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Neue Nationalzeitung · 1907-05-24 · Heft 24 (24.5.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 24 (24.5.1907)
Date
1907-05-24
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 »Neue National-Zeitung« Nr. 24 die Verantwortung gegenüber Krone und Reich. Sie werden befehlen, der Statthalter muß gehorchen. Sorgen Sie für die Wahlfreiheit — auch in unserem Lande." Der Sprecher war zu Ende. Er übergab nur noch ein Memorandum an den Minister, worin alle Beschwerdepunkte detailliert angeführt waren. Der Minister sollte antworten. Aber alles, was er da hörte, war ihm ja neu. Darüber hatte, der Statthalter nichts berichtet. Die polnischen Juden wollen mit einem Mal ihren eigenen Vertreter haben, statt dankbar zu sein, daß sich Exzellenzen, ja sogar Minister von ihnen wählen lassen wollen? Die Bezirkshauptleute verletzen das Wahlrecht, belästigen die Wähler, drohen ihnen! Unmöglich. Dessen ist ein österreichischer Staatsbeamter unfähig! Und die Bezirkshauptleute sind doch österreichische Staatsbeamte. Der Minister erwiderte: „Meine Herren! Was Sie mir vortragen, setzt mich in Erstaunen. Ich glaube, Sie übertreiben. Ich müßte auch was davon wissen. Aber ich werde jedenfalls Ihre Beschwerden prüfen und wenn sie begründet sind, ihnen Rechnung tragen." Der Sprecher: „Exzellenz! Die Sache drängt. Morgen finden die Wahlen statt. Telegraphieren Sie an die Bezirkshauptleute. Wir wollen ja nichts als unser Recht, als die Einhaltung des Gesetzes!" Der Minister: „Ich sende Ihre Beschwerde noch heute an den Herrn Statthalter. Der Herr Statthalter wird dann gewiß seinen Organen die nötigen Weisungen erteilen..____ L- Die christlichsozialen Wahlsiege. Trotzdem die Wahlresultate aus allen Wahlbezirken Oesterreichs noch nicht bekannt sind, trotzdem insbesondere das Ergebnis der Stichwahlen ausständig ist, so mnß doch heute bereits der große Wahlsieg der Christlichsozialen, insbesondere in den Provinzen konstatiert werden. Nächst den Sozialdemokraten sind die Christlichsozialen die einzige Partei, welche aus den Wahlen als Sieger und nicht als Besiegte hervorgegangen siud. Alle anderen sogenannten bürgerlichen Parteien sind zertrümmert. Liberale, Deutschvolkliche, Alldeutsche, Jungtschechen, Tschechischradikale, Italiauissirai haben entweder den Sozialdemokraten oder Christlichsozialen ihre Positionen räumen müssen. In Wien allein bekamen am 14. Mai die Christli.chsozialen 184762 Stimmen, (die Sozialdemokraten nur 124.762) während im Jahre 1901 auf die Christlichsozialen bloß 106.996 Stimmen entfielen. Die Zahl der christlichsozialen Stimmen in Wien hat sich also seit 1901 um zirka 78.000 vermehrt! Dem gegenüber beträgt der Zuwachs der sozialdemokratischen Stimmen zirka 24.000. 124 345 Stimmen am 15. Mai 1907 100.223 „ im Jahre 1901. Die Wiener' Christlichsozialen haben somit gegenüber den Sozialdemokraten . um . 54.000 Stimmen zugenommen! Bisher wurden in Wien 18 Christlichsoziale, in den niederösterr. Städten 1 „ und in den Landgemeinden 21 „ zusammen 40 Christlichsoziale im Kronlande Niederösterreich gewählt. — Aber auch in jenen Kronländern, wo die Christlichsozialen n i ch t.so viele Mandate wie in Niederösterreich erobert haben, ist ein sehr starkes Anwachsen der christlichsozialen Stimmen zu verzeichnen, welches sich teils in der Erlangung von neuen Reichsratsmandaten äußert, teils in Stichwahlen zum Ausdrucke kommt, bei denen