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Neue Nationalzeitung · 1907-05-24 · Heft 24 (24.5.1907) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 24 (24.5.1907)
Date
1907-05-24
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 24 »Neue National-Zeitung« Seite 3 INGENIEUR S. (UNSBURG: Die II. Jahreskonferenz der Schweizer Territorialisten. Zürich, Mitte Mai. Zwei Dinge waren es . bisher, welche alle Territorialisten zu einem Ganzen verknüpft haben: die jüdische Not und der daraus folgende kategorische Imperativ eines autonomen jüdischen Landes. Wenn nun einerseits gerade jetzt das Elend der osteuropäischen Juden groß genug ist, um über die Existenzberechtigung des Ito-Gedankens an und für sich keine weiteren Zweifel aufkommen zu lassen, so umfaßt doch anderseits der außerordentlich dehnbare Begriff „Autonomes Land" einen so riesigen Inhalt, so viel verschiedenartigster Deutungsmöglichkeiten, daß es sehr problematisch erscheinen muß, ob dieser Begriff allein ohneweiteres für die Periode der Realisierung unserer Idee, als Programmpunkt genügen würde. Nach außen hin allerdings, ja. Das heißt derjenigen Regierung gegenüber, welche uns das Land zur Kolonisierung überlassen wird. Nicht aber nach innen zu. Die „Ito*' soll eine Volkssache werden. Wodurch ist aber der Einfluß des Volkes auf das ungemein schwierige Unternehmen gewährleistet? Wo sind die Garantien, daß auf dem Besiedlnngsgebiete nicht eine oligarchische (wie in den Kolonieen des Baron Hirsch), sondern eine streng demokratische Verwaltungsart zur Anwendung kommen wird? Und woher könnte die Leitung in London, beim besten Willen, eine solche demokratische Verwaltung hervorzaubern, solange sie sich nicht eine stramme Volksorganisation geschaffen hat? Anderseits aber ist es natürlich nicht zu vergessen, daß unsere Führer mit den diplomatischen Unterhandlungen und gewissenhafter Untersuchung der vorliegenden Angebote reichlich genug zu tun haben. Auch in Rußland ist man durch die praktische Durchführung der Emigrationsregelung vollauf in Anspruch genommen. Suum cuicrue! Und deshalb beschlossen die schweizerischen Territorialisten, dem Prinzip der Arbeitsteilung folgend, nicht nur ihre Lokalinteressen bei der Jahreskonferenz zu behandeln, sondern auch die viel allgemeinere Frage bezüglich der Gesamtorganisation aufs Tapet zu bringen. Zu diesem Behüte fanden vor der Konferenz einige Sitzungen der Züricher Delegierten statt, an denen ein von Herrn Rubinstein verfaßter und von den Delegierten ergänzter Programmentwurf beraten wurde. Die Konferenz selbst ist am 12. Mai in Zürich abgehalten worden. Nach Entgegennahme der üblichen Jahresberichte und Annahme eines von Herrn E i s- Zürich, zusammengestellten neuen Landesverbandstatuts ging man zur Besprechung der obenerwähnten Programmfrage über. Herr Veit-Basel vertrat in einem sehr sachlich gehaltenen Referate die Ansicht, daß ein solches Programm und der Wunsch nach einem Kongresse vorderhand noch nicht eine absolute Notwendigkeit bilden; man kann überzeugt sein, daß Zangwill und seine eifrigen Mitarbeiter unser vollstes Vertrauen verdienen und gewiß einen Kongreß zur rechten Zeit einberufen, werden. Rubinstein - Zürich und Hellmann - Bern betonten unter lebhaftester Zustimmung aller Anwesenden, daß wir Territorialisten unserem Leiter selbstverständlich das innigste Vertrauen entgegenbringen; aber gerade weil man seine selbstlose Ergebenheit der großen Sache gegenüber nur allzu gut kennt, gerade deshalb kann man von vornherein sicher sein, daß er mit einem solchen — sozusagen — platonischen Zutrauen seiner Anhänger