Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1907-05-17 · Heft 23 (17.5.1907) · p. Seite 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 23 (17.5.1907)
Date
1907-05-17
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2425679-2425680-2425691--0146-2426407
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 8 »Neue - National-Zeitung« Nr. 23 Der Beizer Wunderrahbi — ein Bundesgenosse der Allpolen. Lemberg. Wenn Galizien als Halbasien bezeichnet wird, dann kann man mit vollem Rechte von der Gegend Zölkiew, Eawa rnska und Beiz behaupten, daß sie Großasien bilden. Schon die Tatsache, daß sich die dortigen Juden von einem fanatischen Wunderrabbi leiten und verfuhren lassen, in ihrem rein jüdischen Wahlbezirk (67 % der Gesamtbevölkerung) einen Polen vom Schlage Starzynskis zu unterstützen, bestätigt diese Wahrnehmung. Von allen möglichen Landflecken Galiziens verlangt man jüdisch-nationale Kandidaten; von Dörfern und Städten, aus allen Ecken und Enden Galiziens, wo sich nur jüdische Stimmen befinden, wird das Verlangen nach einem jüdischen Kandidaten lauter und lauter. Aber in der Gegend, wo die Beizer Dynastie herrscht — ist eisige Ruhe! Der „Zadik" (Wunderrabbi) ist mit Starzynski vollauf zufrieden. Mit der Zusicherung, daß die alten baufälligen Häuser in Beiz unberührt und unversehrt bleiben und daß die Sanitätsvorschriften für Beiz und Umgebung suspendiert werden, — hat sich der Bezirkshauptmann von Sokal die Salbung des klerikalallpolnisch-antisemitischen Professors Starzynski zum jüdischen Vertreter von Galizisch-Großasien beim Zadik zu erkaufen gewaßt. „Mit dem Hebens Kojech" (durch die Macht des Rabbi — Uebersetz, d. Red.) wird Herr von Starzynski Vertreter eines jüdischen Bezirkes im Parlamente. So geht der jüdische Fanatismus mit dem christlichen Klerikalismus Hand in Hand. Aber es finden sich doch einige „zudringliche und revolutionäre" Juden, wie sie der Bezirkspascha von Sokal nennt. Diese verlangen durchaus einen Juden und nur einen unabhängigen, freien, national gesinnten jüdischen Kandidaten. Und sie haben den Mut gegen den Willen des Hauptes der Beizer Dyriastie' aufzutreten und zu agitieren. Aber „agitieren" heißt nach Auffassung des Regierungskommissärs in Beiz: Revolution machen. Und er muß Beiz mit dem Palais des Rabbi vor Barrikaden schützen! Kommt Naftali Kleinmann mit unschuldigen jüdischen Plakaten, so wird er sofort als „staatsgefährlicher Bombenschleuderer" verhaftet und nach Sokal in die Bezirkshauptmannschaft transportiert. Dort stellt sich zufällig heraus, daß er ein ruhiger und solider Bürger sei. Bald wird das Haus von Mendel Eimerle in Sokal umzingelt und einer gründlichen Revision unterzogen. Man beschuldigt ihn, er habe die Kühnheit, mit dem Kandidaten der „Rada narodowa" unzufrieden zu sein! Man sucht revolutionäre Schriften, geheime Druckereien, Bombentabriken etc. und man findet auch dort nur jüdische Plakate, daß Starzynski kein Jude sei. Das ist schon unverzeihlich! Der Bezirkspascha bemüht sich, aus Starzynski einen Juden, wenigstens einen Judenfreund zu machen — für die kurze Wahlzeit natürlich — und da kommen derartige Juden und pfuschen ihm ins Handwerk! Diese Woche kam nach Beiz ein Gutspächter, namens Hüttner, ein intelligenter Herr, der in der ganzen Gegend bekannt und beliebt ist. Auch er war unvorsichtig genug, zu erklären, daß es einen Verrat an seinem Volke bedeute, die jüdischen Stimmen für einen Starzynski abzugeben; er hatte die „Stirne", zu verlangen, daß man in diesem rein jüdischen Wahlbezirke einen Juden wähle. Der Frevler wurde aber gleich unter dem Verdachte Unruhen zu stiften und eine