Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 25 (31.5.1907)
- Date
- 1907-05-31
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 -Neue National-Zeitung« Seite 3 promiß dürfte allerdings aber aller Wahrscheinlichkeit nach zur weiteren Zersetzung sowohl der Freialldeutschen als auch der Christlichsozialen führen. * * * Die Lorbeeren der deutschen Christlichsozialen ließen ihre tschechischen Gesinnungsgenossen nicht schlafen und tatsächlich haben auch sie sowohl in Böhmen wie in Mähren eine Reihe von Mandaten erlangt. Freilich der Busenfreund Schneiders, der Handschuhmacher Breznowrsky, ist unterlegen. Mit Rücksicht auf die Stimmen der Juden ließen ihn die Jungtschechen fallen, mittelst deren Hilfe allerdings Dr. B a x a bei der Stichwahl gewählt wurde. Bei den Wahlen wurden also eine ansehnliche Gruppe von antisemitischen Vertretern weggefegt, aber anderseits wurden eine Reihe neuer ins Abgeordnetenhaus entsendet. Außer den 96 vereinigten deutschen Christlichsozialen und Klerikalen ziehen als ihre Gesinnungsgenossen und Verbündete 19 tschechische, 22 slowenische und 10 italienische Abgeordnete christlichsozial-klerikaler Färbung ins Parlament — abgesehen von den Mandaten des gesinnungsverwandten „polnischen Zentrums" und — den antisemitischen Deutschvolklichen und Freialldeutschen, welche ja dem Verbände des neuen freisinnigen „Deutschen Klubs" angehören sollen. Die zehn italienischen Christlichsozialen unterhandeln bereits mit ihren deutschen Gesinnungsgenossen wegen eines Zusammenschlusses. * * * Noch ist das Parlament nicht beisammen und es hat schon das Rennen der Antisemiten um die Präsidentenstelle begonnen. Allen voran eilt der Landeshauptmann von Oberösterreich, der klerikale Dr. Ebenhoch. Dieser ewige Advokaturskandidat hat jedenfalls durch den Klerikalismus eine schöne Karriere gemacht, Nun sieht er aber ein, daß man heutzutage in Oesterreich mit dem Klerikalismus allein nicht weiter kommt. Es muß auch etwas Antisemitismus dabei sein. Herr Dr. Ebenhoch wird also auch Antisemit. Er erklärt sich bereit, mit seinem Fähnlein den Christlichsozialen beizutreten und durch Vermittlung der „Neuen Freien Presse" (Abendblatt vom 25. Mai) verkündet er urbi et orbi sein antisemitisches Glaubensbekenntnis. Dieser fromme Katholik, der voll Scheinheiligkeit stets sein „wahres Christentum" betont hat, so lange keine Präsidentenstelle zu vergeben war, meint jetzt: „Wir verlangen, daß das Judentum davon ablasse, die christlichen Grundlagen des Staates und die sittlichen Gebote des Wirtschaftslebens zu untergraben. In diesem Sinne sind wir Antisemiten." Es scheint aber, daß Herr Dr. Ebenhoch mit seinem neugebackenen antisemitischen Glaubensbekenntnisse bei den Antisemiten nicht viel Glück haben wird. Sie haben nicht deswegen solange die Bevölkerung aufgehetzt, damit ihnen andere die Früchte wegschnappen. Ihr Kandidat ist jener Mann, der in einer Wählerversammlung erklärt hat, sein Programm bestehe aus drei Worten: Dr. Karl Lueger. Er selbst heißt: Magistratsdirektor Weißkirchner. * * * So verdichtet sich immer mehr der schwarze Rahmen, der die Länder unserer Monarchie wie ein Ring umklammert. K. Wählbewegung. Die Stichwahlen in Wien. Die Stichwahlen vom 23. Mai haben nur eine, allerdings große Ueberraschung