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Neue Nationalzeitung · 1907-05-17 · Heft 23 (17.5.1907) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 23 (17.5.1907)
Date
1907-05-17
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 23 »Neue National-Zeitung< Seite 5 Berliner Brief. Berlin, Mitte Mai. Man kann, glaube ich, einen Berliner Brief für ein Wiener Blatt nicht besser anfangen, als mit einem Vergleich zwischen Wien und Berlin, das heißt zwischen der Wiener Kultusgemeinde und der Berliner jüdischen Repräsentanz. Die Vorstände der jüdischen Gemeinden in beiden Residenzstädten waren in jüngster Zeit vom Glück begünstigt, in ihre Protokolle wichtige „Fälle" registrieren zu können. Wien hatte unlängst einen „Fall David", Berlin beschäftigt gegenwärtig ein ,.Fall Cohn". Tout comme chez nous — kann diesmal der Wiener Gemeindevorstand nicht sagen. In Berlin war es doch ein wenig anders. Im Wiener „Fall" ist nämlich der Rabbiner auf den Kopf gefallen, indem er von der Kanzel herab eine kleine Hetzrede gegen einen Teil der österreichischen Judenheit — gegen die galizischen Juden — vom Stappel ließ. Aber der Wiener Vorstand ist „tolerant", dieser Fall hat dort dem edlen Seelsorger nicht im geringsten geschadet. In Berlin dagegen ist der Vorstand „reingefallen", und Rabbiner Dr. Emil Cohn mußte fliegen. Der gestrenge Herr von einem Charlottenburger Gymnasialdirektor hat es bekundet, daß Dr. Emil Cohn eigentlich nicht recht wisse, wie man Berliner jüdischen Kindern die jüdische Religion beizubringen habe. Und was ein christlicher Gymnasialdirektor spricht, das muß selbstverständlich ein jüdischer Gemeindevorstand respektieren. Denn was tut man nicht — lemaan hascholaum, um das gute Einvernehmen zwischen Juden und Christen aufrecht zu erhalten. In der Tat hat der christliche Gymnasialdirektor ein Verständnis für die jüdische Religion an den Tag gelegt, um das ihn mancher jüdische Seelsorger oder Rabbiner mit Recht beneiden dürfte. Rabbi Ben-Akiba hat nicht immer recht. So kann es vorkommen, daß ein christlicher Gymnasialprofessor das Wesen der jüdischen Religion besser erfaßt, als ein geschulter jüdischer Theologe. Es ist für die jüdischen Theologen zwar beschämend, aber es ist nun einmal so. Der Fall Cohn hat es zur Evidenz bewiesen. Bis vor kurzem noch waren wir der irrigen Meinung, jüdische Religion sei Mosaismus, die Lehre Mosis. So dachte auch der alte Mendelssohn, der kein Zionist war. Aber ein Gymnasialdirektor ist selbst einem Mendelssohn über. Also bis vor kurzem hatten wir, durch Moses Mendelssohn irregeleitet, die grundfalsche Auffassung, der jüdische Religionsunterricht habe die Aufgabe, den jüdischen Kindern von den jüdischen Sitten und Gebräuchen, von den jüdischen Fest- und Feiertagen, vom Zehngebot, vom Auszug der Israeliten aus Egypten etc. zu erzählen. Nun wissen wir es: der jüdische Religionsunterricht soll lediglich dazu dienen, in die Herzen der jüdischen Kinder deutschnationale Gefühle zu verpflanzen. Syndikus Lilienthal erklärte auf der letzten Repräsentantensitzung, Schiller und Goethe seien international, womit er eigentlich sagen wollte: „Wenn uns auch Dr. Cohn versichert, er werde Schiller und Goethe aus seinem Heizen nicht ausstreichen, so beweise das für seine deutschnationale Gesinnung nichts. Denn Schiller und Goethe seien international; es lassen sich aus ihren Werken keine deutschnationalen Gefühle holen". Aber aus der Lehre Mosis läßt sichs, so meint der Gymnasialdirektor, und er wird's wissen. 