keineswegs zufrieden sein kann; daß er vielmehr in klarer Erkenntnis der Tatsachen unseren Vorschlag als dasjenige betrachten wird, was er in Wirklichkeit eben darstellt: die Folge unseres heißen Verlangens, ihm die verantwortungsvolle, schwere Aufgabe womöglich zu erleichtern, indem wir als zielbewußte Itoisten die unserer Bewegung noch anhaftenden Mängel aufzudecken und auszubessern versuchen. Nachdem Herr Veit sich mit diesen Ausführungen im Prinzipe einverstanden erklärte, wurde das Landeskomitee von der Konferenz beauftragt, das Programm (samt Resolution bezüglich Notwendigkeit eines Kongresses in der nächsten Zeit) dem Londoner Bureau, sowie den verschiedenen Landesverbänden zwecks Ueberprüfung zukommen zu lassen und dieselben um Mitteilung ihrer Ansichten zu ersuchen. Trotzdem die Meinungen am Anfang ziemlich stark divergierten, gelang es doch schließlich, eine allgemeine Uebereinstimmung herbeizuführen. Der vortrefflichen Leitung des Herrn Stern-Zürich ist es hauptsächlich zu verdanken, daß die Diskussion nie allzuweit vom Beratungsgegenstande abgelenkt wurde. Uebrigens bemühte sich auch jeder Einzelne, sich strikte an das jeweilige Thema zu halten. Vielleicht ist eben in dieser Konzcntriertheit der Territorialisten auf ihrer unmittelbaren Aufgabe die Erklärung ihrer bisherigen und das Pfand ihrer zukünftigen Erfolge zu suchen. Weder nach rechts, noch nach links von einmal festgesetztem Wege abzuschweifen — das ist, unserer Meinung nach, die Hauptsache. Allerdings: ein paar jüdische Deputaten in der Duma sind gut, und ein Dutzend jüdische Abgeordnete im Reichsrat möglicherweise — noch besser. Aber ein jüdisches Parlament in einem jüdischem Lande — das dünkt uns das Allerbeste zu sein. Nicht, daß wir etwa gegen eine Verbesserung der politischen Lage der Juden in verschiedenen Staaten sind. Das wäre ja ein purer Wahnsinn. Wir glauben aber, daß wir einer radikalen Lösung bedürfen. Was nützt dem Erhängten, daß man ihm Arme und Beine zu beleben sucht, solange der enge Strick noch seinen Hals umschlingt? Geben wir dem jüdischen Volksorganismus die Möglichkeit, frei aufzuatmen, schaffen wir ihm irgendwo ein gesundes, kräftiges Zentralorgan — dann werden die übrigen Glieder schon ganz automatisch die Fähigkeit erlangen, sich gegen auswärtige Pressionen zu wehren und ihre Menschenrechte mit Nachdruck und Erfolg zu beanspruchen. Zur Entlassung des Eabbiners Dr. Cohn. Eine Protest Versammlung. Berlin, den 16. Mai. Mittwoch, den 15. Mai, fand in der Viktoria- Brauerei eine imposante Protestversammlung gegen die Amtsenthebung des Predigers Dr. Cohn statt, zu der die angesehensten Gemeinde-Mitglieder verschiedenster Richtung die Einladung ergehen ließen. Ueber 2000 Personen haben derselben Folge geleistet und mit großem Interesse den Verhandlungen bis zum Schlüsse beigewohnt. Nach den einleitenden Worten des Herrn Dr. Biram, der den Fall objektiv schilderte, eröffnete Herr Dr. Zwirn die Diskussion mit einer Polemik gegen Syndikus Lilienthal. Er griff ihn zunächst wegen der von ihm zur Begründung der Suspension herangezogenen zwei neuen Punkte an: des Verhaltens von Dr. Cohn als Lehrer am Falk-Realgymnasium, sowie seiner Gedenkrede auf Theodor Herzl. Es sei offenkundig, daß man sie nur deshalb herangezogen habe, weil man fühlte, daß der Hauptfall ins Wanken geriete. Was diesen Hauptfall anbetrifft, so wandte sich Herr Dr. Zwirn besonders heftig gegen die von Herrn Lilienthal ausgesprochene Verdächtigung des Herrn Dr. Cohn, indem er wörtlich ausführte: „Der Vorstand hätte die

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