Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 23 (17.5.1907)
- Date
- 1907-05-17
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 »Neue National-Zeitung« Seite 7 „arbeiten" jetzt die Bezirkspaschas, aus Angst vor dem blauen Bogen, der in Galizien die Stelle der seidenen Schnur vertritt. So hätte also das allgemeine "Wahlrecht an dem bisherigen eigenartigen Charakter der galizischen Wahlen nichts geändert. Die Führer der polnischen Nation, die sich um den Statthalter und den Polenklub gruppieren, arbeiten immer mehr daran, den Namen ihres Volkes vor dem freiheitlichen Europa mit Schimpf und Schande zu bedecken. Wir wollen aus unserem zahlreichen Material hier bloß einige Proben der jüngsten Gewaltakte dieser Bezirkshauptleute der Oeffentlichkeit übergeben. Nach den Wahlen werden wir mit diesen Herren noch energischer sprechen: Eine arme Witwe delogiert. Aus Tlumacz, dem Wahlbezirke des Dr. Nathan Birnbaum, erhalten wir vorstehendes Schreiben, das wir ohne jede stilistische Korrektur reproduzieren: Sehr geehrte Kedaktion! Ich erlaube mir ergebenst mitzuteilen von meinem Unglücke, das mich eben — unter vielen anderen — durch die unglücklichen galizischen Wahlen leider zum Ofer derselben das Schicksal auserkoren hat, und flehe Sie ergebenst an, für mich ehestens an der kompetenten Stelle zu intervenieren und mir raschestens Hilfe und Schutz beizubringen. Ich bin nämlich Witwe seit dem Jahre 1896, mit zwei minderjährigen Söhnen und habe von meinem g. s. Manne namens Jakob Streit ein Haus und an dasselbe angrenzende Krambude geerbt, von welchen Einkünften ich als krauke Frau, nach Abzahlung der schweren Steuern, die auf mir bürden, mich mit meinen zwei Söhnen kümmerlich erhalte. Den polnischen Schlachzizen schmeckte es aber nicht, daß ich als arme jüdische Witwe mein Auskommen kaum mit schwerer Mühe aulbringe, und schickten mir am 25. Mai 1906 während meiner Abwesenheit eine unqualifizierte und unfachmäßige Kommission, bestehend aus dem Vizebürgermeister Buczinski, ein Bauer, dem Polizeiinspektor Mitnik, ein ehemaliger Gendarm und ein Maurer Roczkowski, und trotz allem erklärten dieselben in Gegenwart meines Sohnes Schaje Streit und meines Mieters Kersch Abend, daß die Bude noch nicht einmal nach vielen Jahren baufällig werde und auch späterhin, als ich mich zum Bürgermeister Howorka begab, v e rs p r a c h er mir dieselbe ni-clit als baufällig zu erklären. Und jetzt während des heißen Kampfes der Wahlen erhielt ich am 6. Mai 1. J. einen Bescheid vom Gemeindeamte zugestellt, daß meine Bude, bestehend aus einem Sodawasserverschleiß und einem Kram, wovon sich zwei jüdische Familien mit je 8 Kindern kaum erhalten, — damals im Mai 1906 als baufällig erklärt wurde und ich dieselbe binnen 3 Tagen, das heißt von 6. bis 9. Mai räumen lasse. Als ich mich jetzt auch zum Bürgermeister Dr. Antoni Howorka begab und ihn an sein Versprechen vom vorigen Jahre erinnerte, da gab er mir zur Antwort: „Ja, voriges Jahr war ich Ihnen gut, jetzt nicht mehr, weil Ihre Söhne für den jüdischnationalen Kandidaten agitieren." Als ich ihn aufmerksam machte, daß weder ich, noch meine minderjährigen Söhne ein Stimmrecht haben, da antwortete er: „Ihre Söhne machen mehr Krawall, trotzdem daß sie keine Stimme haben als solche, die