Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 25 (31.5.1907)
- Date
- 1907-05-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nsue MiONAL-ZEiOJN »-«TÄE. -"~""--rv»5^S; JÜDläCRPOUCiSCRS W0CR5NSCRRIFC RSRRüSQgBß«: ürs.R.LNNO^u:: IX. JAHRGANG. WIEN, 31. MAI 1907. No. 25. Jesuiten des Freisinns*). Wohl niemand begrüßte die Schaffung des allgemeinen Wahlrechtes mit größerer Freude als das jüdische Volk. Wenn bevorzugte Klassen sich darüber in ängstlichen ZuckuDgen wanden, die Juden hatten nichts zu befürchten. Ihre Privilegien sind ja Entrechtung und Verachtung, Leiden und Entbehren. Es war aber nicht diese Hoffnung auf eine Besserung ihrer eigenen Lage allein, die die Juden an jene große Errungenschaft knüpften. Ihre Freude war der reine Ausdruck ihrer freiheitlichen Gesinnung. Wie sie sich selbst als ein treies Volk entwickeln wollen, so wünschen sie auch allen anderen Völkern Oesterreichs, daß sie sich nach ihren nationalen Eigentümlichkeiten in Freiheit entfalten mögen. Aber in den Kelch der Freude träufelt bitterer Wermut und die Früchte des allgemeinen Wahlrechtes werden von Männern vergiftet, denen sie ihr Vertrauen geschenkt hatten. Die Juden stehen vor der Tatsache, daß die Wiener freisinnigen Abgeordneten Hofrat Baron Hock, Hof rat Kuranda und Dr. Julius Ofner von den deutschliberalen Abgeordneten boykottiert wurden. Die Reklametrommel kündet [die bevorstehende Geburt eines „Deutschen Verbandes" an und Dr. Groß fühlt jetzt Vaterfreuden, während die berüchtigte Figur K. H. Wolfs Pathe steht. Herr Dr. Groß hat zum Feste Verganis zerschlissene Prinzipien angelegt — die vielbesungene „Deutsche Treue" aber verhüllt trauernd ihr Antlitz. Jüdische Wähler waren es, die in Mäh:en und Böhmen den „Deutschliberalen" zum Siege verholfen haben und zum Danke dafür stoßen diese die jüdischen Abgeordneten von sich. An die deutschfortschrittliche Partei haben die freiheitlichen Wähler geglaubt und ihr deshalb ihre Stimmen gegeben. Aber der freiheitliche Bau soll die Helfer begraben und ein antisemitisches Ghetto im bornierten Stile der Agrarier und Freialldeutschen soll die erkämpften Rechte verkrüppeln. In den Zeiten des allgemeinen Wahlrechtes werden jedoch nicht mehr Sentimentalitäten ins Feld geführt — das Volk pocht auf seine Macht. Die Juden haben jetzt auch ein Stückchen Macht bekommen, und als es sich um die Erlangung von Mandaten handelte, da waren es die „Deutschliberalen", die zu ihnen kamen. Aber Abgeordnete sind nur Besitzer der parlamentarischen Macht, die Eigentümer sind und bleiben die Wähler. Wenn die Juden in früheren Zeiten nur deshalb vielfach so viel gelitten haben, weil ihnen „ihre eigenen Tugenden fremd geblieben", der Macht, die ihnen das allgemeine Wahlrecht gleich den übrigen Völkern Oesterreichs gebracht, werden sie sich voll bewußt sein und zur Geltung bringen. Als ein tolerantes Volk haben die Juden für Abgeordnete gestimmt, ohne Rücksicht aut deren Konfession, mochten diese mosaisch oder christlich sein. Sie dachten aber, ihre Stimmen nur politisch ehrlichen Männern zu geben, nicht verkappten Heuchlern, die unter der Maske des Freisinns auf die Ergatterung von Mandaten ausgehen. Wenn Wähler bestraft werden, daß sie falsche Stimmzettel abgeben, was verdienen die Herren Dr. Groß, Dr. C h i a r i und Genossen, die durch ein erheucheltes Programm die Wähler um ihr Stimmrecht brachten? Um ihr Recht, ihre Stimme ehrlichen Männern zu geben, die das gegebene Wort halten. Welcher Jude hätte einem Manne seine Stimme gegeben, der sich mit einem Rassenverhetzer wie K. H. Wolf verbrüdern will? In Entrüstung und Schmerz lernen die Juden die Wahrheit kennen: Die „Deutschliberalen" sind Antisemiten. Oesterreichs Politik hat sich auf den Kopf gestellt: Während „Pater" Geßmann Toleranz predigt, hetzen die „Liberalen" Konfessionen gegeneinander. Mit Abscheu wendet sich jeder ehrliche Mensch von diesem politischen Mummenschanze. „Das Frühlingsland unserer Freiheit" könnte einem schier verleidet werden. Das jüdische Volk aber ist schon an Ent- *) Von eirem hervorragenden Wiener Journalisten, der ein Alenschenalter im Dienste der deutschliberalen Sache gestanden ist, tri allen wir dieFen Aufsatz als Ausdinck der Verbitterung und des Umschwunges in der Gesinnung Beiner Partei. Anm. d, Red.