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Neue Nationalzeitung · 1907-06-07 · Heft 26 (7.6.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 26 (7.6.1907)
Date
1907-06-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 »Neue National-Zeitung« Nr. 26 hatte, wie viele den Juden weniger sympathische Kandidaten, daß ihm wieder ein Antisemit gegenüberstand. Und so hatten die Krakauer Juden keine andere Wahl. Seitdem sind wieder 6 Jahre verstrichen und Herr Daszynski hat seinen jüdischen Wählern von Krakau reichliche Gelegenheit gegeben, zu erkennen, wen sie nächstens — n i c h t zu wählen haben. Herr Daszynski hat es gerade darauf abgesehen, nach Analogie gewisser Wiener Sozialistenführer die Juden zu brüskieren, um nur nicht den Verdacht des Philosemitismus auf sich zu laden. Durch verschiedene Ausfälle und ganz läppische Witze suchte er die jüdischnationale Bewegung lächerlich zu machen, um dafür wahrscheinlich den Dank seiner „mosaischen" Gesinnungsgenossen einzuheimsen. Er arbeitete wie systematisch daran, seine eigene Popularität unter den jüdischen Volksmassen zu untergraben. Und das ist ihm gelungen. Während der unabhängige Lemberger Sozialist Breiter, gewiß ebenso ein Arier wie Herr Daszynski, wenn auch ohne schlachzizenhaften Eigendünkel, wegen seiner judenfreundlichen Gesinnung darauf rechnen durfte, überall, wo er nur kandidieren wollte, nicht nur die Stimmen, sondern auch die begeisterte Unterstützung der Juden* zu erhalten, stand es bezüglich des Herrn Daszynski fest, daß außer den organisierten Parteigenossen jüdische Stimmen für ihn nicht zu haben sein werden, höchstens wenn ihm wiederum ein Klerikaler oder Antisemit gegenüberstünde. Und da zeigten sich seine Gegner politisch klüger, als er selbst. Daszynski kandidierte im Bezirk Krakau- Wesola hauptsächlich deswegen, weil 30% der Wähler Juden waren. Das wußten die zu einem Kompromiß vereinigten Stanczyken und Demokraten genau. Und wiewohl in diesem Bezirk wegen der zahlreichen Beamten und Staatsdienerschaft die Chancen des konservativen Kandidaten sonst bessere gewesen wären, wurde dennoch als Kompromißkandidat ein Demokrat aufgestellt, um Daszynski die jüdischen Stimmen abzufangen. Die Begeisterung für Daszynski war unter den Juden ganz verschwunden. Wohl stimmte ein geringer Teil infolge der Agitation der „unabhängigen Juden" für ihn, aber auch ihnen fehlte der Elan. Daszynski konnte nur 1216 Stimmen aufbringen und mußte fallen. Daß es anders kommen konnte, beweist die Wahl des unabhängigen Sozialisten Breiter in Lemberg, für den die jüdischen Wähler, ebenfalls 30% des Wahlbezirkes, einstimmig und mit der größten Selbstaufopferung eingetreten sind. Geschah dies etwa wegen des Breiterschen Programmes? Oder hätte das Programm Daszynskis die jüdischen Wähler gehindert, das Gleiche zu thun? Nein! Die Lemberger Juden haben vielmehr, ohne Unterschied ihrer Parteischattierung, ob Assinriianten oder Nationaljuden, dem Abgeordneten Breiter beweisen wollten, und auch bewiesen, daß sie dankbar sein können; daß ein Ageordneter, der für sie mutig und offen in die Bresche tritt, auch auf ihre unbedingte Unterstützung rechnen kann. Herr Daszynski hat das erstere nicht getan; er durfte also auch letzteres nicht erwarten. Wir beabsichtigen nicht, dem Herrn Daszynski hier einen politischen Nekrolog zu schreiben. Der Mann gehört ins Parlament wie kein Zweiter und seine Abwesenheit bedeutet eine Lücke. Aber Herr Daszynski und seine Parteigenossen müssen ihre Auschauungen in der Judenfrage unbedingt revidieren und ihre Taktik gegenüber der jüdisch-nationalen Bewegung ändern. Trotz des Hohns