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Neue Nationalzeitung · 1907-06-07 · Heft 26 (7.6.1907) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 26 (7.6.1907)
Date
1907-06-07
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 26 »Neue National-Zeltung« Seite 3 dankens vor den Chauvinisten und Antisemiten kapituliert haben und daß die Abgeordneten der deutschen Bourgeoisie unter der Diktatur L u e g e r s und K. H. Wo l f s stehen. Daran ändern die Jeremiaden des Präsidenten- Stellvertreters der Wiener Kultusgemeinde, Dr. Gustav Kohn, ebensowenig,als die Aufforderungen der Vertreter der jüdischen Kultusgemeinden Mährens an die freisinnigen Abgeordneten, keinerlei Gemeinschaft mit den Freialldeutschen einzugehen. Die Kultusgemeinden und ihre Spitzen haben Jahrzehnte hindurch, auch noch bei den jetzigen Reichsratswahlen, das jüdische Interesse mit dem Scheinliberalisraus identifiziert, sie haben all die Mahnungen und Warnungen aus dem nationaljüdischen Lager nicht berücksichtigt und selbst jetzt, wo den von ihnen gewählten Abgeordneten einesteils der Eintritt in die sogenannte freisinnige Organisation verwehrt wird, während der andere Teil ihrer Vertreter mit den Reaktionären fraternisiert, selbst in diesem Momente begnügt man sich mit Protesten gegen die antisemitisch gewordenen „Freisinnigen". Die einzig richtige Politik aber, an die Organisation der Juden zu schreiten und als volkstreue, moderne Juden Hand in Hand mit solchen Fraktionen zu gehen, welche die Juden als gleichberechtigte Nation anerkennen und die Gleichberechtigung aller Bewohner des Reiches erstreben, das nennen die Assimilanten eine „Ghettopolitik", eine „Isolierung der Juden"! Und doch zeigt gerade die Ignorierung der Wiener freisinnigen und speziell der jüdischen Abgeordneten von Seite der deutschfreiheitlichen" Fraktionen, daß die assimilatorischen Juden, respektive ihre bürgerlichen Vertreter jetzt schon — isoliert sind. Im deutschen wie im tschechischen Lager vollzieht sich langsam, aber sicher eine nationale Blockbildung mit kl.e r i k a 1 -. a n t i s e m i t i s c h e r Färbung. In Mähren, wo die Juden am längsten und ausdauerndsten den freisinnigen Deutschen Heeresfolge geleistet haben, haben diese mit den Christlichsozialen und Alldeutschen anläßlich der Stichwahlen Kompromisse geschlossen, und den Aufforderungen des Baron D'Elv'ert entsprechend, haben die „liberalen" Christen in Neutitschein für die Alldeutschen und in Mährisch-Trübau für die Christlichsozialen gestimmt. Diese Tatsachen, sowie die Mitteilung des Abgeordneten Dr. G r o ßj daß die Abgeordneten Dr. Ofner und Kuranda ihres Judentums wegen nicht in die geplante deutschfreiheitliche Partei aufgenommen werden, haben ernüchternd auf einen großen Teil der mährischen Juden gewirkt. Es zeigte sich dies in der am 31. Mai stattgefundenen Vertrauensmännerversammlung der israelitischen Kultusgemeinden Mährens. In dieser Sitzung führte Dr. Fiala aus, daß die Juden den Deutsch-Fortschrittlichen bisher treue Gefolgschalt geleistet und die größten Opfer gebracht haben; der Dank werde damit quittiert, daß die Fortschrittspartei den Fortschritt an den Nagel hänge und genau so wie alle anderen Parteien die Juden als minderwertiges, nicht gleichberechtigtes Element ansehen. Ein Zusammengehen mit dieser Partei sei daher nach den letzten Vorkommnissen ausgeschlossen. Spät kommt diese Einsicht unseren Volksgenossen in Mähren, aber noch nicht zu spät. Gibt es doch im jetzigen Momente leider anderswo noch Juden genug, welche die Zeichen der Zeit nicht verstehen. Wir meinen darunter in erster Linie einen Teil der Prag er Juden. Ihrer