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Neue Nationalzeitung · 1907-06-07 · Heft 26 (7.6.1907) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 26 (7.6.1907)
Date
1907-06-07
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Neue Natlonal-Zelturi^ Nr. 26 wie unser Prediger, manche nennen ihn Rabbiner — der Herr erhalte ihn lange gesund bei vollem und schönen Organe — ebenso lieblich wie fein zu sagen pflegt, unsere Brüder im gemeinsamen Glauben, sind ganz vom Friedensgedanken erfüllt. Da gibt es nur eine Sorte von Friedensstörern, Sie kennen sie, sehr lieber Herr Redakteur, das sind die bösen Zionisten und Nationalen. Ihnen schließen sich die verruchten Sozialdemokraten an, diese Stänkerer. von Profession. Nun merken Sie schon, daß ich von der Politik in unserer sehr ehrenfesten Gemeinde sprechen will. Ich habe wohl nicht übel präludiert. Mein Freund Goethe sagt irgendwo (ich glaube im »Faust« I. oder 11. Teil: Anm. des Setzers) »Politisch Lied, ein garstig Lied«; und mit garstigen Liedern geben sich die braven Mitglieder unserer Gemeinde nicht gerne ab; sie wollen schön singen hören, in der Synagoge, im Theater, im Konzerte, im Variete. In das letztere gehen sie am allerliebsten, aber manchmal auch in die Synagoge, besonders an den sehr hohen Feiertagen. Da sollten Sie die glänzenden Zylinder der Männer sehen und die funkelnden Brillanten der Damen! Doch, was hat all dies mit der Politik zu tun? höre ich Sie schreien, Sie verzeihen das harte Wort. Also, ich rede schon von der Politik! Denken Sie nur, da meinte so ein Zionist, das allgemeine, direkte und geheime Wahlrecht könne irgend einen, verkappten Antisemiten in den Reichsrat bringen. Woran nicht diese Friedensfeinde denken! Der Mensch, in seiner Verruchtheit, will die Mitglieder unserer ruhigen Gemeinde in ihrem Frieden stören, sie in Aufregung bringen, sie, die wegen des schweren Geschäftsganges ohnehin etwas nervös sind. Dieser Wilde — er gehe nach Zion und werde dort Statthalter oder Minister — wollte eine Wählerversammlung einberufen. Er ist schön eingegangen, wie böhmische Leinwand. Unsere Juden haben helle, politische Köpfe. Sie tarockierten weiter, die Frauen lasen inzwischen im Kaffeehause unsere so reich illustrierten Witzblätter mit den moralischen Bildchen, und der Zionist kann aliein eine Wählerversammlung abhalten, Vorsitzender und Schriftführer in einer Person sein. Und in Kirjat-Salom herrscht der Friede wie ehedem. Friede im politischen Leben, Friede im Kultus, das ist und bleibt unsere Devise, diese Fahne halten wir sehr hoch. In unserem Kultus herrscht natürlich die Reform, ebenso wie in unserem Ritus. Will jemand koscheres Fleisch essen oder in orthodoxer Weise seinen Gott anrufen, er tue es. falls es ihm besonderes Vergnügen macht. Da ist ein Spötter in unserer Gemeinde, man kennt die Sorte sattsam — der meint: »Seh Ori Koroh, wa Adonaj schomea«, heißt es; dies überträgt der sonderbare Schwärmer folgendermaßen in mein, Ihr und sein geliebtes Deutsch: »Auch ohne Chor erhört der Herr«. Was sagen Sie dazu? Sie schmunzeln, geliebtester Herr Redakteur, ich auch. Der will also keinen Chor, keine Orgel im Tempel. Es ist dafür gesorgt in Kirjat-Salom, daß die Bäume der Reform nicht in den Himmel wachsen. Dafür können Sie aber auch bei uns reformiert den Gott Abrahams anrufen, in unserer Synagoge herrscht die Stille einer Kirche, und Sie können in ihr jedes Wort des Predigers — der Herr erhalte ihn — hören, Sie werden durch Debatten über den Stand von allerlei Aktien oder über die verschiedenartige Güte der Köchinnen keineswegs in Ihrer Andacht oder im Schläfchen gestört. An sehr gewöhnlichen Sabbathen herrscht allerdings in dieser Synagoge eine Leere, die selbst die weiseste (wer lacht da?) und süßeste Lehre unseres Herrn Predigers kaum zu füllen vermag. Doch was tut's? Desto mehr sind unsere Frauen und Jungfrauen für die Kunst begeistert, sie lieben die modernste Literatur, und ihre sezessionistischen Toiletten erglänzen nicht nur im Theater, sondern auch in den Konzertsälen. Besonders einen Tragöden — sollte er, wie böse Zungen behaupten, nicht am Ende auch unseres Stammes sein? — verehren unsere Mädchen und verrichten vor seinem