Revolution in Großasien zu arrangieren, arretiert! Bezirkspaschas von Galizien! Nimmt euch euren Kollegen von Sokal zum Muster, verbindet euch gleich ihm mit dem „Zadik" von Beiz und mit dessen Hilfe werdet ihr alle durchsetzen können, die Starzynskis und Bobrzynskis, Abrahamowiczs und Moysas — überall und besonders dort, wo Juden wohnen! Und wenn jemand „agitiert", dann sperret ihn ein, wenn jemand Papierbomben in Plakatform schleudert, er wandere ins Kriminal. Im Parlament wird darüber geklagt werden? Der Polenklub wird „an der Hand der Tatsachen" da& Gegenteil zu berichten wissen — und ihr werdet avancieren und avancieren! s—. Oesterreich-Ungarn* Ein jüdischer Diplomat. Wien. Wir lesen in deutschen Blättern, daß der Sohn des soeben baronisierten Freiherrn Maximilian Benedikt von Goldschmidt-Rothschild in Frankfurt a. M.j der bisherige Referendar A. D. Albert, vom deutschen Reichskanzler als Attache in den diplomatischen Dienst übernommen und der deutschen Botschaft in Rom zur Dienstleistung zugewiesen wurde. In den deutschen Landen, wo bisher selbst das goldene Porte-Epee für einen jüdischen Einjährig-Freiwilligen unerreichbar war, ist diese Nachricht auffällig. Allerdings hat es bereits in der Aera Bismarck einen jüdischen Legationsrat Kahn gegeben, aber dieser ist schon längst pensioniert. Seitdem hat die deutsche Diplomatie noch nicht das Bedürfnis empfanden, für jüdischen Nachwuchs zu sorgen. Nun, da dem freiherrlichen Almanach eine neue judische Familie einverleibt wird, ergreift der Reichskanzler die Gelegenheit,, um seine Vorurteilslosigkeit zu beweisen. Es ist wirklich schön von ihm, daß er dem Sohne eines jüdischen Millionärs gestattet, mit seinem Taschengeld den Glanz -des deutschen Namens 4m -Auslande bei Hofbällen und Diners zu vermehren; die Soldaten aber, die im Inlande die besten Jahre ihres Lebens für den Staat roboten,, müssen zufrieden sein, wenn sie es bis zum Unteroffizier gebracht haben. Es muß ja doch einen Unterschied geben zwischen einem Baron Rothschild und einem gewöhnlichen Juden..... Der junge Attache ist ein Nefie des Palästina-Kolonisators Baron Edmund Rothschild. Wir, in Oesterreich, haben zwar jüdische Offiziere,, aber keine jüdischen Diplomaten, nicht einmal einen. — Attache! Seitdem der ehemalige Privatsekretär des Grafen Andrässy, Hofrat von D o c z i, der übrigens auch schon aus dem Staatsdienste ausgetreten ist, sich getauft hat, gibt es im Ministerium des Aeußeren keinen, einzigen jüdischen Beamten. Nur in der Preßabteilung dieses Ministeriums finden sich einige Juden, getaufte und ungetaufte, als „Hilfsbeamte" d. h. mit Privatvertrag und Taggeld. Wenn man den Juden braucht,, so bezahlt man ihn. Es könnten aber die diplomatischen Beziehungen zwischen dem katholischen Oesterreich und dem päpstlichen Vatican gespannt werden, wenn das Ministerium des Aeußeren auch einen jüdischen Beamten aufzuweisen hätte..... Jaroslav Vrchlieky für Morris Rosenfeld. Prag. Der Verein jüdischer Hochschüler „Bar- Kochba" veranstaltete zugunsten Morris Rosenfelds am 27. April im Prunksaale des „Hotel Zentral" einen. Vortragsabend. Von begeistertem Beifall begrüßt, trat Professor Jaroslav Vrchlieky, der größte czechische Dichter und bekannte Uebersetzer Rosenfelds an den Vortragstisch, um für den Halberblindeten einen Vortrag zu halten. Ein Gedicht (bäsnik slepec — der blinde Dichter), welches Vrchlieky dem Ghetto-Dichter gewidmet und bisher noch nicht veröffentlicht hatte, riß das zahl- - reich erschienene Publikum, ohne Unterschied des¬ Glaubens, zu außerordentlich lebhaftem Beifalle hin. Die.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.