0 weiser Lehrer Moses, wie treue ich mich, daß man aus deinen fünf dünnen Bändchen mehr deutschnationale Gesinnung schöpfen kann, als aus den sechzig Bänden Goethes! Aus dem Sündenregister Cohns hat man auf der letzten Repräsentantensitzung u. a. hervorgehoben, daß er sich gerühmt habe, ein Angehöriger des ..auserwählten Volkes" zu sein. Die Herren im Gemeindevorstand scheinen am Sonntag im Gemeindezimmer das zu vergessen, was sie am Sonnabend im Tempel gehört haben. Das Wort vom „auserwählten Volke" ist der ewige Refrain in den Predigten der jüdischen Kanzelredner in Deutschland. Diesen Gedanken hat das liberale Judentum, das ,.Missionsjudentum", adoptiert. Das Nationaljudentum kennt ihn nicht. Es verspürt auch keine Lust, der Lehrmeister der Völker zu werden. Ist es nicht im Gegenteil unser Los, von allen Seiten „Lehren" zu empfangen? Muß nicht selbst ein jüdischer Rabbiner sich über jüdische Religion von einem christlichen Gymnasialprofessor belehren lassen? Ich lasse hier einen kurzen Bericht über die letzte Repräsentantensitzung vom 5. Mai folgen. Die Repräsentanten Geheimrat Professor Senator und Justizrat Dr. Veit Simon interpellierten den Vorstand über die Gründe der außergewöhnlichen, aufsehenerregenden Maßnahme.Namens des Gemeindevorstaudes gab Syndikus Dr. Lilientha 1 die Erklärung ab, daß neben der Unterredung mit dem Rektor des Mommsengymnasiums, Dr. Przygoda, noch andere Gründe den Vorstand zur Amtsenthebung Dr. Cohns gezwungen hätten. Es waren dies sein Verhalten als Religionslehrer am Falkrealgymnasium, das das gute Einvernehmen zwischen den jüdischen Schülern und ihren christlichen Schulgenossen störte (?) und seine zionistische Agitation, die selbst vor der Schule nicht Halt machte. Die Unterredung mit Dr. Przygoda sei übrigens keineswegs rein privat gewesen, da Dr. Cohn den Rektor zu dem Zwecke aufgesucht hatte, sich in seiner Eigenschaft als Gemeinderabbiner um die Stelle eines Religionslehrers beim Mommsengymnasium zu bewerben. Besonders beanstandet wurde die von Dr. Cohn zugegebene Aeußerung: „Nach meiner Ueberzeuguug muß sich jeder Jude zunächst als Angehöriger des auserwählten Volkes Gottes und dann erst als Deutscher fühlen." In der vom Syndikus Dr. Lilienthal verlesenen Erklärung des Gemeiudevorstandes wird dazu bemerkt: „Wir kennen kein Rangverhältnis zwischen unserer Religion und unserem Vaterlande. Wir umfangen mit gleicher Liebe und Treue unser Judentum und unser deutsches Vaterland. Wir kämpfen mit aller Kraft dafür, daß man uns diese Empfiudung glaube, daß man an der Ehrlichkeit unserer vaterländischen Gesinnung nicht zweifle, wir kämpfen mit aller Macht gegen Vorurteile, die man in dieser Beziehung noch gegen uns hegt, und da kommt dieser Mann und führt sich als Prediger unserer Gemeinde ein, straft uns Lügen, bestreitet die Ehrlichkeit unserer Gesinnung und zieht alles in den Staub, wofür wir unser Leben eingesetzt haben. Wenn seine Anschauungen die aller Juden wären, dann wäre der Antisemitismus eine natürliche Reaktion dagegen." Die Repräsentanten Versammlung nahm die Mitteilung des Vorstandes ohne Debatte zur Kenntnis. Dagegen veröffentlicht Dr. Cohn eine Erklärung und beschuldigt den Gemeindevorsteher Julius Jacoby öffentlich der Unwahrheit. Diese Erklärung lautet: »Am Sonntag, den 5. Mai, hat die Repräsentanz der jüdischen Gemeinde zu Berlin die Angelegenheit meiner Suspension in öffentlicher Versammlung erörtert. Hierbei wurden von Herrn Syndikus Lilienthal als Grund meiner Amtssuspension zum erstenmale nicht allein die bekannte Affäre, sondern drei Fälle angeführt: 1. Mein Verhalten als Religionslehrer am Falkrealgymnasium vor meiner Anstellung als Prediger der jüdischen Gemeinde. 2. Meine zionistische Agitation bei Gelegenheit meiner Gedenkrede auf Theodor Herzl.

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