in der sozialdemokratischen Presse ist die jüdisch-nationale Bewegung stark geworden und hat die breitesten Schichten der jüdischen Bevölkerung ergriffen. Sie wurde als klerikal hingestellt und doch gebührt ihr das Hauptverdienst au dem Siege Diamands über den Kahalführer Horowitz. Die sozialdemokratische Partei und Herr Daszynski müssen lernen, die nationalen Empfindungen der Juden zu achten; sie müssen den Mut haben, für die Staatsgrundgesetze offen und mit gewohnter Energie einzutreten, auch wenn es sich um Juden handelt. Dann können wir treue Waffenbrüder werden und eine Niederlage Daszynskis wäre nicht mehr möglich. Wir müssen es aber ablehnen, den Sozialdemokraten um jeden Preis blinde Gefolgschaft zu leisten. Wir haben den Liberalen genug Lehrgeld gezahlt. L. Aus dem „deutfdi-freifinnigen" IDurftkeffel. Als sich seinerzeit unter Führung Dr. Luegers eine Opposition von damals noch demokratischer Färbung gegen das herrschende liberale Eegime bildete, da spöttelte die liberale und deutschnationale Presse über die Wiener „Wurstkesselpartei". Heute steht Dr. Lueger an der Spitze einer geschlossenen, über fast 100 Reichsratsmandate verfügenden klerikal - christlichsozialen Partei, die aus dem slavischen und italienischen Lager noch Zuwachs erhalten dürfte. Dieser geschlossenen Einheit gegenüber bilden die in vier Fraktionen gespaltenen und nur im verhüllten und unverhüllten Antisemitismus einigen „Deutsch-freisinnigen" ein Bild der vollständigen Zerklüftung. Der Versuch, alle antiklerikalen deutschen Gruppen zu einer einheitlichen Organisation zusammenzufassen, war in dem Augenblicke schon gescheitert, als man die drei Wiener freisinnigen Abgeordneten boykotierte und sie zu der konstituierenden'Konferenz" des geplanten „deutsch-freisinnigen" Verbandes nicht einlud. Der Zweck, durch die Unterlassung der Einladung der Abgeordneten Ofner, Kuranda und Hock die Einigkeit unter den „deutsch-freisinnigen" Gruppen herbeizuführen, wurde aber trotzdem nicht erreicht. Die Alldeutschen der Richtung Schönerers lehnten überhaupt jedes Zusammenwirken mit den übrigen deutschbürgerlichen Gruppen ab. Die Freialldeutschen unter Führung K. H. Wolfs haben eine selbständige „deutsch-radikale" Fraktion mit einem antisemitischen alldeutschen Programm gebildet. Die Agrarier und Deutsch-Volklichen, von denen ein Teil ebenso wie die Freialldeutschen in verschiedenen Fragen mit den Christlichsozialen kooperieren will, haben sich hinter dem Rücken der „Deutschfortschrittlichen" zu einem „deutschnationalen Verband" zusammengefunden. Die Konferenz vom 4 Juni hat mit einem Fiasko geendet und die „Deutschfortschrittlichen" sind, um das Wort des Abgeordneten Demel zu gebrauchen, während sie in die Sterne schauten, in die — Mistgrube gefallen. Unter solchen Umständen ist es für die jüdische Wählerschaft, die sich zum Teile auch diesmal wieder verleiten ließ, ihre Interessenvertretung in die Hände solcher Scheinliberaler Abgeordneter zu legen, ganz gleichgiltig, ob diese ihre christlichen und jüdischen Abgeordneten in enteren oder loseren Beziehungen zu den anderen „freisinnigen" Deputierten stehen, und ob diese in einem gemeinsamen Klub sitzen oder ob sie in mehreren nur durch ein gemeinsames Exekutivkomitee verbundenen Fraktionen verteilt sind. Das alles sind schließlich Formalitäten. Unwesentlich vom allgemein freiheitlichen, unwesentlich auch vom jüdischen Standpunkte aus. Bedeutsam aber ist der Umstand, daß es nahezu gar keine wahrhaft freiheitlichen deutsch-bürgerlichen Abgeordneten gibt, daß die Vertreter des Freiheitsge-

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