Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 25 (31.5.1907)
- Date
- 1907-05-31
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2425679-2425680-2425693--0166-2426431- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 »Neue National-Zeitung« Nr. 25 täuschungen gewöhnt, es wird auch diesen Schlag verschmerzen; doch ruhig gefallen lassen wird es sich ihn nicht. Die Entrüstung der vielen tausenden jüdischen Wähler ballt sich zu einem flammenden Protest zusammen gegen die Schmach, die an dem allgemeinen Wahlrecht begangen wurde. Die „Liberalen" haben das Fundamentalprinzip ihres Programmes durch eine Koalition mit politischen und nationalen Vernetzern preisgegeben, sie haben sich demaskiert. Und das wird gewiß auch eine praktische Konsequenz zeitigen: Die Juden werden diese „liberalen" Abgeordneten, die ihre jüdischen Kollegen abstoßen, einfach — boykottieren. Die Juden werden endlich die „liberalen" Krücken wegwerfen und sich auf eigene Füße stellen. Es ist die höchste Zeit! Den Jesuiten des Freisinns möge aber die jüdische Wählerschaft zurufen: „Gebt uns unsere Stimmen zurück, um die ihr uns durch falsche Vorspiegelungen betrogen habt!" Ein Interview mit dem Abgeordneten Ministerialrat Euranda. Der Abgeordnete des Kaiviertels ist bekanntlich vou einer jüdischen Majorität gewählt. Es ist ein jüdisches Mandat, das dem Ministerialrat Kur an da nach einer ehrenvollen Beamtenkarriere mühelos in den Schoß gefallen ist. Während des Wahlkampfes hat er sich als Jude wenig exponiert, wiewohl er sonst als Vertreter deutsch-politischer und österreichisch-wirtschaftlicher Interessen eine auffallende Schneidigkeit an den Tag legte. Wir glaubten daher eine publizistische Pflicht zu erfüllen, indem wir uns an den neuen Abgeordneten mit dem Ersuchen wandten, seine Stellungnahme zu den jüdischen Fragen zu präzisieren: Abgeordneter Kur an da ist in den Traditioneu des deutschen Liberalismus ergraut: er ist ein Assimilant vom Scheitel bis zur Sohle. Als Deutscher kennt er keine spezifisch jüdischen Postulate und kein jüdisches Volk, sondern nur Deutsche „israelitischerKonfession". Er blickt ziemlich optimistisch in die Zukunft. Ministerialrat Kuranda betrachtet übrigens mehr die Volkswirtschaft als sein eigentliches Ressort. Auf die Fragen unseres Redakteurs antwortete Abgeordneter Kuranda mit Thesen, die wir hier wiedergeben: „1. Ich glaube, daß die Bestrebungen nach energischer Durchführung der Gleichberechtigung im neuen Abgeordnetenhause wesentliche Förderung finden könnten, wenn nicht seitens der jüdischen Abgeordneten aus Galizien durch die Aufwerfung der Frage der Anerkennung der Juden als Nation ein neues verbitterndes Moment hinzutreten wird. 2. Ich werde mich jedenfalls jener deutschen bürgerlichen Partei anschließen, welche ihrem Programme nach als freisinnig sich erweisen wird. 3. Einem jüdischen Klub werde ich unter keinen Umständen beitreten. 