Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 23 (17.5.1907)
- Date
- 1907-05-17
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 «Neue National-Zettung:« Nr. 23 3. Meine Affäre mit dem Direktor des Mommsengymnasiums. Sämtliche drei Fälle wurden von Herrn Syndikus Lilienthal teils entstellt, teils geradezu den wahren Tatsachen zuwiderlaufend dargestellt. Ich habe in bezug auf die Darstellung des Herrn Syndikus Lilienthal folgende Erklärungen abgegeben; 1. Ich habe am Falkrealgymnasium nicht angeblich zum Mißfallen des Direktors die jüdischen Schüler gegen die christlichen Schüler aufgehetzt, sondern ich habe gegen den in beteiligten Kreisen allgemein bekannten Antisemitismus am Falkrealgymnasium energisch und mit Erfolg Front gemacht. 2. Ich habe nicht in öffentlicher Versammlung für den Zionismus agitiert, sondern ebenso wie vor drei Jahren mein Kollege Dr. Eschelbacher in einer ernsten und würdigen Gedenkfeier, Theodor Herzl, den von aller Welt anerkannten jüdischen Politiker, als Menschen und Dichter gefeiert. 3. Unter den unzähligen Entstellungen und falschen Tatsachen des dritten Falles ist vor allem von Herrn Jacoby der von ihm nach meinem Berichte gebrauchte Ausspruch geleugnet worden: »Sie sind bei uns in Lohn und Brot, Sie haben unsere Anschauungen zu vertreten.« Ich erklärte hiermit vor aller Oeffentlichkeit und mit dem Hinweis auf die Makellosigkeit meiner Vergangenheit, und im vollen Bewußtsein der Verantwortlichkeit, die ich auf mich lade: Herr Julius Jacoby hat durch den Mund des Herrn Syndikus Lilienthal am Sonntag, den 5. Mai 1907, im Sitzungssaale der Repräsentanz die Unwahrheit gesagt. Ich werde auf sämtliche, mir zum Vorwurf gemachten Fälle eingehend zurückkommen.« Der Fall ist also noch lange nicht erledigt. Iseli-Jelmäi. WAHLBEWEGUNG. Der erste Wahltag. Sieg der Antisemiten. Die Würfel sind gefallen, die erste Waklschlacht auf Grund des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes ist geschlagen. Trotzdem noch in einer großen Anzahl von Wahlbezirken Stichwahlen stattfinden und in den meisten Bezirken Galiziens sowie in Dalinatien erst am 17. gewählt wird, lassen sich doch jetzt bereits gewiße unumstößliche Tatsachen feststellen. In erster Linie muß das siegreiche Fortschreiten der christlichsozialen Antisemiten in allen Kronländern Oesterreichs konstatiert werden, daß in der Zahl von bereits 58 gewählten Vertretern des Antisemitismus zum Ausdruck kommt. Davon entfallen auf Wien allein 18 Mandate. Alle bedeutenden antisemitischen Wortführer Dr. L u e g e r, Prinz Liechtenstein, Dr. Weißkirchner, Dr. Pattai — selbst Bielohlawek. der Repräsentant des rohesten Schimpf-Antisemitismus, wurden wieder gewählt. Lueger wurde sogar in zwei Bezirken gewählt: Im Rathausviertel der inneren Stadt Wien und im Villenviertel Hietzing. Der berüchtigte Ritualmord - Schneider kommt in die Stichwahl mit einem Sozialdemokraten. In den Provinzen haben die Antisemiten große Siege errungen. In Tirol und Vorarlberg, ja selbst in Görz wurden Antisemiten Luegerscher Kouleur gewählt. Die hervorragendsten Führer der „Deutschen Volkspartei % die selbst antisemitisch schillert, wie Eisenbahnminister Dr. v. Der sc hat ta, Ho ff mann von Wellenhof, Dr. Kindemiann kommen mit christlichsozialen Antisemiten in die Stichwahl. Selbst in der jüdischen Hochburg Mährens in N i k o 1 s b u r g kommt der deutsch-freisinnige Kandidat — (ein getaufter Jude) mit