stimmberechtigt sind, und eben dadurch mußichdieBu deabsolut räumen." Uud es half nichts, ich habe sofort einen begründenden Rekurs eingebracht mit dem Ersuchen, die Räumung bis zur Untersuchung durch eine Fachkommission aufzuhalten, und auch das half nicht. Am 9. Mai um 6 Uhr abends wurden die Buden durch Polizei und Gendarmerie mit aufgepflanztem Bajonett trotz dem großen Zettergeschrei der zwei armen Familien mit ihren 16 Kindern pogromartig geräumt, versiegelt und gesperrt. Ich stehe jetzt als arme kranke Witwe rat- und hilflos da und flehe die geehrte Redaktion an um Rettung und Schutz für mich und meine zwei Waisen. Für Ihre freundliche Mühe Ihnen im voraus herzlichst dankend, zeichnet mit vielen blutigen Tränen ergebenst und hochachtungsvoll Ziwie Streit TInmacz, Galizien. Das Versammlungsrecht suspendiert! Herr Dr. David N a g 1 e r, Advokat in Z b o r r> w, schreibt uns: Sehr geehrte Redaktion! Ich erlaube mir hiemit folgenden klassischen Fall der Wahlfreiheit in Galizien bekannt zu geben: Am 6. Mai 1. J. wurde in Zboröw von A. H. Pauker eine jüdische Wählerversammlung durch folgende Kundmachung einberufen: Eine allgemeine Wählerversammlung wird Donnerstag, den 9. Mai d. J.. um halb 7 Uhr abends, im großen Beth Hamidrasch stattfinden, in der A. H. Pauker über die nächsten Wahlen zum Parlamente und die Pflichten der jüdischen Wähler sprechen wird. Für das jüdische Wahlkomitee A. H. Pauker m. p. Am 9. Mai 1. J. (röm.-kath. Feiertag) um halb 5 Uhr nachmittags erhielt Herr A. H. Pauker folgende Resolution: Zboröw, 9. 5. 1907. Abschrift Z. 1166/B. Wegen Abhaltung einer politischen Versammlung in der Synagoge. Au den Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Z b o r 6 w. Die hiesige Bezirkshauptmannschaft hat in Erfahrung gebracht, daß A. H. Pauker einen Vortrag politischen Inhaltes im hiesigen Beth Hamidrasch für den 9. Mai 1907 angekündigt hat. Auf die Beschwerde einiger Bekenner (?> der mosaischen Religion verbiete ich die Abhaltung dieser Versammlung in der Synagoge, wie auch jeder anderen Rede politischen Inhaltes unci das aus diesem Grunde, da die Synagoge als Betstätte für keine politischen Reden, die mit der Religion in keinem Zusammenhange stehen, bestimmt ist. Das Zuwiderhandeln gegen dieses Verbot wird im Sinne der Min.-Ver. vom 30./U. 1857 Nr. 198 mit 200 K, eventuell litägigem Arreste, bestraft werden. Herrn A. H. Pauker in Zboröw zu seiner Kenntnis und Richtschnur. Der Leiter der Bezirkshauptmannschaft: Stanislawski m. p. Anmerkung der Redaktion. Dieser Herr Stanislawski, Oberkommissär und Leiter der Bezirkshauptmannschaft Zhoröw, ist beim berüchtigten Bezirkshanptmann Röder von Zloezöw, einem der ärgsten Wahlerpresser Galiziens in die Schule gegangen. Wiewohl das Mandat des jüdischallpolnischen Mameluken Dr. Gold von keiner Seite ernstli' h gefährdet ist," läßt man den wenigen jüdisch-oppositionellen Wähler.■ nicht einmal das Recht, sich öffentlich auszusprechen. Den „jüdischen ' Kandidaten des Polenklubs ist es überall gestattet, in den ^ynagog n politische Reden zu halten, die mit der Religion in keinem Znsammenhange stehen, den oppositionellen Kandidaten und Wählern ist dies verboten. Das ist die Versammlungsfreiheit des Grafen Potocki. Und solche Leute sind in Oesterreich Statthalter . . .