Bilde ihre Andacht. Wir haben aber auch Mädchenschulen, in denen unsere weibliche Nachkommenschaft zu dieser hohen Verehrung der Kunst erzogen wird. Wie hoch steht also doch die Kultur in unserem Jung-Juda, besonders in dem weiblichen Geschlechtes! — Ich denke, Sie liebster Herr Redakteur, werden endlich den Gedanken aufgeben, wir seien politisch und geistig rückständig. Nein, noch immer marschieren wir an der Spitze der Zivilisation und, um Ihnen einen deutlichen Beweis dafür zu geben, daß wir wirklich reformiert seien, diene Ihnen die heiligste Versicherung, daß, wie im Theater, so in der Synagoge darauf gesehen wird, es möge die feierliche Stille nur durch den herrlichsten Gesang und die schönste Rede unterbrochen werden. — Denn wir sind ein Kulturvolk. Meine oben gegebene Disposition zwingt mich nun, Politik und Kultur zu verlassen und von unseren mustergiltigen sozialen Einrichtungen zu sprechen. Wo soll ich da anfangen, wo aufhören? Die Wohltätigkeit blüht bei uns. Bei uns wimmelt's von Präsidentinnen und Präsidenten, von Schriftführerinnen und Schriftführern. Immer die Frauen voraus, wie es die Galanterie gebietet. Sie erfreuen sich der besonderen Beliebtheit in unserer ehrenfesten Gemeinde. Auch in unserem religiösen Leben und bei seinen Vertretern gilt — wenigstens hier — nicht mehr das » Wort: »Gepriesen sei der Herr, der mich nicht als Weib erschaffen hat.« Das ist der Fortschritt in unserem Judentum. Wir haben hier aber auch Männer, die den verschiedensten politischen und sozialen Richtungen Rechnung tragen. Das ist Klugheit. Sie, lieber Herr Redakteur, sagen: das ist Geschäft. Gestatten Sie, daß ich nicht ganz Ihrer Meinung bin. Heutigen Tages muß man Kork sein und immer obenauf schwimmen. Wenn Sie nur die »Uebermenschen« unserer Gemeinde kennen möchten, Sie würden anders urteilen. Die gehen mit allen, besonders aber mit den Frauen. Sie schwärmen für erweiterte Frauenbildung und eine gute Grieskugel, für moderne Kunst und Jungschweinernes (verzeihen Sie dieses so frevlerische Wort), sie halten Vorträge über — nun über alles, Ethisches, Politisches, Soziales und leider auch Theologisches. Was den Antisemitismus betrifft, der doch auch zu den Kulturslrömungen unseres Jahrhunderts gehört, so sind wir hier von diesem modernsten Kulturerfordernis vollständig erlöst. Sie lachen, verehrtester Herr Schriftleiter? Man sieht, Sie kennen unsere sozialen Verhältnisse sehr wenig. Hier herrscht, konfessioneile Verbrüderung und Verschwesterung. Manche unserer liebwerten Glaubensgenossen, besonders weiblichen Geschlechtes, gehen sogar für nichtjüdische Wohltätigkeitsvereine schnorren .. Das ist doch der. Gipfelpunkt der Kultur. Dr. A. Ch. Samuel u. Horowitz —im Herrenhaus! Lemberg, Ende Mai. Wie hier verlautet soll Horowitz nach der furchtbaren Niederlage, die er erlitten hat, und die ihn politisch zu den Toten geworfen hat, doch wieder zum politischen Leben erweckt werden. Das schwere Geld (man spricht von 300.000 Kronen), welches er für seine verunglückte Kandidatur im Judenviertel verausgabt hat, soll dennoch Früchte tragen. Herr Samuel von Horowitz soll mit Unterstützung des Statthalters Potocki beim nächsten Pairschub ins Herrenhaus berufen werden. Man wird zwar vergeblich fragen, welche Verdienste sich Herr von Horowitz um das Land, um das öffentliche Wohl, oder gar um das polnische oder jüdische Volk erworben hat, daß er es verdient hätte, in das österreichische Oberhaus berufen zu werden. Aber Herr Samuel von Horowitz hat es eben in seiner Karriere vom gewöhnlichen Wucherer*) bis zum Kahalpräsidenten und dann bis zum Handelskammerpräsidenten gebracht. Er hat jüngst die Aktien einer Spiritusraffinerie und einer Brauerei erworben und ist dadurch — Großindustrieller geworden. Er hat schließlich in einem jüdischen Wahlbezirke kandidiert, wo er, der reiche Jude, trotz ärgster Wahlkorruption erlegen ist. *) Wir empfehlen es dem Herrn Minister-Präsidenten, sich zur Ergänzung der Biographie dieses Bewerbers von der k. k. Universitäts- Bibliothek in Czernowitz die Broschüre des dortigen Advokaten Dr. Klimkiewicz „Der intabulierte 24%ige Wucherer8 kommen za. lassen.

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