Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 23 (17.5.1907)
- Date
- 1907-05-17
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 »Neuö Nätional-Zeltuhg« Nr. 23 Dritter jüdischer turntag! Frühling — rings grünt und knospt es in der Natur: das Wunder der Wiedergeburt des Jahres vollzieht sich. Und auch im jüdischen Volksfrühling, in der Renaissancebewegung des Judentums beginnt es sich zu regen . . . Diesmal gilt es der k ö r p e r 1 i c h e n Regeneration der Juden, der Entlastung unseres Volkes von dem Drucke jahrhundertelanger Unfreiheit, der Wiederaufrichtung unseres Selbstbewußtseins, der Hebung des Vertrauens in die eigene Kraft. Von Süd und Nord, von den Kulturzentren des Westens, wie von den Halbghettis des Ostens, von überallher kommen die Abgesandten der jüdischen Turnvereine nach Wien, freie, stolze Juden, um vereint an der Verjüngung unseres Volkes zu wirken. Jugend und Kraft. Mut und zielbewußter Wille, Arbeitsfreudigkeit und unerschütterliche Zuversicht in den endlichen Erfolg, das sind die Werkzeuge, die sie zu diesem Werke mitbringen, das sind auch die Quellen des Gelingens! Seid gegrüßt ihr Wackeren, die ihr eure Kraft in den Dienst eures Volkes gestellt habt, die ihr Mühe und Arbeit, Kampf und Sorgen nicht scheut um der erhabenen Sache willen! Seid gegrüßt, die ihr treu der Fahne folget, die euch eure Führer mutig vorantragen, gegrüßt ihr tüchtigen Turner, die ihr gekommen seid, um unser Fest zu verschönern, um Zeugnis abzulegen von der Arbeit, die bis jetzt geleistet worden ist, gegrüßt auch ihr. die ihr, obwohl ferne von uns, doch in der Stunde unseres Triumphes, der auch der eure ist, im Geiste bei uns seid! Führer und Geführte, Delegierte und Turner, seid eingedenk der Wichtigkeit des Augenblickes, der Bedeutung der Sache, für die ihr euch einsetzt! Das jüdische Volk blickt vertrauensvoll auf euch! Denn ihr, jüdische Turner, seid seine Hoffnung und seine Zuversicht! Möge der dritte jüdische Turnertag, möge das erste jüdische Verbandsschauturnen im Zeichen des Gelingens stehen, mögen sie eine neue Etappe auf dem Wege zu dem Ziele bilden, dem wir alle zustreben. Arthur M. Felsenburg. Die jüdische turnbeiveaung. »Auf dem zweiten Kongresse der Zionisten in Basel wurde zum erstenmale vor aller Welt die Einseitigkeit der Pflege kultureller Bestrebungen gegeißelt und die Ausbildung des bisher arg vernachlässigten Körpers durch turnerische Betätigung energisch verlangt. Bald schritt man auch vom bloßen überlegenden Wollen zur kraftvollen, entschiedenen Tat. Die Gründung jüdischer Turnvereine wurde angeregt. Die Ausführung sollte nicht lange auf sich warten lassen.« So berichtet die erste Nummer der »Jüdischen Turnzeitung« in der Jahresübersicht des jüdischen Turnvereines »Bar Kochba« in Berlin über die Entstehung der jüdischen Turnvereine. Berlin und Wien gingen damit voran, allmählich folgten andere Städte nach. Im Jahre 1900 schuf sich der Berliner »Bar Kochba« sein eigenes publizistisches Organ, die »Jüdische Turnzeitung«, und damit war die Tribüne geschaffen, von welcher aus die weitere Entwicklung der jüdischen Turnsache mit Eifer betrieben wurde. Bald gelangten Vorschläge über eine engere Verbindung der bestehenden jüdischen Turnvereine durch die Turnzeitung in die Oeffentlichkeit und im März 1903 ging der Berliner »Bar Kochba« mit Zustimmung der anderen Vereine an die Schaffung des Verbandes der jüdischen Turnvereine, die »Jüdische Turnerschaft«. Im August 1903 erfolgte in Basel auf dem dahin einberufenen ersten j üdischen