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Neue Nationalzeitung · 1907-05-24 · Heft 24 (24.5.1907) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 24 (24.5.1907)
Date
1907-05-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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^iUlhJi^WkMKHHMMMKi IBIT^TgnnB JJ^'■-l^ltli^T,^^' ffiONftL-ZEittJNG ifH JQDISCRPOUCISCRS WOCRENSCfiRlFC rerrusöbber; ors.R.LNNOAu:: IX. JAHRGANG. WIEN, 24. MAI 1907. No. 24. Im Kabinett Seiner Exzellenz. Ort der Handlung Ministers. Der Empfangs-Salon eines \ -C % £ Seine Exzellenz sitzt bei einem großen Mahagoni- Schreibtisch und studiert die eingelangten Telegramme. Er schmunzelt vergnügt. Große Siege der Christlichsozialen. Die Träger des schwarzgelben Gedankens überfluten das ganze Reich. Selbst in Radautz hat Dr. Lueger eine Stimme erhalten. Schönerer ist von seinen Germanen verlassen und wird gewiß nach Preußen auswandern. So mußte es kommen. Besucht ja er, der Minister, doch jeden Tag die Kirche und sieht wie die Zahl der Gläubigen immer mehr zunimmt. Doch plötzlich verfinstert sich sein Antlitz. Es flimmert ihm rot vor den Augen. Sozialdemokratische Siege werden gemeldet. 1, 2, 3, 10, . . . 20, 30, . . . 40, 50 . . . Die Minister sind bedrängt, die Bürgerlichen geschlagen, Vaterland und Altar in Gefahr. Du liebes Portefeuille, bald heißt's: Adieu. Und er blickt wehmutsvoll auf die mit Seide tapetierten Wände, auf die herrlichen Gemälde am Plafond und auf den antiken, goldverzierten Schreibtisch. Von hier wird das ganze Reich regiert; jeder Wink ist für die Statthalter ein Befehl und vor der leisesten Geberde sinken die Bezirkshauptleute in die Kniee. Der Präsidial ist stört diese Betrachtungen. Er meldet eine Deputation. Leise fügt er hinzu: Polnische Juden. Exzellenz läßt bitten. Die polnischen Juden sind dem Minister nicht fremd; er kennt sie aus seiner Ferienzeit, die er als Theresianist unter ihnen zubrachte. Er. ist zwar kein Judenfreund, aber er ist höflich. Was können die nur wollen, daß sie diese weite Reise antreten? Wäre es nicht besser, sie blieben zu Hause, um pflichtgemäß bei den Wahlen die Regierung zu unterstützen? Bald sollte er es erfahren. Ihr Sprecher begann: „Eure Exzellenz! Wir kommen in Sachen der Wahlen!" (Der Minister wird nervös.) „Wir kommen im Auftrage zweier großer jüdischer Wahlbezirke, in denen die jüdischen Volksmassen ihre eigenen jüdischen Abgeordneten Wählen wollen. Das allgemeine Wahlrecht hat sie zum politischen Selbstbewußtsein erweckt und sie befähigt, ihre traurige Lage zu erfassen. Sie haben es satt, sich von der Schlachta führen und für deren Parteizwecke mißbrauchen zu lassen; sie wollen nicht mehr verachtete Kreaturen, sondern gleichberechtigte Staatsbürger sein. Während die Gesetzgebung bisher bemüht war, auf die Bedürfnisse aller Stände und Berufe Rücksicht zu nehmen und ihren Bestand durch verschiedene Kautelen zu sichern, sahen die Regierung dieses Staates und die Machthaber unseres Landes ruhig zu, wie die jüdische Bevölkerung von allen Seiten unterdrückt, der ärgsten Konkurrenz preisgegeben, immermehr proletarisiert wurde und sozial entgleist ist. Deshalb bleibt der jüdischen Bevölkerung nichts anderes übrig, als ihr Recht selbst zu verteidigen und selbst laut an die Pforten des Parlamentes zu pochen, damit auch ihrer nicht vergessen werde. Aber dieses Recht, uns zu verteidigen, uns unsere Verteidiger zu wählen, wird uns geraubt. Unsere Wählerversammlungen werden aufgelöst, unsere Wähler werden bedroht, die Stimmzettel gefälscht. Und die es tun, haben die beschworene Pflicht, das Recht zu schützen, nicht es zu beugen. Sie beugen es aber doch, sie treten es mit Füssen; der erste Beamte des Landes ist es, der hiezu die Parole gibt. Wir stehen vor der Gefahr, trotz Recht und Gesetz, trotz Volksrecht und Staatsgesetz, am helllichten Tage von einem Statthalter und seinen Kreaturen wieder in die Ketten politischer Sklaverei geschmiedet zu werden, von denen wir uns durch das allgemeine Wahlrecht schon befreit glaubten. Exzellenz! Sie sind der Minister. Sie sind der Vorgesetzte, der Statthalter ist Ihr Untergebener. Sie tragen

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