christlichsoziale Kandidaten in Betracht kommen oder christlichsoziale Stimmen entscheiden, ob Liberale und Deutschnationale oder ihre sozialdemokratischen Gegner gewählt werden sollen. In den fast j u d e n reinen Kronländern Tirol u. Vorarlberg wurden 1? Christlichsoziale in Steiermark 2 „ in Kärnten _1 „ also zusammen 20 Christlichsoziale gewählt. Abgesehen davon gelangen die Christlichsozialen auch in zwei weiteren Bezirken Tirols, fünf Bezirken Steiermarks und vier Bezirken Kärntens in die Stichwahl. Von größerem Interesse für die Juden sind die Verhältnisse in Böhmen, Mähren und Schlesien. In den fünf böhmischen Wahlbezirken: Rumburg, Oberplan, Plan, Schluckenau und Miess, in den drei mährischen Bezirken "Nikolsburg (Stadt und Land), Mährisch-Trübau, sowie im Wahlbezirke Bielitz gelangen die christlichsozialen Kandidaten — zum Teile mit Aussicht auf Erfolg — in die Stichwahl. Ja noch mehr, in einigen Bezirken, wie in Warnsdorf, Marienbad, Teschen Oderberg hängt die Wahl der liberalen Kandidaten Dr. Pergelt, Dr. Bachmänn, Dr. Demel davon ab, ob die Christlichsozialen für sie stimmen! Dies ist auch in einer Reihe von anderen mährischen und schlesischen Wahlbezirken der Fall, wo die deutschfreisinnigen Kandidaten unterliegen, wenn die christlichsozialen Stimmen nicht zu ihren Gunsten gegen die Sozialdemokraten abgegeben werden. Die Christlichsozialen sind also das Zünglein an der Wage im Kampfe zwischen den Liberalen und Deutschnationalen einerseits und Sozialdemokraten anderseits! Diese Ueberreste der mit Hilfe der Christlichsozialen gewählten Liberalen aber sollen mit den übriggebliebenen Fragmenten der antisemitischen Deutschvolklichen und Freiaildeutschen, die in den Alpen- und Sudeten - ländern teilweise den Christlichsozialen ihre Positionen räumen, teilweise wie K. H. Wolf in Trautenau auf deren Unterstützung angewiesen sind — die ».deutschfreisinnige" Partei der Zukunft bilden, in deren Hände die Juden die Vertretung ihrer jüdischen, sowie der allgemein freiheitlichen Interessen legen wollen! Die christlichsoziale Partei hat wohl diesmal nicht die Erfolge zu verzeichnen, auf welche sie hoffte, sie ist vorwiegend in den Landgemeinden siegreich gewesen, aber ihr Anwachsen hat sich doch überall fühlbar gemacht, von Prag bis Triest, von Innsbruck bis Czernowitz, unter allen Nationalitäten und allen Ständen. Ueberall sehen wir die bisherigen Bundesgenossen der liberalen Juden, die freisinnigen und nationalen Fraktionen als Tote oder Schwerverwundete, hingegen die Christlichsozialen und Klerikalen im Vormarsche und im Begriffe, über die nationalen Schranken hinweg, sich zu einigen gegen die Sozialdemokraten und ihre — jüdischen Verbündeten. Das Bild also, welches das neue Parlament gewährt, ist somit kein besonders erfreuliches. Im österreichischen Abgeordnetenhause werden die Christlichsozialen vermehrt, die Freisinnigen aller Nationen vermindert einziehen: die Gruppe H. K. Wolf wird im Bunde mit den letzten Liberalen den Freisinn „schützen". Die jüdischen Assimilanten, die den Jüdischnationalen vorwerfen, daß sie sich isolieren, sind nun von ihren langjährigen „liberalen" Bundesgenossen, denen sie ihr Geld und ihr Volksbewußtsein zum Opfer gebracht haben, isoliert, worden. Meine Herren liberalen Juden, öffnen Sie doch einmal die Augen und Sie werden sich überzeugen, daß die einzigen Liberalen — Sie allein sind. K.

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