Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 23 (17.5.1907)
- Date
- 1907-05-17
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 »Neue National-Zeltung« Nr. 23 völkerung und ruft in den Kreisen des Proletariates chauvinistische Tendenzen hervor. Wir verlangen von euch, Genossen, den Kampf für die Gewissensfreiheit und insbesondere für die Aufhebung dieses Ukas." Palästina. .Jubiläum der Kolonie „Risclion L'zion". Jerusalem. Das Präsidium der Colonie „Rischon L'zion,, trifft außerordentliche Vorbereitungen, um den 25. Jahrestag der Gründung dieser Kolonie in imposanter Weise zu feiern. Die ersten Ansiedlungen fanden daselbst im Jahre 1882 (Tar-Mem-Bes) statt und erreichten jährlich eine immer größere Ziffer. Die Devise aller Kolonisten war das Bibelwort: „Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen!" Hunderte Juden, die von Ackerbau keine Ahnung hatten, strömten in Scharen — aus Liebe und Anhänglichkeit zur „heiligen Erde — nach Palästina, und wetteiferten förmlich miteinander, denn jeder wollte das ihm zugeteilte Feld besser bestellen. Von Tagesanbruch bis Sonnenuntergang sah man jüdische Frauen und Männer zu Hunderten harte Feldarbeit verrichten, wobei sie froh und fröhlich das Lied r Aud lau awda Tukwasenu" anstimmten. Viele Jahre war ihre Tätigkeit keine ersprießliche, allein sie ließen den Mut nicht sinken, und arbeiteten mit derselben Ausdaaer immer fort. Und eben diesem ihren Ameisenfleiße haben sie es zu verdanken, daß sie an der Wende eines Vierteljahrhunderts auf die Früchte ihrer Arbeit mit Stolz und Genugtuung zurückblicken können. Die frühere Wüste haben jüdische Kolonisten in ein nunmehriges Paradies umgewandelt. Aus diesem Grunde werden bei der Wiederkehr des 25. Jahrestages nicht allein die Kolonisten diesen denkwürdigen Tag feiern, sondern überall, wo jüdische Herzen schlagen, sollte dieser nationle Tag festlich begangen werden, und aus hunderten und tausenden Kehlen sollte das Psälmenlied laut erschallen : „Hasorum bedumah berunah jikzorun!" Nordamerika. Moses — als Staatsmann. New-York. Rev.Wallace Radecliffe, Pastorder hiesigen Avenue Presbyterian-Kinche hielt eine Reihe von Sonntagabend-Vorlesungen über »Unterricht in Diplomatie«. In seinem Einleitungsvortrag sprach er über den modernen Staatsmann. Er kam auch auf Moses zu sprechen und sagte: Der modernste Staatsmann der Geschichte ist Moses, der hebräische Gesetzgeber. Es gibt kein Gesetzesbuch, welches irgendwie dem Pentateuch gleich käme, keine Gesetzgebung, welche nicht auf seinen Grundsätzen fußte! Das mosaische Gesetz enthält die Wurzeln von fast allem, was wertvoll an Gesittung, Zivilisation und Verbesserung ist. Moses war es, der zuerst die Wissenschaft wahrer Staatskunst lehrte. Unsere puritanischen Vorfahren lernten die Grundsätze der Staatslehre von der jüdischen Nation. Das jüdische Volk gab in der Geschichte das erste Beispiel einer Volksregierung durch das Volk und für das Volk. Sie fußte auf der Einwilligung der Untertanen, sie begründete vollkommene Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetze. Religiöse Freiheit blühte, Fremde wurden nicht wegen Glaubensmeinungen verfolgt, nur Götzendienst wurde bestraft. Außergewöhnlichem Reichtum und erniedrigender Armut wurde vorgebeugt durch 'das Sabbath- und das Jubeljahr (7. und 50. Erlaßjahr). Das stehende Heer wurde vermindert und Vertrauen hatt£ man auf die Vaterlandsliebe von Freiwilligen. Gesetzgebende Vereinigungen waren im Einklang in Gestaltung und Verlauf mit jenen der Städte, Staaten und der Nationen der jetzigen Republiken. Die Beamten konnten gewählt werden. Moses, mehr als irgend einem anderen Menschen in der Geschichte, schuldet man Dank für die Erhöhung der Stellung des Weibes und für die Sabbathruhe. Er begrenzte den Besitz, sodaß das gegenwärtige Problem des großen Landbesitzes unmöglich wäre. Seine Gesetze warfen den Schuldner nicht ins Gefängnis, noch hingen sie einen Stein an seinen' Hals,^ sondern sie schützen seine Volkgenossen, und alle sieben Jahre hatten sie das Recht des Erlaßjahres. Er beschützte des armen Mannes Lohn, sodaß die Genossenschaften ihn nicht bedrücken konnten und beschützte ihn in seiner täglichen Arbeit. Er