Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 24 (24.5.1907)
- Date
- 1907-05-24
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 »Neufe National-Zeitung« Seite Ii ISRAEL ZANGWILL: Die jüdische Dreieinigkeit. (2. Fortsetzung.) III. Barstein wurde plötzlich nach London abberufen; bevor er noch Zeit hatte, einen Anstandsbesuch nach Tisch abzustatten. Aber die Saat, die an jenem Abend in seine Seele gestreut wurde, hat dort feste Wurzel gefaßt. Es war dies der Gedanke einer nationalen Wiedergeburt seines Volkes. Er suchte seine alten Gebetbücher hervor und er schien Entdeckungen zu machen, als er von den ihm nun zum Bewußtsein gekommenen neuen Gefühlen beherrscht, jene Seiten durchblätterte, die ihm in seiner Kindheit nur eine Reihe von so schnell als möglich abzuleiernden Silben gewesen waren, und deren Bedeutung ihm noch mehr dadurch verschleiert wurde, daß sie langsam nach einer Melodie gesungen wurden. „Ich hätte ebensogut ein Gebetrad drehen können," sagte er mit Bedauern, als er erkannte, mit welch' eiserner Zähigkeit die Easse, die vom römischen Reich und jeder seither regierenden Großmacht niedergedrückt worden war, ihre Sehnsucht nach dem alten Lande bewahrt hatte. Und dieses Geheimnis der Rasse und des Blutes, diese Schönheit einer unvergeßlichen Sehnsucht, sie waren verkörpert in Mabel Aaronsberg. Er wich keinen Schritt von seinem Wege ab, um sie zu sehen. Er sah sie den ganzen Tag. Sie erschien ihm überall in seinem Atelier, in seinen zahllosen Tonstudien. Aber von diesem Bildnis der Schönheit seiner Rasse drängte ihn seine zunehmende Erkenntnis, auch die Tragödie dieser Rasse zu erklären und so suchte er sich aus den Hintergäßchen und kleinen Synagogen des East End seltsame, hilflose Gestalten hervor, mit zottigen Locken und ausdrucksvollen Augen. Von einer dieser Gestalten erfuhr er zu seiner Ueberraschung, daß der Traum von Zion, dessen einziger Träumer er sich wähnte, von Myriaden geteilt werde, und daß er sich sogar zu einer Nationalbewegung kristallisiert hatte. Er schloß sich dieser Bewegung an und kam dadurch in seltsame Konventikel. Er wurde Mitglied eines Komitees, das in einem kleinen Hinterzimmer zusammenkam, und das zuerst seine Argumente mit Respekt, dann mit Vertraulichkeit, gelegentlich sogar mit Geringschätzung anhörte. Die Kleinhändler und Zigarrenmacher konnten über ihre Ideale mit weit mehr Beredtsamkeit als er, das Wort führen, auch standen ihnen viel zahlreichere talmudische Zitate zu Gebote, und überdies verstanden sie es besser ihre Organisationen zu stärken und zu leiten. Aber inmitten der ärmlichen Umgebung, der kleinlichen Streitigkeiten und grotesken Eifersüchteleien, welche die Bewegung trübten, behielt er seine innere Begeisterung. Er hatte endlich sich selbst und seine Kunst gefunden. Er ging nun eifrig an die Schaffung einer großen Michelangelo-Figur des erwachenden Genius seines Volkes, der in die Trompete der Auferstehung blies. Die Arbeit wurde auf einem zionistischen Kongresse ausgestellt. Sie erregte Aufsehen. Der Künstler traf mit anderen Künstlern zusammen, die schon lange von der ihm so neuen Idee begeistert waren und deren Schöpfungen überall um ihn her auf Zierplatten und Bildern, auf Büsten und Büchern und sogar auf Postkarten zu sehen waren. Einige von ihnen waren im Begriffe nach Palästina zu gehen, um dort eine Kunst- und Gewerbeschule zu errichten. Barstein dachte daran, sich