Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 26 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 »Neue National-Zeitung« Nr. 26 Blatt lesen, Harmonielehre, Kenntnis der hebräischen Sprache (Perausch hamilaus), Kenntnis der jüdischen „Steiger"geschichte und „Pijtim". Entsprechen aber die Kantoren der Wiener Tempel diesen minimalen Anforderungen? Ich halte es für zweifelhaft. Ich erlaube mir den Präsidenten der österreichischen Kantoren, Herrn .Oberkantor Singer, der sich doch bekanntlich mit jüdischmusikalischen Schöpfungen auch wissenschaftlich beschäftigt, zu fragen: Herr Singer! Bitte — Hand aufs Herz — besitzen die Wiener Kantoren jene Eigenschaften und Fähigkeiten, die ein jüdischer Kantor sein eigen nennen muß! Die Wiener Kantoren betrachten sich als — „Künstler", und daher ihr fortwährender Kampf wider den Tempelvorstand. Der Vorstand geht von der richtigen Anschauung aus, daß der Kantor ein Tempelfunktionär ist und stellt daher an ihn die berechtigte Forderung auf täglichen Besuch des Gottesdienstes! Der Kantor hingegen umgibt sich mit dem Nimbus eines Künstlers, dem bloß die Gesangsfunktioneu obliegen, weshalb er — seiner Meinung nach — nur dann verpflichtet ist, dem Gottesdienste beizuwohnen, wann er „singen" muß, also nur Samstag oder Feiertag, und dies auch nur zur festgesetzten Stunde, entweder zu „Schachris" oder zu „Musif". Daß aber die Wiener Kantoren alles andere, nur keine Künstler sind, das behauptet einer vom andern, und die werden doch das „besser" wissen! Nicht besser steht es auch mit den Chören. Außer der Protektionswirtschaft, welche die Wiener Tempelchöre zu Invaliden- und Versorgunganstalten herabgedrückt hat, herrscht hier eine beispiellose Verwahrlosung, so daß sich niemand mehr wundert, daß der Wiener Tempelgesang in aller Welt geradezu verrufen ist. Um in der Musik etwas zu leisten, muß man eben arbeiten, studieren und unzählige Proben machen! Und das Verständnis hiefür geht den Wiener Kantoren samt ihren Chören völlig ab. Das Sprichwort: „Uebung macht den Meister" scheinen die Herren nie gehört zu haben! Die einmal — vor undenklich vielen Zeiten — eingedrillte F-dur: LTchu daudi, G-dur: tauw l'haudaus, wird — ohne weitere Proben — jahraus jahrein bis zum Widerwillen heruntergeleiert, und das wollen „Künstler" mit „gut geschulten Chören" heißen! 0 sancta simplicitas! Aber noch ist alles nicht verloren, noch ist es Zeit, diesen Chorübein abzuhelfen. Der beste Weg wäre wohl der, daß man alle fünf Chöre zu einem einzigen Kultusgemeindechor vereinige, von dem je ein Bruchteil den Gottesdienst in den einzelnen Tempeln übernehmen müßte! Nur das ist die einzig mögliche Lösung, die dann auch zur Folge hätte, daß unter Aufsicht der größten jüdischen Kultusgemeinde der Monarchie ein musikalisches Institut entstehen würde, welches — kraft der auf dasselbe entfallenden Dotation —auf dem Gebiete „Jüdischer Tempelgesang" zweifellos hervorragend wirken könnte! Dr. Paul flathan über die Judenuerfolgungen in Rumänien. Berlin, Ende Mai. Die Herren Landtagsabgeordneten Justizrat Cassel und Dr. Paul Nathan sprachen in einer sehr gut von Frauen und Männern besuchten Versammlung der Bezirkskomitees SW., S., SO. des Hilfsvereins der deutschen Juden, die am 27. Mai unter Vorsitz des Herrn Stadtverordneten Imberg in Berlin stattfand. Herr Dr. Nathan, der während der Unruhen nach Rumänien gereist war, um mit den dortigen Ministern und führenden politischen Persönlichkeiten zu verhandeln, und ferner um die notwendigen Schritte zur Organisation des Hilfswerks