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Neue Nationalzeitung · 1907-06-07 · Heft 26 (7.6.1907) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 26 (7.6.1907)
Date
1907-06-07
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 26 »Neue National-Zeitung« Seite 5 Jn den Jahren 1899 bis 1905 sind allein nach den Vereinigten Staaten zirka 40.000 rumänische Juden ausgewandert. Wenn die Signatarmächte des Berliner Vertrages sich auch nicht für die Erfüllung der von Rumänien übernommenen Verpflichtung, den Juden Gleichberechtigung zu gewähren, aus Gründen egoistischer Staatsraison einsetzen, so sei doch die Annahme begründet, daß sie und insbesondere die zunächst betroffene österreichisch-ungarische Regierung, um eine Ueberflutung ihrer Gebiete mit den mittellosen rumänischen Juden zu verhindern, der rumänischen Regierung Vorstellungen machen werden, damit diese Maßnahmen trifft, um einer Massenauswanderung von Juden vorzubeugen. Eine solche Massenauswanderung könne aber nur verhindert werden, wenn die rumänische Regierung im LandeZustände schafft,die es auch den Juden ermöglichen, in Frieden zu leben und ihrem Erwerb nachzugehen. Um solche Umstände herbeizuführen, dazu könne auch die öffentliche Meinung der zivilisierten Welt außerordentlich viel beitragen. Die Presse aller Länder müsse immer erneut auf die Zustände in Rumänien hinweisen, sie kritisieren und zwar mit größter Schärfe, bis eine Besserung eintritt und bis erträgliche Zustände geschaffen seien. Lebhaftester Beifall folgte der Rede des Herrn Dr. Nathan. Herr Landtagsabgeordneter Justizrat Cassel wies in einer höchst eindrucksvollen Ansprache darauf hin, daß mitzuhelfen an der Abwehr des tausendfachen Unrechts, das die unglücklichen, gehetzten und verfolgten Juden des Ostens zu ertragen hätten, eine Pflicht der Humanität sei. Die Unterstützung, die die zivilisierte Welt den Juden in ihrem Kampf um Menschenrechte und staatsbürgerliche Rechte angedeihen läßt, sei zugleich von hoher idealer Bedeutung, um die Juden des Ostens vor Trostlosigkeit und Verzweiflung zu bewahren, indem ihnen dadurch das Bewußtsein gegeben würde, einen festen Rückhalt an ihren Brüdern in der gesamten Kulturwelt zu finden. Redner führt darauf des weiteren aus, daß der Hilfsverein sich nicht auf die Abwehr der traurigen Folgeerscheinungen von Katastrophen beschränke, sondern durch Gründimg und Unterstützung von Bildungsinstituten aller Art und Schaffung von Erwerbsgelegenheiten, Einführung von Industrien etc. das Bildungsniveau und damit die Erwerbsfälligkeit der Juden in den Landein des Ostens, in dem europäischen wie asiatischen Orient nach Maßgabe seiner Mittel zu heben suche. Er appellierte an die Anwesenden, auch in weiteren Kreisen für die humanitären Zwecke des Hilfsvereins der deutschen Juden zu wirken. Die Ausführungen des Herrn Justizrat Cassel fanden lebhaftesten Beifall. Eine große Reihe von Anwesenden trat dem Hilfsverein als Mitglieder bei. Auf eine Anregung aus der Versammlung wurde überdies sogleich ein besonderes Damenkomitee für den Hilfsverein der deutschen Juden gebildet. S. VEIT. Zur II. Jaliresfcoiiferenz der Schweizer Territorialisten. Basel, Ende Mai. Die Nummer 21 Ihres geschätzten Blattes enthält einen Bericht des Herrn Ingenieurs Ginsburg über die II. Jahreskonferenz der Schweizer Territorialisten. Gestatten Sie mir dazu einige Bemerkungen: Die nach London übermittelte Resolution enthält die Bitte um Veranstaltung eines ..Ito;'-Kongresses. Herr Ginsburg sieht in letzterem das Mittel, den