ihnen anzuschließen. Indessen wunderten sich die lustigen künstlerischen Bohemiens, deren Kreis er mit seiner Fröhlichkeit und Freundschaft verschönert hatte, über seine Wandlung. Sein neues Werk in den Ausstellungen gab ihnen gleichsam eine Antwort, und die wenigen, die ihn zufällig trafen, berichteten traurig, daß er ein Anderer geworden sei. Der leichtherzige und leichtfüßige Tänzer des Pariser Pflasters war verschwunden; die verwegenen Witze des Neu-Heiden waren verstummt. Er war ein neues Wesen mit brütender Stirne und schmerzerfüllten Augen, die nur aufleuchteten, wenn er seinen Traum erblickte. Nie hatte ein Bohemien eine solche Wandlung durchgemacht. IV. Aber bald nahm der Inhalt seines Traumes eine andere Richtung. Ehe er noch ernstlich seine Reise nach Palästina erwägen konnte, erblickte er Mabel Aaronsberg in aller Wirklichkeit. Sie war zur Season unter der Obhut einer Tante nach London gekommen und in einer der Galerien der neueren Kunst ist er ihr begegnet. Es war dies vor Mabels eigener Person in Marmor. Sie bewunderte die Psyche, ohne im Entferntesten sich selbst zu erkennen, und Barstein mußte, wenn auch mit einiger Verlegenheit eingestehen, daß seine Statue von der lebenfrischen Schönheit des Originals abwich. Bald sah man Barstein wieder in jenem jüdischen Grenzlande der Bohemien, wo Schriftsteller und Maler umworben werden, wieder. Leider war dies nicht Mabels Kreis. Barstein sah sich daher gezwungen, Einladungen nach jenem jüdischen Bayswater anzustreben, für das er trotz seines neugebackenen Nationalismus noch immer Widerwillen hegte. Dort, unter hunderten von plaudernden und tanzenden Schemen, mit denen irgend ein, schattenhafter Doppelgänger seiner Selbst tanzte und plauderte, hatte er manchmal eine zauberhafte Stunde der Wirklichkeit — mit Mabel. Er konnte sein Dasein nicht voll empfinden und zugleich seinen nationalen Traum verschweigen. Mabel, die zumeist die Ansichten ihres Bruders Julius wiederspiegelte, war offenbar erstaunt, obwohl ihre statuenhafte Gabe einer schönen Schweigsamkeit ihren Verehrer vor einer allzufrühen Enttäuschung bewahrte. Sie hatte eigentlich gar nichts von solchen Dingen gehört. Zionismus war etwas für East End. In ihren Gesellschaftskreisen sprach nie Einer davon. Allein, Barstein war ein Bildhauer und ein seltsamer Mensch. Ueberdies sah er gar nicht wie ein Jude aus, also klang es nicht so schrecklich aus seinem Munde. Seine geschmeidige Gestalt erschien ihr fast angelsächsisch inmitten der vielen untersetzten, ungelenken jungen Männer, die sie umgaben, und wenn er auch nicht ganz das gute Benehmen eines Christen hatte — sie vergaß nie sein Versehen beim Diner ihres Vaters — sah er dennoch zu ihr mit der Verehrung beinahe eines Christen empor, statt mit der abschätzenden Berechnung eines Orientalen. Diese anderen Londoner Juden, das wußte sie, hielten sie für eine Provinzlerin, während Barstein ihr eines Tages gesagt hatte, sie sei universell. Auch Julius hatte Barsteins Werk bewundert; die darin angeschlagene moderne Saite war von den Auserwählten Oxfords freudig begrüßt worden. Aber was Mabel zumeist anzog, war das in den christlichen Zeitungen beständig verkündete Lob ihres Anbeters, und als er ihr endlich mit seinem formellen Antrag kam, fürchtete sie nur die Mißbilligung ihres Vaters. „Er ist so orthodox, murmelte sie, als sie beide bei einem großen jüdischen Wohltätigkeitsball in einer mit