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Neue Nationalzeitung · 1907-05-24 · Heft 24 (24.5.1907) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 24 (24.5.1907)
Date
1907-05-24
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 24 »Neue National-Zeitung« Seite 7 sie ganz unerwartet. Das ganze System des Proportionalwahlrechtes hatte ja den Zweck, den polnischen Minoritäten in Ostgalizien selbst dort Mandate zu sichern, wo :sie höchstens 10—l5°/o ^er Bevölkerung zählen. Der Polenklub rechnete jedoch auf die unbedingte Ergebenheit der jüdischen Volksmassen, mit deren Hilfe •der polnische Kandidat mindestens 25°/0 der Wähler und •damit das Minoritätsmandat erobern sollte. Diese Rechnung hat der Polenklub ohne die Juden gemacht. In 5 Landgemeindebezirken des östlichen Galiziens hat die jüdischnationale Partei ihre Kandidaten aufgestellt und •da auch die Polen unter einander nicht einig waren, .gelangen in 2 Bezirken die Jüdisclmationalen mit sicherem Erfolge in die Stichwahl. Auch die Auspizien, unter denen Dr. Nathan Birnbaum im Städtebezirk Buczacz s. A. gegen den offiziellen Kandidaten, Ritter v. Moysa, in die Stichwahl gelangt, können als vorzüglich bezeichnet werden. Es erhielten: Ritter v. Moysa (konserv. Pole) 3067 Stimmen. Dr. N. Birnbaum (jüd.-nat.) 2194 Stimmen. Dr. R. J a r o s se wy t s ch (Ruth.-Soz.) 1888 Stimmen. Bei der Stichwahl ist darauf zu rechnen, daß die ruthenischen Wähler des Dr. Jarossewytsch für Dr. Birnbaum stimmen werden. Schon diese Stichwahl des Dr. Birnbaum bedeutet einen sehr großen Erfolg, wenn man in Betracht zieht, daß Buczacz, bekannt durch seine „FriedhofsWähler", bisher die Brutstätte ärgster Korruption war. Die 4000 oppositionellen Stimmen bilden einen erfreulichen Beweis für die politische Reife und das hohe moralische Niveau der jüdischen Volksmassen, die trotz aller Drohungen und Erpressungen der Bezirkshauptleute der korrupten Kahal- und Schachzizenwirtschaft den Rücken kehrten. Der Verlust dieses Bezirkes wird die Polen um so empfindlicher treffen, als er nicht zu den sechs vom Polenklub für jüdische Abgeordnete bestimmten Bezirken gehört. In diesem Bezirke haben die Christen (Polen und Ruthenen) die Majorität. Die Ruthenen sind es, welche durch ihre Unterstützung dem jüdischnationalen Kandidaten zum Siege verhelfen werden. Sehr eigenartig liegen die Verhältnisse im Stadtbezirke S t a n i s 1 a u, wo Dr. B r a u d e mit dem polnischen Demokraten Dr. Stwiertnia in die Stichwahl gelangt. Stanislau verfügt über eine jüdische Majorität -und wurde für ein jüdisches Abgeordnetenmandat bestimmt. Diesem Umstände trug auch der polnische Nationalrat Rechnung, indem er einen jüdischen Kandidaten aufstellte, natürlich einen Kandidaten, der sich zum Hausjuden besonders eignete. Ein solcher Kandidat war der Proponationspächter Edmund R a uch, ein besonders tätiges Mitglied der Kahal-Klique und Kreatur des Bezirkshauptmannes; gleich verhaßt bei allen anständigen Menschen ohne Unterschied der Konfession. Indem der Nationalrat einen solchen Mann der Stadt Stanislau aufdrängen wollte, hat er auch bewiesen, was für Juden der Polenklub in seiner Mitte wünscht. Diese Kandidatur hatte zur Folge, daß die polnische Bevölkerung den bisherigen AbgeordnetenStwiertnia, hingegen die Juden ihren früheren Prediger Dr. Brau de kandidierten. Bei der Wahl vom 17. d. M. fiel Herr Edmund Rauch, der Kandidat des polnischen Nationalrates, mit 1118 Stimmen durch. Der jüdischnationale Dr. Brau de erhielt die meisten Stimmen (1204), nach ihm Stwiertnia 1149 Stimmen. Die endgültige Entscheidung wird nun davon abhängen, für wen die Anhänger Rauchs stimmen, ob sie getreu dem jüdischen Charakter der. Stadt den Juden oder aus Liebedienerei gegenüber der Schlachta dessen christlichen Gegner, der die Solidarität des Polen- Mubs anerkennt, wählen werden. Die Stichwahl im Lcmberger Judenvicrtel. Lemberg, den 21. Mai. (Orig.