gebracht. Schneider, der beiüchtigte Mechanikus, der durch 15 Jahre im Parlamente den rohesten Antisemitismus betrieben hat und durch seine Skrupellosigkeit, mit der er an der Hand der verschiedensten Talmudfälschungen die Juden angegriffen hat, zu einem enfant terrible seiner eigenen Partei geworden ist, wurde von einem Sozialdemokraten gestürzt. Die Antisemiten haben erst in letzter Zeit bemerkt, daß ihr Freund und Hauptfaiseur etwas zu stark dem Alkohol zuspricht und während seiner parlamentarischen Betätigung auch das physische Gleichgewicht verliert. Anderen war das schon längst klar, denn die Parlamentsreden Schneiders, denen das Haus vom Standpunkte der „Hetz" seine Aufmerksamkeit nicht versagte, bewiesen alles, nur nicht — Nüchternheit, Und so haben sich in Fünfhaus alle Parteien, die Sozial demokraten, die Fortschrittlichen, die Deutschnationalen, selbst Tschechen geeinigt, um das Volksparlament von einer der widerlichsten Gestalten des öffentlichen Lebens zu befreien. Das ist ihnen auch gelungen. Schneider erhielt zwar 4090 (bei der Hauptwahl 4032), hingegen der Sozialdemokrat 4138 (bei der Hauptwahl 3602). Damit ist Schneider wohl endgiltig abgetan, denn Dr. Lueger pflegt nicht seine unangenehmen Parteigänger, wenn sie einmal untergehen, wieder an die Oberfläche zu ziehen. Keine Ueberraschung war die Wahl des „jüdischen" Sozialpolitikers Dr. Julius 0 f n e r in der Leopoldstadt, für den alle jüdischen und sozialistischen Wähler der Leopoldstadt eintraten. Er erhielt diesmal 5637 Stimmen (bei der Hauptwahl 2360). Doktor Ofner wurde zu diesem Erfolge von dem jüdischnationalen Kandidaten desselben Bezirkes persönlich beglückwünscht. Doktor Gustav Kohn hat sich dieses Vergnügen versagt. Er mochte sich gedacht haben, daß es schwerlich angeht, dem Kandidaten einer Partei, der man während des Wahlkampfes berechtigterweise Terrorismus vorgeworfen hat und deren Sieg für das Judentum einen schweren Schlag bedeutet, zu seiner Wahl zu gratulieren. Im IX. Bezirke, Aisergrund, wurde hauptsächlich mit jüdischer Unterstützung der freisinnige Baron Hock gewählt. Wir können dem neugewählten Abgeordneten nur raten, sich künftighin um allgemeine Fragen, wie von ihm erwartet wird, zu kümmern; den Kampf gegen die Nationaljuden, an dem er sich eine Zeit lang dem Doktor Ofner zuliebe in der Leopoldstadt beteiligt hat, möge er sich aus dem Kopfe schlagen. Es könnten ihm sonst die Nationaljuden noch sehr unangenehm werden. Es sollte Herr Baron Hock als kluger Politiker nicht vergessen, daß seine deutsch liberalen jüdischen Wähler, deren Gunst er sich durch den Kampf gegen die nationalen Juden erwerben wollte, auch einmal noch jüdischnational werden könnten. Dann säße Herr Baron Hock zwischen zwei Stühlen. Also mag er sich lieber um sein Steckenpferd, die „freie Schule" kümmern, und die Nationaljuden in Ruhe lassen. * * * Die Stichwahlen in der Bukowina. Czernowitz, den 25. Mai. (Orig.-Korr.) Unser Gesinnungsgenosse Dr. Neumann Wender ist bei der Stichwahl wider den sozialdemokratischen Gegenkandidaten Grigorovici leider durchgefallen. Diesen unerwarteten Mißerfolg haben wir der entfesselten antisemitischen Bewegung zuzuschreiben, welche die Wahlaktion unter dem Schlagworte „Christ gegen Jud" durchgeführt hat, indem