Saumseligkeit und der Unverläßlichkeit ihrer deutschfortschrittlichen Verbündeten ist es hauptsächlich zu verdanken, daß Dr. B a x a bei der Stichwahl zum Abgeordneten der Prager Altstadt gewählt wurde. Während die jüdische Wählerschaft bei der Hauptwahl größtenteils für den deutschfortschrittlichen Kandidaten Richter stimmte, blieben bei der Stichwahl zwischen dem Sozialdemokraten und dem tschechisch - chauvinistischen Antisemiten Dr. Baxa die 800 Deutschfortschrittler zu Hause und ermöglichten so den Sieg B a x a s. Alle diese angeführten Tatsachen sprechen doch eine beredte Sprache und zeigen, daß die Juden Oesterreichs im neuen Parlamente auf sehr viele Gegner, aber auf sehr wenig verläßliche Freunde zu rechnen haben. Sie zeigen besonders deutlich, daß es im deutschen wie im tschechischen Lager wohl verschiedene Richtungen des Nationalismus, Antisemitismus und Klerikalismus, aber nirgends mehr wahre Freisinnige gibt. K. V. LOUBETZKY : Zur Kritik des IDiener KantoreniDesens. Die Wiener Kultusgemeinde verfügt bekanntlich über ein Jahresbudget von zweieinhalb Millionen Kronen. Diese Summe würde gewiß genügen, um die Wiener Kultusgemeinde an die Spitze sämtlicher jüdischen Gemeinden des ganzen Reiches zu stellen: wenn nur die maßgebenden Faktoren in der Seitenstettengasse genügendes Verständnis hätten, um rechtzeitig einzusehen, wo es happert, wenn die Herren in der Kultusstube besser orientiert sein möchten, um zu wissen, daß man Geld nicht bloß auszugeben, sondern auch vernünftig auszugeben hat____ Das geschieht leider nicht immer. Aber Ehre, dem Ehre gebührt. Was die Ausgaben für humane Zwecke betrifit, so leistet die Wiener Kultusgemeinde sehr viel. Beredter als jede Schilderung ist die Sprache der Ziffern. Die Wiener Kultusgemeinde gibt jährlich aus: für das Spital, Altersversorgungshaus und diverse andere humane Zwecke 700.000 Kronen. Sie gibt weiters aus: für religiöse Erziehung 300.000 Kronen und für Tempel erhaltung 400.000 Kronen. Zusammen 1,400.000 Kronen. Ich möchte mich hier eingehend mit der Frage der Tempelmusik beschäftigen. Wie steht's denn damit? Die Frage sei kurz beantwortet: Schlecht! Der jüdische Tempelgesang wird gänzlich vernachlässigt und nur noch von Dilettanten und Stümpern gepflegt. Ja noch sonderbarer, die jüdischen Kultusgemeinden decken ihren Bedarf bei christlichen Komponisten, deren Namen nicht einmal einen besonders guten Klang haben; große musikalische Talente jüdischer Konfession ä la Goldmark, deren Ruf und Ruhm den ganzen Erdenball erfüllen, bekommen keinen Auftrag, für den jüdischen Tempel etwas zu schaffen! Die Wiener Kultusgemeinde gibt für Kantoren und Chöre jährlich aus: Sage und schreibe 400.000 Kronen. Das ist eine horrende Summe, wie sie nicht einmal kaiserliche und königliche Hofopern für Gesangszwecke zur Verfügung hab^n! Und was leistet die jüdische Kultusgemeinde für dieses schöne Sümmchen? So gut, wie nichts. Fragen wir weiter. Welchen Grad von Bildung — jüdische und musikalische — fordert die Wiener Kultusgemeinde von ihren Kantoren in allen fünf Tempeln? Man kann ruhig sagen: gar keinen! Protektion entscheidet, alles andere ist völlig Nebensache! Was Wunder, wenn dieses Jahrzehnte lang geübte System einen Kantorenstand gezüchtet hat, wie ihn die Wiener Tempel jetzt haben: Geschäftsleute, die für ihren hohen Beruf weder Gefühl noch Verständnis zeigen! Meines Erachtens müßte doch die minimalste Bildungsnorm für jüdische Kantoren folgende sein: eine gut geschulte Stimme, gepaart mit gut geschultem jüdischmusikalischem Geschmack. Ferner „prima vista" vom

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