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Neue Nationalzeitung · 1907-05-17 · Heft 23 (17.5.1907) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 23 (17.5.1907)
Date
1907-05-17
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. .23 »Neue National-Zeituiig« Seite 11 I§BAEL ZANGWILL: Die jüdische Dreieinigkeit. (1. Fortsetzung.) „Wir danken Dir, Herr unser Gott, weil Du uns gabst als Erbschaft nach unseren Vätern ein fruchtbares, reiches und schönes Land, und weil Du ues fortgeführt hast aus dem Lande Aegypten, und hast uns erlöst aus dem Hause der Knechtschaft." Für den Augenblick hörte Barstein nichts mehr; das Paradoxe dieser rückblickenden Dankbarkeit hielt seine Gedanken fest. Was? Sir Asher war dankerfüllt, weil vor mehr als dreitausend Jahren seine Ahnen — nicht ohne heißen Kampf — ein Land erlangt hatten, welches nun seit bereits achtzehn Jahrhunderten ihnen wieder verloren gegangen war? Welch ein wunderbar langes Gedächtnis hat doch diese Kasse! „Erlöst vom Hause der Knechtschaft." Fürwahr! Sir Asher selbst — und hier glitt ein gedankenvolles Lächeln über des Künstlers Lippen — hatte nie ein Haus der Gefangenschaft gekannt, wenn nicht gar das Haus der Gemeinen (aus dem er durch die radikale Bewegung verdrängt wurde) als solches angesehen werden sollte. Sein eigenes Haus nannte er aber selbst: Liberty Hall. Aber daß der russische Jude sich noch über die Erlösung aus Aegypten freuen konnte! 0 Wunder der frommen Geduld! Wie grenzt doch das Wunderbare an das Lächerliche! Aber Sir Asher betete noch immerzu: „Habe Erbarmen, "Herr,-unser Gott?, mit Israel, Deinem Volke, mit Jerusalem, Deiner Stadt, mit Zion, der Stätte Deines Ruhmes, mit dem Königreiche Deines Gesalbten"..... Barstein verlor sich ^wieder, in Gedanken. Der Palästina-Patriarch stand { wirklich vor ihm. Nicht beim Stadtrate von Middleton, glicht in den Lobbies von Westminster, nicht in seinem .kolossalen Geschäfte, nicht einmal bei den Ruhmestiteln :fles^britischen Kaiserreiches war Sir Ashers wahres Herz. Er hatte nur aus seiner Umgebung Phrasen aufgefangen. In seinen Innersten selbst war er nicht einmal Engländer — „Habe Erbarmen, o Herr, mit Israel deinem Volk" — trc tz all seines äußerlichen Pompes und Wohlstandes fühlte er sich noch immer diesem zerstreuten und mißhandelten Volk von Brüdern angehörig, das während der achtzehn Jahrhunderte sowohl den Stürmen der Verfolgung als dem Sonnenschein der Duldung widerstanden hatte und dessen einzigen Trost in der langen Verbannung der Traum von Zion gebildet hatte. Der Künstler in Barstein begann sich zu regen. Was konnte fesselnder sein, als unter der äußeren Hülle dieses Fabrikanten den Träumer zu sehen und hinter dem englischen M. P. den hebräischen Schwärmer zu erblicken. Dieses prächtige Haus mit seinen livrierten Lakaien war also keine Feste der Philister, in der ein Künstler notgedrungen ersticken mußte, sondern eine wahre Citadelle des Geistes. Es überkam ihm langsam eine neue Achtung vor seinem Gastgeber. Unwillkürlich suchte er das Gesicht der Tochter. Im Grunde war das Geheimnis ihrer Schönheit nicht so rätselhaft. Der alte Ä.sher hatte eine Seele. Von der Wirkung, die er auf den leicht bewegliehen Künstler machte, nichts ahnend, betete die Rembrandtsche Gestalt weiter: „Und richte auf Jerusalem, die heilige Stadt, rasch und in unseren Tagen." Es war der Gipfelpunkt