Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 25 (31.5.1907)
- Date
- 1907-05-31
- Page
- Seite 11 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 :eue Nätionatf-Zeitung« Seite 11 ^^Sp^ ICUiLLECON ISRAEL ZANGWILLi Die jüdische Dreieinigkeit. (3. Fortsetzung.) Das Feuer auf seinem Gesichte erstarb plötzlich — es war, als ob sie das in ihrer Hand befindliche Messer durch sein Herz gestossen hätte. Ihre schweigsame Aufnahme seiner nationalistischen Rhapsodien hatte er stets als Zustimmung hingenommen. Und wahrscheinlich hätte ihm Mabel diesen Glauben nicht entrissen, wenn seine Ideen platonisch geblieben wären. Aber dieser Einbruch in die Welt praktischer Politik, in ihr eigenes Leben, war eine ganz andere Sache. Seitdem ihr Barstein den Zionismus zum Bewußtsein gebracht, hatte sie bemerkt, daß hervorragende Christen mit der Sache sympathisierten; dies war aber der einzige Fall, wo christliche Ansichten es nicht vermochten, auf Mabel Eindruck zu machen. „Der Zionismus ist ja für Christen ganz gut — die sind in keiner Gefahr," hatte sie schlau überlegt. „Die werden nicht nach Palästina gehen müssen.41 „Und warum könntest du nicht ganz unter Juden leben?" Barstein stellte langsam diese Frage. Mabel tat einen tiefen Atemzug, als ob sie ein beklemmendes Gewicht abwerfe. „Man könnte nicht atmen," erklärte sie. „Lebst du nicht jetzt unter Juden?" „Schau nicht so finster drein, Dummes. Du willst doch nicht Juden als Hintergrund, wie als Vordergrund. Ein großes Ghetto!*' Und wieder schüttelte sie sich instinktiv. „Jedes andere Volk ist Hintergrund sowohl als Vordergrund. Aber du nennst weder Frankreich ein Ghetto, noch Italien?" Er fühlte, daß Antisemitismus — unbewußter Antisemitismus — hinter Mabels instinktiver Abneigung gegen eine Anhäufung von Juden lag. Und er wußte, daß ihr Gefühl von jedem Juden in dieser testlichen Versammlung um ihn herum geteilt werden mochte. Sein Herz wurde schwer. Niemals sogar in jenen Hinterstübchen des East-End, wo ihm das klägliche Mißverhältniß seiner schwindsüchtig aussehenden Mitarbeiter zu ihrer Riesenaufgabe manchmal schwer auf die Seele fiel hatte er eine so dunkle Verzweiflung empfunden, als hier in diesem glänzenden Raum, von Allem umgeben, die in der Rasse stark und bedeutend waren, Advokaten und Soldaten und Geschäftsmänner, deren vereinigte Kräfte und Finanzen fast alles erreichen konnten, das sie anstrebten. „Juden können von einander nicht leben," erläuterte Mabel mit philosophischer Miene. Barstein antwortete nicht. Mit des Künstlers analytischer Neugierde fragte er sich selbst, woher denn dieser selbstmörderische Antisemitismus kam? War das die natürliche Selbstverachtung einer Rasse, die nicht die Kraft besaß, etwas zu schatten oder sich zu betätigen? Ach nein! Er hatte nicht einmal einen so verhältnismäßig edlen Ursprung Er war nur ein Teil der allgemeinen Nachahmung der Mitmenschen. Die Juden, alles widerspiegelnd, nahmen sogar die Abneigung gegen den Juden in sich auf, nur, da das Individuum sich selbst doch nicht verachten kann, übertrugen sie diese Abneigung auf die ganze Rasse. Und diese unbewußte Unterordnung unter die herrschende Ansicht wurde durch die Tatsache bestärkt, daß die ersten jüdischen Ankömmlinge ihren Fortbestand und ihre langsam errungenen Privilegien bedroht sahen durch den weiteren jüdischen Nachschub. Er ging mit seiner eigenen präzionistischen Psychologie zu Rate. „Ja", entschied er, „jeder Jude, der in unser Land, unsere Stadt, unseren Kurort, sogar in unsere Straße zieht, erscheint uns als ein Eindringling, als ein Unberechtigter. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf uns, er markiert unseren Unterschied gegenüber unserer Umgebung, er erhöht die Wahrscheinlichkeit eines erneuerten Rischus (Judenhass). Und so werden wir selbst zu Antisemiten. Aber durch welche drollige logische Verwirrung übertragen wir unsere Abneigung gegen eine Anhäufung von Juden sogar auf diese Anhäufung in Palästina, unserem Lande? Oder ist sie nur zu logisch und will sie verhüten, daß die Entstehung einer autonomen jüdischen*Macht unseren Mitbürgern nicht eine ständige Erinnerung daran sei, daß wir nicht so echte Engländer oder Deutsche oder Franzosen oder Amerikaner sind, als wir gelten möchten? Fürchten wir uns nach Palästina transportiert zu werden, und versetzt uns diese Verwirklichung eines achtzehn Jahrhunderte alten Traumes in die tötlichste Angst?" Bei diesem Gedanken mußte er lachen. „Und ich dachte schon, du seiest wie König Heinrich und würdest nie wieder lächeln." Mabel erwiderte erleichtert das Lächeln. „Wir sind ein solch lächerliches Volk," gab er zur Antwort und sein Lächeln wich der Schwermut. „Weder Fisch noch Fleisch, weder Vogel noch Häring." „Iß doch weiter!" lachte Mabel. Sie fühlte, wie er sich ihrem Einflüsse entzog; sie versuchte es nunmehr, seinen Trübsinn zu bannen. Allein, sie hatte ihn nur auf eine neue Fährte gebracht. „Was, dieses Huhn?" rief er ingrimmig. „Koscher, natürlich, mit Stückchen Wurst durchsetzt, um Speck nachzuahmen. Und dann wird Gefrornes kommen, um den Creme zu ersetzen. Wir können nicht einmal unsere Diätindividualität bewahren. Feuerbach hat währ gesagt, der Mensch ist, was er ißt. In Palästina werden wir wenigstens gegenüber unseren Magern aufrichtig sein." Er lachte bitter auf. „Du bist nicht sehr romantisch," schmollte Mabel. Wahrlich, dieser Barstein, der mit seinen Idealen so die Rhapsodien unterbrechen konnte, die sie auf das Geständnis ihrer Liebe erwartete, war ganz bestimmt nicht zufriedenstellend. Unter dem Tischtuche berührte sie verstohlen seine Hand. -Eigentlich ist sie noch sehr jung," dachte er, erglühend. Und die Jugend ist biegsamer, der Bildhauer könnte sie sicherlich anders formen. Und dann, war sie nicht Sir Ashers Tochter? Sie mußte doch gewiß etwas von seiner Liebe zu Palästina und seinem Volke geerbt haben. Diese Philistergesellschaft war es, die sie verdorben hatte. Auch Julius, dieser junge Oxforder Naseweis — dachte er etwas illogisch — hatte einen bösen Einfluß auf sie gehabt. „Soll ich dir etwas Mandeltorte geben?" erwiderte er zärtlich. Mabel lachte ein wenig geärgert. „Ich verlange Romantik und du bietest mir Mandeltorte an. Ach, ich möchte so gerne bei einer jüdischen Soiree sein, wo es keine Mandeltorte gibt!" ,.Das sollst du auch— in Palästina,"lachte er zurück. Sie schmollte wieder. „Alle Wege führen nach Palästina." „Ja," sagte er ernst. „Ohne Palästina ist unsere Vergangenheit ein Schiftbruch und unsere Zukunft ein Flugsand."