Einfluß des Volkes auf das Unternehmen zu gewährleisten und den Führern der „Ito"-Bewegung ihre schwere Aufgabe zu erleichtern. Herr Ginsburg befindet sich im Irrtum. Die „Ito" besitzt jetzt schon im internationalen Rat — dessen Glieder die gewählten Vertrauensmänner der einzelnen Landesorganisationen sind — ein Organ, das den Einfloß des jüdischen Volkes auf das „Ito;'-Unternehmen gewährleistet. Das „Ito^-Direktorium macht seine wichtigeren Entschlüsse stets von der Zustimmung der Mehrzahl der Mitglieder des internationalen Rates abhängig. Sind einzelne Mitglieder des internationalen Rates nicht mehr die richtigen Interpreten der Gesinnung ihrer Landesorganisation oder zeigen sie sich ihrer Aufgabe sonst nicht gewachsen, so haben die Landesorganisationen das Recht, ihnen das Mandat zu entziehen und es anderen Männern anzuvertrauen. Niemand wird es den Landesorganisationen verargen, wenn sie von diesem Recht ausgiebigen Gebrauch machen. Wozu braucht die „fto" also im jetzigen Zeitpunkt einen Kongreß? Ein Kongreß würde die „Ito" noch volkstümlicher macheu, er würde sie demokratisieren. Wäre unserer Bewegung damit gedient? Keineswegs. Demokratie ist keine Vorbedingung zur Erlangung von „Ito*'-Land. Ein Kongreß bedeutet einen gewaltigen, an talscher Stelle einsetzenden, unnützen Kraftaufwand, eine Erschwerung der unseren Führern notwendigen Bewegungsfreiheit, ja sogar eine Gefährdung der eigenen Chancen unserer Diplomatie. Solange „Itoa Land noch nicht im Besitz des jüdischen Volkes ist, ist ein Kongreß verfrüht. Die Möglichkeit, daß nach Erwerbung von „Ito"'- Land dem jüdischen Volk das Recht, sich selber um seine Interessen zu bekümmern — das Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung von Zangwill. einem seiner treuesten Söhne, beeinträchtigt werden könnte, ist ganz und gar ausgeschlossen. Die Freunde der jüdischen Volksfreiheit dürfen darüber beruhigt sein! Die „Ito;t- Anhänger aber, welche gleich Herrn Ginsburg voll heiligen Eifers für das Glück und die Zukunft des jüdischen Volkes nach Gegenwartsarbeit dürsten, finden dazu reichlich Gelegenheit, indem sie sich anstrengen, das jüdische Volk für seine künftigen Aufgaben vorzubereiten und indem sie diejenigen Juden, die in den Ländern, in welchen sie sich jetzt befinden, nicht bleiben können oder wollen, für die Besiedelung eines jüdischen Landes tüchtig machen. Brief aus Kirjat-Salom. Kirjat-Salom im Siwan 5667, Hochgeschätzter und lieber Herr Redakteur! Sie verlangen von mir einen wahrheitsgetreuen Bericht über die politischen, kulturellen und sozialen Verhältnisse unserer lieben Gemeinde. Ich möchte mit »Tannhäuser« 1. Akt, 1. Szene ausrufen: »Zu viel, zu viel«. Sie aber meinen, ein jüdischer Korrespondent solle weniger Richard Wagner zitieren und mehr berichten. Und Sie haben Recht, wie immer. Ich bilde nun meine Disposition. Ich teile diesen Brief in drei Abschnitte; sie führen die Titel: 1. Politisches, 2. Kulturelles, 3. Soziales aus der teueren Gemeinde Kirjat-Salom, gelegen an irgend einem kleinen Flusse im Nordwesten unserer Monarchie. Kann übrigens auch anderswo auf der Karte Oesterreichs gefunden werden. »Beginne«, schon wieder schwirrt mir ein Zitat aus dem »Tannhäuser« durch die Ohren. Ich beginne demnach. - »Frieden, Frieden«, das ist die Signatur von Kirjat-Salom, ein Name, der wie weniger Gebildete nicht zu wissen brauchen, Friedensstadt bedeutet. Hier raucht alles die Friedenszigarre. Also auch unsere Volksgenossen, oder,

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