4. Ich bin ein Anhänger der nationalen Autonomie in der ProvinzialVerwaltung, insoferne die betreffenden Nationen kulturell und ökonomisch derart fortgeschritten sind, daß sie die aus dieser Autonomie entspringenden Lasten und Verpflichtungen auf sich nehmen werden." Dieses Interview hat am 22. Mai stattgefunden; es konnte daher in demselben auf die Frage des Eintritts des Abgeordneten Kuranda in den „Deutschen Verband" der Herren Groß-Chiari-Wolf noch nicht eingegangen werden. Nach der jetzigen Sachlage müßte die deutsche freisinnige Partei, der Herr Kuranda beitreten will, erst — geschaffen werden. Allerlei von den Wahlen. Zahlreich sind die in den großen Wahlschlachten am 14. und 23. Mai gefallenen Opfer. Darunter figurieren . an erster Stelle mehrere in der Geschichte des Antisemitismus zu trauriger Berühmtheit gelangte Persönlichkeiten. Da ist vor allem der Durchfall des Mechanikers Schneider in Fünfhaus zu verzeichnen, bekannt durch seine Vorliebe für „Ritualmorde" und Talmudfälschungen. Vom Hause aus Demokrat, später Begründer der zünftlerisch - antisemitischen Gewerbebewegung, entwickelte er sich immer mehr zum fanatischen Rassenantisemiten im Dienste des Klerikalismus. Ueberall entdeckte er Juden und Judenknechte. Die Bischöfe, der Wiener Erzbischof, ja sogar der Papst und die katholische Kirche wurden bei seinen periodisch wiederkehrenden Wahnsinnsanfällen von ihm als verjudet hingestellt. Bekannt ist ja auch weiters die von ihm im niederösterreichischen Landtage erhobene Forderung nach — Schußgeld auf die Juden. Es ist daher nur begreiflich, daß gerade Schneider -in dem Momente den Christlichsozialen unbequem wurde, wo sie daran gingen, sich regierungsfähig zu machen. Man erzählt sich nun in eingeweihten Kreisen, daß die christlichsoziale Parteileitung bei den letzten Reichsratswahlen sich nicht übermäßig für S c ii n e i d e r einsetzte und ihm erst dann Unterstützung angedeihen ließ, als er mit Enthüllungen drohte. So mag denn auch der Durchfall Schneiders nicht so unangenehm den Allgewaltigen der christlichsozialen Partei gewesen sein, um so mehr, als damit eines der Haupthindernisse beseitigt war, das der Vereinigung der Altklerikalen mit den Christlichsozialen im Wege stand. * * * Nächst Schneiders Niederlage ist äußerst bedeutsam die vollständige Zerschmetterung der alldeutscher Fraktion unter Führung Georg Schö nerers. Weder Schönerer, noch Stein oder irgend ein anderer der Wortführer der alldeutschen Antisemiten ziehen in das neue österreichische Parlament ein. Bloß Iro wird im Abgeordnetenhaus das „unverfälschte Deutschtum" repräsentieren. In diesem Sinne ist Schönerers Programm von „Reinheit zur Einheit" durchgeführt. Auch Schönerer hat sich gehäutet. Ursprünglich Demokrat, kämpfte er zusammen mit Kronawetter für das allgemeine Wahlrecht, dessen erbittertster Gegner er nachher wurde. Erst infolge seinerspäter entstandenen Gegnerschaft zur liberalen „Vereinigten deutschen Linken" (in deren Namen der jüdische Abgeordnete Auspitz das Tischtuch zwischen den „Liberalen- und Schönerer für zerschnitten erklärte), bildete der Schloßherr von Rosenau eineeigene, rassenanti semitisch gefärbte Hohenzollernpartei. Er bekämpfte Slawen, Romanen und Juden gleichzeitig als „inferioreRassen* und gab die Losung aus: „Los von Galizien und Dalmatien, los von Ungarn, vor allem aber los von Rom und los von J u d a". Diese Losungsworte verdichteten sich in der letzten Wahlkampagne zur Parole: „Los von Oesterreich". Mit diesem Feldruf zogen die durch die Sezession der freialldeutschen W o 1 f g r u p.p e ohnedies geschwächten Alldeutschen in die Schlacht, wo sie vollständig aufgerieben wurden. Die Fraktion Wolf entging aber nur dadurch einem ähnlichen Schicksale, daß sie ein Kompromiß mit den Christlich sozialen einging und dadurch bei den Wahlen eine Reihe von Mandaten rettete. Dieses Korn-