-Korr.) Herr Samuel Edler von H o r o witz, Handelskamerpräsident, Millionär, Baron in spe etc., vor dem das offizielle Lemberg auf dem Bauch liegt, ist also im ersten Wahlgang nicht gewählt worden. Er erlangte trotz aller Protektion, Pression und Korruption kaum 1675 Stimmen; sein Gegenkandidat, der Sozialdemokrat Dr. Diamand, aber auch 1667 Stimmen. Bei der Stichwahl liegt die Entscheidung in den Händen der Jüdischnationalen, deren Kandidat es auf 853 Stimmen gebracht hatte. Wie werden sich die Jüdischnationalen bei dieser Stichwahl verhalten?, Diese. Frage ist keineswegs leicht zu entscheiden. Denn Herr Dr. Diamand ist nicht nur ein Assimilant und heftiger Gegner der Jüdisclmationalen, sondern er hat uns stets geradezu in pöbelhafter Weise bekämpft. Horowitz aber ist ja schließlich doch ein Jude, er wird sich dem Judentume und seinen Bedürfnissen, sogar dem National judentume gewiß nicht verschließen, obzwar er es, aus bekannten Beweggründen, nicht gestehen will, daß die Juden ihre Interessen nur in dem selbstständigen Auftreten wahren können. Anderseits aber ist Horowitz die Personifizierung der Korruption, der schamlosen Kanal-Wirtschaft und seine Wahl bedeutet eine Stärkung der Reaktion, des alten morschen Systems, wie seine Niederlage einen Totschlag für dieselben bilden würde. Die Jüdischnationalen hatten daher einen sehr schweren inneren Kampf durchzumachen, um zu entscheiden, welches von den zwei Uebeln das kleinere sei. Die in Aussicht gestellten Gegenleistungen des Horowitz haben auch viel verlockender gelautet, als die des Diamand. Während Letzterer bloß über 220 Stimmen in Stanislau verfügen könnte, besitzt die Kahalpartei daselbst 1100 Stimmen. Außerdem wollte diese noch in einem der Bezirke, wo Stand kandidiert, in Brody oder Tarnopol, die offizielle Kandidatur zurückziehen und somit die Wahl des Stand ermöglichen. Aber nichts destoweniger hat die dazu einberufene Konferenz der Vertrauensmänner über Antrag der Parteileitung den Grundsatz akzeptiert: Jetzt gilt es, die Korruption zu zerschmettern, und mag ihr der Teufel gegenüber stehen! Die versammelten Vertrauensmänner haben beschlossen, nicht bloß gegen Horowitz aufzutreten, sondern direk't den Diamand zu unterstützen. Die Modalitäten dieser Unterstützung sowie die Art der Gegendienste soll der Partei-Vorstand selbst, nach Fühlungnahme mit den Sozialisten, beschließen. Es heißt, daß wenn Dr. Diamand die akademische Erklärung abgeben wird: er erkenne das Recht der Juden auf nationale Selbstbestimmung an (und das muß er, als Sozialist, doch tun!) so wird er von jüdischnationaler Seite unterstützt werden. Ob aber dies alles dennoch helfen wird, ist sehr fraglich. Die Regierung — heißt es — wird am 24. Mai alle ihre Mittel aufbieten, um ihren Kandidaten zu forcieren .... k—n. Drei Polen „mosaiseher Konfession" gewählt. Die Hausjuden des Polenklubs haben es bisher hur auf ein Mandat gebracht. Im Zentrum galizischer Korruption, dem Stammsitze der eingefleischten Kahalwirtschaft, inDrohobycz, ist es dem Dr. Nathan Löwenstein gelungen, den Jüdischnationalen Dr. Zipper niederzuringen. In Krakau ist jedoch der Kandidat des Nationalrates, Oberbaurat Sar e, gegen den „unabhängigen Juden" Dr. Groß unterlegen. Von Dr. Groß wissen unsere Leser, daß er weder Fisch noch Fleisch ist. Bald ist er Pole, bald Jude, bald will er beides sein. Im Paria-

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