war uns weit voraus, was moderne Gesetzgebung betrifft, in seinem geheiligten Blick für das Leben. Todesstrafe wurde nur in vier Fällen ausgesprochen: für Verrat, Mord und für grobe Ausschreitungen gegen die Eltern und noch für verabscheuungswürdige Sittlichkeitsverbrechen. Noch vor kaum 200 Jahren verhängte man in England 148 Todesurteile meist wegen unbedeutender Verbrechen gegen das Eigentum. Die Verurteilungen bei Moses sollten nicht allein den Zweck der Strafe haben, sondern den erziehenden der Zurückhaltung vom Verbrechen. $$US AUEN WEßCSilCN Ein rituelles Kolonial-Diner. In London soll demnächst die erste Schiffsladung koscheren australischen Fleisches eintreffen, aus welchen Anlasse, wie die „Tribüne" meldet, die Firma E. Barnett u. Comp., die sich mit der Lieferung koscherer Nahrungsmittel befaßt, ein Festmahl zu veranstalten gedenkt, zu dem sie schon jetzt den in London weilen den Ministern der britischen Kolonien Einladungen zugestellt hat. Das Ereignis ist in der Tat von einiger volkswirtschaftlichen Bedeutung. Ehe man so weit kam, mußten schwerwiegende konfessionelle Bedenken überwunden werden, da es nach den orthodoxen Gesetzesbestimmungen den Juden verboten ist, Fleisch von Tieren zu genießen, die vor mehr als sechs Tagen der Schlachtung zugeführt worden sind. Dementsprechend hatte sich die Londoner orthodoxe Kultusbehörde hartnäckig geweigert, selbst solches ausländisches Fleisch, an dem im Ursprungslande alle rituellen Formalitäten vollzogen waren, zum Genüsse für die Gemeindemitglieder zuzulassen. Um hierin einen Wandel herbeizuführen, wandte sich die Firma Barnett u. Comp, an den orthodoxen Gemeindeausschuß zur sanitären Ueberwachung der rituellen Schlachtungen, dessen Vorsitzender Sir Samuel Montagu ist, und dem Einflüsse dieser Körperschaft gelang es, von der Kultusbehörde die Ermächtigung zum Verkauf und Genuß australischer Fleischkonserven zu erwirken, wobei natürlich die Bedingung gestellt wurde, daß die Schlachtung der Tiere und die Verpackung des Fleisches unter entsprechender Aufsicht der orthodoxen Behörden Australiens geschieht und daß die Konservenbüchsen . zur Sicherheit .die,. .Siegel, jjiesej, .Behörden tragen^ Schon in diesem Monat wird nun die erste Schiffsladung solchen Fleisches erwartet, und die Minister sollen, wie gesagt, an der ersten festlichen Kostprobe teilnehmen. Ludwig Fulda, der bekannte Dichter, ist auf Antrag des Kultusministers Briand mit dem Orden der Ehrenlegion ausgezeichnet worden. Diese Auszeichnung ist erfolgt, weil Fulda durch seine Uebersetznngskunst viel zur Verbreitung und zum Verständnis der Moliereschen Dichtungen in Deutschland beigetragen hat. Salomon Rehmen, der hervorragende-Ge'ehrte und Vizepräsident der „Ica~,. ist zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften und der schönen Künste in Paris gewählt worden. Reinach, der Direktor des Museums von St. Germain ist, übersetzte Schopenhauer und St. Augustin ins Französische und veröffentlichte ein Handbuch der klassischen Philosophie, sowie mehrere Abhandinngen. GSMSiN[>e=üNo VSRCLNSNMftRiCWW . Wien. Freitag, den 17. Mai, findet um 7 Uhr abends im Uhiversitätsgebäude (Saal 33 der juridischen Fakultät) eine von der »Lese- und Redehalle jüd. Hochschüler« veranstaltete Vorlesung eigener Dichtungen des Schriftstellers Rudolf Hawel statt. Gäste herzlich willkommen! Israelitische Taubstummenanstalt in Weißensee bei Berlin. Berlin. Der seit drei Jahrzehnten bestehende Verein »Freunde der Taubstummen, Jedide Ilmin« veröffentlicht seinen 23. Jahresbericht über das Verwaltungsjahr 1906. Die Zahl der Zöglinge betrug 48 (25 Knaben und 23 Mädchen). Die Zöglinge werden in 8 aufsteigenden Abteilungen in 6 gesonderten Klassen nach einem vom Provinzial-Schulkollegium genehmigten Lehrplan, von dem Direktor, 4 Lehrern, 2 Lehrerinnen, und 1 Erzieherin unterrichtet; nicht nur in den üblichen Unterrichtsfächern, sondern auch im Handfertigkeitsunterricht. Es unterrichten gegenwärtig 2 Handwerksmeister (1 Buchbinder und 1 Holzbildhauer) die Knaben, während die Mädchen auf Anregung der Plaut-Stiftung, neben den vorgeschriebenen weiblichen Handarbeiten auch in der Schneiderei von einer Dame unterwiesen werden.