für die Opfer der rumänischen Exzesse einzuleiten, schilderte eingehend die Ursachen, die zu den Bauernunruhen geführt haben. Bumänien, das von chauvinistischen Rumänen das Belgien des Ostens genannt werde, sei in Wirklichkeit ein kleines Rußland unmittelbar an der russischen Grenze. Die Juden sind durchaus nicht die einzigen Opfer des Regierungssystems und der Parteiherrschaft in Rumänien. In gleichem Maße wie die Juden seien die Bauern die Leidtragenden, die von einer kleinen Anzahl Großgrundbesitzer schonungslos ausgebeutet werden und sich vielfach in einer geradezu entsetzlichen Lage befinden. Ganze Familien sterben z. B. an der elenden Ernährung mit Polenta. Die beiden herrschenden Parteien, die konservative und liberale, die sich in ihren Prinzipien wenig unterscheiden, repräsentieren kleine Koterien, die auf Kosten der Gesamtheit des Volkes rücksichtslos und selbstsüchtig ihre Interessen, die Interessen einer kleinen Kaste, vertreten. Sie wechseln in der Regierung ab, da sie zu zahlreich sind, um zu gleicher Zeit an der Staatskrippe zu sitzen, und sie bekämpfen sich auf das erbittertste, um die für die Parteigänger sehr realen Vorteile der Regierung zu genießen. Beide Parteien sind in gleichem Maße antisemitisch, mit dem Unterschiede, daß die jeweilige Opposition die Judenfrage mit Vorliebe als Mittel zum Zweck benutzt, der Gegenpartei, die am Staatsruder sitzt, und der daran gelegen ist, daß Ruhe im Lande herrscht, durch Erregung von Unruhen im Innern Schwierigkeiten zu bereiten und ihre Stellung dem Auslande gegenüber zu kompromittieren. Auch der Beginn der jüngsten Bauernunruhen ist auf parteitaktische Manöver zurückzuführen. Man inszenierte durch Aufreizung der Bauern Judenhetzen, aber die parteipolitischen agents provocateur behielten die Bauern diesmal nicht in der Hand. Die verelendeten, unterdrückten Bauern, die sich zuerst programmgemäß gegen die Juden in der Moldau gewandt haben, wandten sich, zum Bewnßtsein ihrer Lage und der Ursachen derselben gekommen, gegen die Großgrundbesitzer. Die Auf Standsbewegung griff in der gefährlichsten Weise nach der Walachei über, die Regierung sah sich unvermutet vor einer Agrarrevolte ernstesten Charakters. In dem Augenblick, wo die Bewegung aus einer Erneute gegen die Juden zu einer Erneute gegen die Großgrundbesitzer wurde, schritt die Regierung, die sich bisher passiv verhalten hatte, auf das schärfste unter Entfaltung von Militärgewalt ein. Hunderte, vielleicht Tausende von Bauern wurden niedergeschossen, ganze Dörfer wurden niederkartätscht. Die konservative Regierung war klugerweise rechtzeitig abgetreten und überließ den liberalen Nachfolgern das Odium der barbarischen Repressionspolitik. Redner ging darauf des näheren auf das Hilfswerk für die Opfer der rumänischen Exzesse ein. Auf Veranlassung des HilfsVereins fand in Wien eine Zusamenkunft aller großen jüdischen Organisationen statt, in der der Plan für die Hilfeleistung beraten und genehmigt wurde. Die Zentralinstanz für die Ausführung der Beschlüsse ist Wien, das den rumänischen Verhältnissen am nächsten steht, und in Rumänien selbst wurde ein Zentralkomitee eingesetzt, das seine Vorschläge an das Wiener Komitee zu übermitteln hat. Als Vorbild für diesen Modus diente die Organisation, die seinerzeit zur Hilfeleistung für Rußland geschaffen wurde und die sich in jenen Unglückstagen so außerordentlich bewährt hatte. Redner gibt alsdann nähere Daten über die Emigrationsbewegung der rumänischen Juden, die ihre Heimat wegen der Verfolgungen verlassen mußten-