemokraten (P. P. S.) *) gibt es in Polen noch zwei Parteien, mit denen gerechnet werden muß. Die eine, die reaktionäre und antisemitische nationaldemokratische Partei (Allpolen) umfaßt ungefähr 75°/0 der polnischen Gesellschaft. Diese Partei hat gegenüber den Juden eine feindliche Haltung eingenommen; sie fordert zum Kampfe gegen die Juden auf, droht mit Pogroms und erinnert in ihrem Leiborgan „Gazeta Polska" fortwährend, daß Rumänien „in der Nähe" liege. Ihr Programm (§ 12; fordert auf, „die soziale Rolle des jüdischen Elementes einzu- *) Die P. P. S. (Polska Partya Socyalisticzna) unterscheidet sich dadurch von der Ü. D. (Sozialdemokratie) in Polen, daß sie eine polnisch-patriotische Partei ist.. (Anm. d. Red.)

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