Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 27 (14.6.1907)
- Date
- 1907-06-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NGOS flQONftL-ZBGUNG JÜDLSCRPOUC1SCRB WOCRSNSCRR1FC rirrüsssbsr: Qrs.R.LäNö$u:: IX. JAHRGANG. WIEN, 14. JUNI 1907. No. 27. Der jüdifdinationale Reidisratsklub. Ein jüdischer Klub. Keine Polen, Deutsche, Czechen oder Italiener „mosaischer"' Konfession; keine geduldeten Mitglieder fremder Klubs. Nur Juden, ganze Juden; Vertreter des j üdisehen Volkes, Kämpfer für das jüdische Volk. So ziehen die vier Männer ins neue Volksparlament ein, die nach schweren Kämpfen, allen mächtigen Faktoren zum Trotz ihre Mandate erobert haben. Ein schöner Traum geht endlich in Erfüllung. Die Arbeit von Jahrzehnten wird durch Erfolg gekrönt. Das jüdische Volk wird vor der parlamentarischen Tribüne zum Worte gelangen; es wird gleichberechtigt in der österreichischen Völkerfaniilie. Und die Männer, denen es vergönnt ist, als Vertreter des jüdischen Volkes ins Parlament zu ziehen, haben in der jüdischen Geschichte ein Blatt gesichert. Mit ihrer Wahl hat in der Geschichte der österreichischen Judenschaft ein neues Kapitel begonnen; diese Wahl bedeutet einen Markstein in der politischen Entwicklung der Juden. Das jüdische Volk hat den Stab gebrochen über jene Heuchler und Streber, die sich das Mandat nur durch Volksverrat erschlichen haben; überall wo es frei wählen durfte, hat es sein Vertrauen auf Männer übertragen, die nur seinen Interessen ihr Leben weihen. Am 17. Juni werden selbst die kleinsten Hütten der jüdischen Proletarier sich im hellen Sonnenglanze baden. Die Eröffnung des Parlaments, die alle Völker Oesterreichs mit Freude und Zuversicht erwarten, wird auch für die Juden eine Quelle neuer Hoffnungen und mannigfacher Verheißungen sein. Je größer diese Hoffnungen, je sehnsuchtsvoller diese Erwartungen, umso schwerer und verantwortungsvoller die Aufgabe der jüdischnationalen Abgeordneten. Vierzig Jahre sind seit dem Begiun der Verfassung verstrichen, die den Juden die Gleichberechtigung auf dem Papier gegeben und in der Praxis genommen hat. Seitdem ist der Judenhaß in eine politische Formel gegossen und der Gedanke des Liberalismus durch seine starteten Söhne zu einem Zerrbild verunstaltet worden. Unsere Rechte als Staatsbürger wurden meuchlings gedrosselt; unsere Rechte als Volk wurden im Keime erstickt. Was in der Judenschaft mächtig und reich war, steuerte dorthin, wo Ruhm und Glanz zu vergeben waren. Dort wollte man aber vom Volke, von den armen Massen, nichts wissen. Die jüdischnationalen Abgeordneten wollen es anders macheu. Sie werden es auch. Durch die Anspannung aller ihrer Kräfte, durch Einigkeit und Festigkeit, durch Mut und Entschiedenheit. Der jüdischnationale Klub, oder wie es sonst heißen mag. wird das Vertrauen, das seine Wähler in ihn setzen, auch rechtfertigen, er wird sich das Vertrauen des gesamten jüdischen Volkes durch seine Taten zu erobern suchen. Sollen wir die jüdischnationalen Abgeordneten in Schutz nehmen, daß sie uiclit klerikal oder leaktionär sind? Das sind Schreckschüsse jüdischer Gegner, die plötzlich den Boden unter ihren Füßen verlieren. Sollen wir überhaupt die versteckten und offenen Angritfe jener „Judenfreundeu würdigen, die in ihrer Besorgnis um unser Wohl von „Separatismus" oder gar von einer „Schädigung des Judentums" mit Entsetzen sprechen? Diese Leute nennen Separatismus, was in Wirklichkeit Geschäftsstörung ist. Es war doch so bequem, von Juden Mandate anzunehmen, die man von Christen nicht erhalten konnte, und es ist uoch immer lohnend, neue „deutsche" Parteien aus jüdischen Mitgliedern zu begründen. Das könnten ja die Jüdischnationalen stören, wenn sie die Juden zum Selbstbewußtsein erwecken. Aber das wird wohl den Klub nicht hindern, an die Erfüllung seiner großen Aufgaben im Pariameute zu schreiten. Dieselben werden zweifacher Natur sein: Kritik der Staatsverwaltung und M i t arbeit.erschaff an der Gesetzgebung. Hier gilt es aber, grundsätzlich in der Opposition zu verharren und sich durch zuckersüße Worte und Händedrücke von der Ministerbank nicht erweichen zu lassen. Zu einer Regierung, die mit den Antisemiten paktiert, die in Galizien die bekannten Wahlgreuel duldet