einem Antisemiten in die Stichwahl; ebenso muß sich im Zentrum der jüdischen Tuchfabrikanten, Bielitz, der liberale Günth er gegen den Wiener Antisemiten Axmann einer engeren Wahl unterziehen. Besonders charakteristisch ist andererseits die vollständige Niederlage der Rassenantisemiten Schönerianischer Richtung: Schönerer ist samt allen seinen Knappen unterlegen; bloß sein Anhänger, Tierarzt Türk in Schlesien, der aber dem letzten Parlamente nicht angehörte, kommt in die Stichwahl. Allerdings ist es den Freialldeutschen, welche fast dasselbe Programm wie die Schönererpartei vertreten, gelungen, einzelne Mandate zu erobern, aber ihr Führer K. H. Wolf kommt mit einem Deutschliberalen in die engere Wahl. Auch die tschechischen Antisemiten haben einige Wahlsiege zu verzeichnen. Dagegen ist Herr Brezn o w s k y, die deutsche Ausgabe des Herrn Schneider, als selbständiger Kandidat schmählich unterlegen Dr. Baxa, der den Schandprozeß gegen Hülsner als Privatvertreter geführt hat, kommt in Prag mit einem Sozialdemokraten in die Stichwahl. Die jüdischen Abgeordneten. Von den jüdischen Reichsratskandidaten erscheinen bis jetzt lediglich zwei gewählt: 1. Camillo Kuranda, k. k. Ministerialrat (deutschliberal), gewählt vom Kaiviertel des 1. Bezirkes Wien; 2. Dr. Benno Straucher, Landesausschuß in Czernowitz (jüdischnational), gewählt von Czernowitz-Ost. Im übrigen kommen weitere zwei jüdische Kandidaten in die Stichwahl, und zwar in der Leopoldstadt (Wien) Dr. Ofner (Sozialpolitiker) gegen den Antisemiten; in Czernowitz-West der Jüdischnationale Dr. Wender mit dem Sozialdemokraten. In der Leopoldstadt sind sowohl Dr. Kohn (deutschliberal) mit 1285 Stimmen, als auch der Jüdischnationale Dr. Schalit mit 529 Stimmen im ersten Wahlgauge unterlegen. Dr. Ofner erhielt 2360, hingegen der Antisemit 3244 Stimmen. Diese Stichwahlen finden am 23. d. M. statt. Der erste Wahltag in (xalizien. Am 14. d. M. haben auch in 18 Landgemeinden Galiziens die Reichsrats wählen stattgefunden. In vier Bezirken hat die jüdischnationale Partei ihre Kandidaten aufgestellt, denen allerdings bei einer Anzahl von je 30.000 bis 40.000 Wählern kaum die Rolle von Zählkandidaten zufallen konnte. Der jüdischnationale „Wschöd" macht daraus kein Hehl und meint: „Der Sieg eines dieser Kandidaten grenzt an Unmöglichkeit. Die Verhältnisse der Bevölkerung sind derartige, daß ein jüdischer Kandidat nur der unerwarteten Wendung der Dinge einen Erfolg zu verdanken hätte". Dieser unerwartete Erfolg ist eingetreten. Docent Dr Arthur Mahler, der jüdischnationale Kandidat für den Landbezirk Trembowla- Czortköw, kommt mit dem Allpolen um das zweite Mandat — das eine Mandat hat der Nationalruthe ne im ersten Wahlgange erobert — in die Stichwahl. Ueber 30.000 Wähler, darunter 20.000 Ruthenen, werden neuerlich zur Urne schreiten, um zwischen einem Allpolen und einem Nationaljuden zu entscheiden. Wir hoffen und erwarten, daß die wohldisziplinierten ruthenischen Wählertruppen nur für den Repräsentanten des jüdischen Volkes und nicht für den Kandidaten der allpolnischen Ruthenenfeinde stimmen werden. * * * „Oalizische Wahlen." Wien. Die Vergewaltigungen und Erpressungen der jüdischen Wähler seitens der Bezirkshauptleute werden immer brutaler und schändlicher. Graf Potocki, der galizische Statthalter, hat es sich in den Kopf gesetzt, daß in Galizien kein einziger nationaler Jude gewählt weiden dürfe und im Sinne seiner Intentionen