Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 26 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 Neue National-Zeitung« Seite 11 ECUiLLSCON ISRAEL ZANGWILL: Die jüdische Dreieinigkeit. (4. Fortsetzung.) „Mehr, als du denkst. Papa bekommt endlose Briefe von dort mit gepreßten Blumen und Zitronen, und Olivenholzschachteln und Papiermesser — eine immerwährende Ausstellung. Diese Briefe sind gewöhnlich in dem entsetzlichsten Englisch geschrieben. Und er erlaubt nicht, daß ich darüber lache, weil er ein unbestimmtes Gefühl hat, daß sogar Palästinaer Orthographie und Grammatik heilig sind." Barstein lachte wieder. „Wir werden die Rabbiner alle nach Jericho schicken." Sie lächelte, entgegnete aber sofort: „Dich werden sie dorthin schicken, du Hersteller von Götzenbildern. Ist doch sogar dein Beruf verboten." „Ich werde sie mit eben diesem Bezalel in die Enge treiben. Das Steineschneiden ist just eine der Künste, von denen Gott sagt, er habe damit Bezalel inspiriert. Ueberdies vergißt du meine Statue am Basler Kongreß." „Basel ist nicht Palästina. Dort ist nichts als Aberglauben und Schmutz, und ich bedauere, sagen zu müssen, daß Papa fortwährend das Alles mit seinen Checks unterstützt." „Bravo, Sir Asher! Unbewußt unterstützt er die eventuelle Renaissance. Dein Vater und seinesgleichen haben die Saat lebend erhalten; wir werden sie zur Blüte bringen." " Seihe" prophetische Versicherung warf einen neuen Schatten der Besorgnis auf ihre marmorweiße Stirne. Aber ein plötzlicher Gedanke erhellte ihr Gesicht. „Nun, vielleicht werden wir nicht durchgehen müssen." „Ich habe nicht einen Augenblick daran geglaubt," antwortete er eben so heiter. „Trotzdem können wir aber unsere Honigmonat in Palästina verbringen." „0, daran läge mir nichts," sagte Mabel. „Das tun sehr viele Christen. Eine Cooks-Reisegesellschaft von Middleton ging zu den vorigen Osterfeiertagen hin." Den liebenden Barstein hat die Zustimmung zum Palästinaer Honigmonate zu sehr erfreut, als daß er die Worte, in denen sie gegeben war, analysiert hätte. Er sah ihr in die Augen und erblickte dort die Schechinah (den göttlichen Glorienschein), die einst auf Zion ruhte. V. In dieser glücklicheren Stimmung begab sich Barstein nach Middleton, um sein Anliegen persönlich bei Sir Asher vorzubringen. Mabel hatte Furcht gehabt, ihr gemeinsames Schicksal nur einem Schreiben von sich selbst oder von ihm anzuvertrauen. Ein plumpes Nein würde sich so schwer bekämpfen lassen. Eine persönliche Besprechung ermöglichte es, den Boden zu sondieren, die Sache zart vorzubringen, zu erörtern, zu erklären, Einwendungen erfolgreich zu bekämpfen. Es war die offenbare Pflicht des Mannes, der Gefahr zu trotzen. Damit soll nicht gesagt sein, daß Barstein irgend eine Gefahr voraussah. Er war froh, daß seine ursprüngliche Geringschätzung Sir Ashers sich in aufrichtige Achtung verwandelt hatte, und daß der „biedere Brite" nur Firniß war. Es sollte der Palästina-Patriarch sein, dem er seine Hofinungen und Träume anvertrauen wollte. Aber ach, er fand nur den biederen Briten, und zwar, einen nicht mehr jovial, sondern derb biedern. „Es ist völlig ausgeschlossen." Barstein war verblüfft. Er bat um Aufklärung. War er nicht fromm oder nicht reich genug, war er zu viel Künstler oder zu niedrig geboren? Hielt Sir Asher etwa seine Vergangenheit für unanständig oder sein künftiges Gebaren für zweifelhaft? Sir Asher möchte es offen sagen. Aber Sir Asher wollte es nicht sagen. „Ich bin nicht verpflichtet, meine Gründe anzugeben. Wir sind Alle stolz auf Ihre Arbeit, sie gereicht unserer Gemeinde zur Ehre. Der Bürgermeister erwähnte sie erst gestern." Er sprach in seiner besten Tribünenmanier. „Aber Sie in meine Familie aufnehmen, das ist eine andere Sache." Und alles Reden brachte die Sache um keinen Schritt vorwärts. „Es wäre eine durchaus unpassende Partie." Sir Asher strich seinen langen Bart. Für ihn war die Sache erledigt. Mit der Ungeduld des Liebenden hatte Barstein den Fehler begangen, Sir Asher in seinem Komptoir aufzusuchen, wo der Stadtmagnat in seiner Feste saß. Die Mahagonimöbel, die eisernen Kassen, die Hauptbücher, die schweigsamen, ehrerbietigen Kanzlisten und Diener, durch welche Barstein seinen Weg hatte nehmen müssen, die umher sich ausdehnenden Fabriksgebäude mit ihrer pulsierenden Maschinerie und dem Heer von geordneten Arbeitern, dies alles gab dem behäbigen Briten einen Hintergrund, auf welchem Visionen und Empfindungen so unreel erschienen wie Geisterspuk bei Gasbeleuchtung. Der Künstler fühlte, daß dieses massive Leben ihn wie die Wände einer Folterkammer immer enger umschloß, seine Zuversicht, seine Aspirationen, selbst sein Leben erdrückend. „Dann ziehen Sie es vor, das Herz ihrer Tochter zu brechen!" rief er verzweifelt aus. „Das Herz meiner Tochter brechen?" wiederholte erstaunt Sir Asher. Daranhatte er offenbar nicht gedacht. „Sie glauben doch nicht, daß sie nicht furchtbar leiden wird?"* fahr Barstein fort, seines Vorteils gewahr werdend. „Ihr Herz brechen!" sagte Sir Asher noch einmal, aus seiner diskreten Zurückhaltung aufgerüttelt. „Ich würde lieber ihr Herz brechen, als sie mit einem Zionisten verheiratet sehen!" Jetzt versagte dem Künstler der Atem. „Mit wem?" rief er. „Mit einem Zionisten. Sie wollen doch nicht leugnen, daß Sie Zionist sind?" sagte Sir Asher streng. Barstein starrte ihn schweigend an. „Ach was," sagte Sir Asher. „Sie glauben doch nicht, daß ich die jüdischen Zeitungen nicht lese. Ich weiß alles, was Sie treiben." Der Künstler fand seine Sprache wieder. „Aber — aber" — stammelte er, „Sie sehnen sich ja auch nach Zion." „Freilich. Aber ich maße mir nicht an, der Hand der Vorsehung Gewalt anzutun." „Wie kann irgend einer von uns die Vorsehung zwingen, etwas zu tun, was sie nicht will? Wirkt sie ja stets doch nur durch die Vermittlung der Menschen. Gott hilft jenen, die sich selbst helfen." „Ersparen Sie mir Ihre Blasphemien. Vielleicht glauben Sie gar, daß Sie der Messias sind?' „Ich kann ja ein Atom von ihm sein. Das ganze jüdische Volk ist sein eigener Messias, durch welches Gott wirkt," „Achtung, junger Mann; nächstens werden Sie noch die Dreieinigkeit predigen. Und mit diesen heidnischen