des Romanhaften,~das sich so seltsam über das englische Mahl geschlichen hatte. In diesen Tagen Jerusalem wieder aufbauen! Dachten die Juden wirklich, daß dies eine Möglichkeit sei? Es überlief Barstein heiß und kalt. Der Gedanke war ihm absolut neu; offenbar hatte er als Knabe weder seine eigenen Gebete noch sein Volk verstanden. Seine ganze Phantasie wurde entflammt. Er zauberte sich ein Zion vor, von solch kräftigen Händen wie jene Sir Ashers aufgebaut und von solch schönen Müttern wie seine Tochter bevölkert; ein großes Reich, das durch die Einheit und Freiheit einer Rasse emporblühen würde, da es ja trotz der Zerstreuung und Bedrückung noch eines der mächtigsten Völker der Erde war. So kam es, daß Barstein, als die Damen sich erhoben, so tief in all diese Gedanken versunken war. beinahe alles um sich her vergaß. Und als er sich endlich auch erhob, begleitete er die Damen bis vor die Tür. Es war einzig und allein die taktvolle Bemerkung Fräulein Aaronsbergs: „Wollen Sie nicht rauchen?," die ihn rettete. „Ein Segen beinahe so lange wie das Diner!" raunte ihm Tom Füller zu, als er zum Tische zurückkehrte. „Beten ihn die Juden nach jedem Mahl?- „Wenigstens nimmt man es an," erwiderte Barstein. Er empfand einen Mißton und nahm eine Zigarre. „Kein Wunder, daß sie die Christen überholen," bemerkte der junge Radikale, der augenscheinlich originelle Ansichten hatte. „So viel Zeit zum Verdauen würde in unseren Tagen der hastigen Lunches einer Rasse dazu verhelfen, die stärkere zu bleiben. In Amerika, zum Beispiel, müßte sie wirklich herrschen. Buchstäblich", fügte er mit einem Lächein hinzu. „Es ist ein wunderschöner Segen." sagte Barstein mit leichtem Tadel. „Der Zauber Zions über die Prosa der Speise verbreitet." „Sie sind doch nicht Jude?," sagte Tom mit einem plötzlichen Verdachte. „Ja, ich bin Jude," erwiderte der Künstler mit einer Würde, die ihn selbst überraschte. „Ich hätte Sie nie dafür gehalten." sagte Toni offenherzig. Unwillkürlich regte sich etwas wie Befriedigung in Barstein. „Aber warum?" fragte er sich sofort. „Warum es als ein Kompliment empfinden, nicht für einen Judeu gehalten zu werden? Was bedeutet dies? Ist unsere Rasse schon bei der Selbstverachtung angelangt?" „Verzeihen Sie," fuhr Tom fort, „ich wollte Sie nicht verletzen. Ich anerkenne das Malerische des Ganzen, wenn ich die Worte der Bibel selbst höre. Und ich sympathisiere wirklich mit Ihrem Streben nach jüdischer Autonomie." „Mit meinem Streben?" murmelte der Künstler betreten. Hier störte sie Sir Asher, indem er ihnen seinen 48iger Portwein auf nötigte, und insbesondere des Künstlers Aufmerksamkeit auf die Bilder lenkte, die an den Wänden des herrlichen Speisezimmers hiengen. Da war ein Gainsborough, ein Reynolds, ein Landseer. Er zog Barstein mit sich die Wände des Zimmers entlang. „Ich bin ein großer Liebhaber der englischen Schule," sagte er. Sein Käppchen war jetzt in der .Rocktasche, und er selbst wieder der biedere und behäbige Brite. „Sie haben gar keine Italiener?" fragte der Künstler. „Nein," sagte Sir Asher. Er dämpfte seine Stimme. „Im Vertrauen," setzte er hinzu, „ist man bei den Italienern nie vor der Madonna sicher, von dem Sohne garnicht zu reden." Dies erinnerte wieder an den Palästina-Patriarchen. Sir Asher sprach über Religion nur mit denjenigen, die

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