Turn tage die formelle Konstituierung des Verbandes der »Jüdischen Turnerschaft«. Als Leitsatz wurde im § 2 des Verbandsstatutes aufgestellt: »Die jüdische Turneischaft bezweckt die Pflege des Turnens als Mittel zur körperlichen Hebung des jüdischen Stammes im Sinne der nationaljüdischen Idee. Unter Nationaljudentum verstehen wir das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit aller Juden auf Grund gemeinsamer Abstammung und Geschichte sowie den Willen, die jüdische Stammesgemeinschaft auf dieser Grundlage zu erhalten.« Vom Turntage wurde ein Verbandsausschuß gewählt, der die Geschäfte der Turnerschaft zu führen und statutenmäßig dem nächsten Turntage Rechenschaft über seine Tätigkeit abzulegen hatte. Die Gründung der »Jüdischen Turnerschaft« regte wieder Neugründungen von jüdischen Turnvereinen an. Der Ausschuß trat mit den einzelnen Vereinen in Verbindung und bald war der Zusammenhang zwischen den einzelnen Vereinen hergestellt. Freilich war er zu Anfang wohl nur lose und wurde erst durch den zweiten jüdischen Turntag, der in Berlin im Jahre 1905 abgehalten wurde, inniger. Auf demselben wurde die Ausgestaltung der Organisation durch die Einsetzung der Obmannschaft, der Vereinigung der Vorsitzenden aller Vereine, und durch Schaffung eines den Verhältnissen angepaßten Verbandsstatutes wesentlich gefördert. Ende 1906 gehörten 20 jüdische Turnvereine der »Jüdischen Turnerschaft« an, während ungefähr ebensoviele außerhalb des Verbandes bestanden, darunter zahlreiche bulgarische Vereine, die einem Landesverbände angehören und deren Vereinigung mit der »Jüdischen Turneischaft« im Zuge ist. Im Jahre 1906 fand auch die erste Tagung der Obmannschaft in Prag statt, bei welcher unter anderem auch ein Normalstatut für jüdische Turnvereine ausgearbeitet wurde, das auch dem heurigen Turntage vorgelegt werden wird. Dieser wird sich in erster Linie mit Anträgen über Kreiseinteilungen und mit turntechnischen Fragen sowie mit der Organisation des jüdischen Turnwesens in G a 1 i z i e n zu befassen haben. Nach wie vor bildet die Führung der »Jüdischen Turnzeitung«, welche mit der Gründung der »Jüdischen Turnerschaft« in deren Eigentum überging, die Hauptaufgabe des Verbandes, dessen Ausschuß gegenwärtig in Berlin seinen Sitz hat. Vor dem diesjährigen dritten Turntage in Wien (19. bis 21. Mai) findet eine Obmann Schaftstagung statt, welche den Kontakt der einzelnen Vereine wesentlich fördern wird, ferner ein -Verban dss c ha utu rn en, zu welchem fast alle Verbandsvereine Teilnehmer angemeldet haben und das einen glänzenden Verlauf zu nehmen verspricht. Das Festprogramm des dritten jüdischen Tui-iitti^cs. Den auswärtigen Gästen wird von den Mitgliedern des I. Wiener Jüdischen Turnvereines am 19. d. M. ein interner Begrüßungsabend und am 20. im Anschlüsse an das Schauturnen ein öffentlicher Festkommers geboten. Ferner sollen eine Donaurundfahrt mit Separatdampfer, eine Rundfahrt durch Wien mittels Sonderwagen der Straßenbahn, Besichtigung der Sehenswürdigkeiten, Turnmärsche und Ausflüge in die Umgebung (unter anderem auf den Hochschneeberg mit Separatzug der Schrieebergbahn) u. s. w. zur Unterhaltung der Delegierten und Festgäste beitragen. Anläßlich des Turntages wird auch eine Verbandsvorturnerstunde stattfinden. Eine starke Beteiligung seitens der auswärtigen Vereine ist nach den bisherigen Anmeldungen bestimmt zu erwarten und die Vorbereitungen, die der I. Wiener Jüdische Turnverein zum Empfange seiner Gäste tiifft, sichern diesen Veranstaltungen volles Gelingen.