Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 23 (17.5.1907)
- Date
- 1907-05-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 »Neue Natlonal-Zeitung« Seite 3 Gemeinden Gnaden gewesen; aus ihnen sprach in Wahrheit der Geist Gottes, darum fürchteten sie sich nicht vor Königen und Fürsten, vor Vornehmen und Reichen und ebensowenig vor dem Pöbel und den übermächtigen Frauen. Nichts Menschliches war ihnen fremd. Ihre Lehrtätigkeit erstreckte sich auf alle Gebiete menschlichen Wissens und menschlicher Betätigung. Zu jeder Zeit und bei jeder Gelegenheit griffen sie ein, ohne Amt und ohne Stellung, aber auch ohne Bedürfnisse und ohne Ehr- und Ruhmsucht. Sie trotzten Hohen und Niedrigen, rissen den herrschenden falschen Lehrern, falschen Propheten und Priestern die Maske vom Gesicht, sich niemals scheuend, das Kind beim rechten Namen zu nennen, gleichviel ob es sich um Religion, Politik, Sittlichkeit, Staatsverwaltung u. s. w. handelte: „So spricht der Herr," ruft Jeremias (13, 13—18) aus: „Siehe, ich will alle, die in diesem Lande wohnen, die Könige, die auf den Thron Davids sitzen, die Priester und Propheten und alle Einwohner zu Jerusalem füllen, daß sie trunken werden sollen. Und will einen mit dem andern, die Väter samt den Kindern zerstreuen, spricht der Herr, und will weder schonen, noch übersehen, noch barmherzig sein über ihrem Verderben.--Sagt dem Könige und der Königin: „Setzt euch herunter, denn die Krone der Herrlichkeit ist euch von eurem Haupt gefallen." — Und ein andermal gegen die falschen Propheten (23, 0-39): „Mein Herz will in meinem Leibe brechen, alle meine Gebeine zittern, mir ist wie einem trunkenen Manne, wie einem der vom Wein taumelt, vor dem Herrn und seinem heiligen Worte.--Denn beide, Propheten und Priester sind Schalke — spricht der Herr. Darum ist ihr Weg wie ein glatter Weg im Finstern, darauf sie gleiten und fallen."--Bei den Propheten zu Jerusalem sehe ich Greuel, — sie gehen mit Lügen um und stärken die Boshaftigen, auf daß sich ja niemand bekehre von seiner Bosheit. — Darum spricht der Herr Zebaoth von den Propheten also: „Siehe, ich will sie mit Wermut speisen und mit Galle tränken, denn von den Propheten zu Jerusalem kommt Heuchelei ins ganze Land. So spricht der Herr Zebaoth: Höret nicht auf die Worte der Propheten. Sie betrügen euch; denn sie predigen ihres Herzens Gesichte und nicht aus des Herrn Mund.-- Denu wo sie bei meinem Rat blieben und hätten meine Worte meinem Volk gepredigt, so hätten sie dasselbe von ihrem bösen Wesen und von ihrem bösen Leben bekehrt . . . ." Und er, der Prophet Micha (3, 1 — 12): „Hört doch ihr Häupter im Hause Jakob und ihr Fürsten im Hause; Israel; ihr solltet es billig sein, die das Recht wüßten. Aber ihr hasset das Gute und liebt das Arge, ihr schindet ihnen die Haut ab und das Fleisch von ihren Beinen. Und fresset das Fleisch meines Volkes, und wenn ihr ihnen die Haut abgezogen habt, zerbrechet ihr ihnen auch die Beine und zerlegt es, wie in einen Topf und wie Fleisch in einen Kessel.--So spricht der Herr wider die Propheten, die mein Volk verführen: Sie predigen, es solle wohl gehen, wo man ihnen zu fressen gebe; wo man ihnen aber nichts in das Maul gibt, da predigen sie, es müsse ein Krieg kommen. Darum soll euer Gesicht zur Nacht und euer Wahrsagen zur Finsternis werden. Die Sonne soll über dem Propheten untergehen, und der Tag über ihnen finster werden. Und die Schauer sollen zu Schanden werden und die Wahrsager zu Spott und müssen ihren Mund alle verhüllen, weil da kein Gottes wort sein wird. Ich aber bin voll Kraft und Geistes des Herrn, voll Rechts und Stärke, daß ich Jakob, sein Uebertreten, und Israel seine Sünde anzeigen darf. — Ihre Häupter richten um Geschenke, ihre Priester lehren um Lohn und ihre Propheten prophezeien um Geld, sprechend: Ist nicht der Herr unter uns? Es kann kein Unglück über uns kommen. Darum wird Zion um euretwillen wie ein Feld zerpflügt und Jerusalem zum Steinhaufen und der Berg des Tempels zu einer wilden Höhe werden." Ich habe hier nur aufs Geratewohl aus den Propheten einige Stellen herausgegriffen, die die hohen Qualitäten dieser Männer, ihre Unerschrockenheit, ihre Berufung zur Volksbelehrung ins hellste Licht stellen. Du findest aber solcher Stellen unzählige. Solche Männer waren in der Tat geeignet, Wegweiser des Lebens zu Averden, ebenso aufzubauen als niederzureißen, ihrem Volke, ja der ganzen Menschheit, ein hohes und erhabenes, alle Zeiteu überdauerndes religiöses Ideal zu geben. Männer, die so heldenmütig mit trutziger Brust gegen den sündigen Strom zu schwimmen wagten, todesmutig gegen die schweren Verirrungen ihres Volkes kämpfend, mußten schließlich auch siegen und ihr Volk einer Regenerierung eutgegenführen. Werden uns dereinst wieder solche Helden der WTahrheit und des Lichtes erstehen? Dann, aber nur dann wird uns wieder Erlösung entgegenwinken; früher nicht! Ein Laie. Reichsduiuamitglied Dr. Mandelkern über Judentum und Sozialismus. Der in Sibirien als Sozialdemokrat zum Mitglied der Reichsduma gewählte jüdische Arzt Dr. Mandelberg in Irkut.sk ist bereits in Petersburg eingelangt, wo er vom Berichterstatter des hebräischen Tagblattes „H a s m a ir über seine Stellung zur Jadenfrage interviewt wurde. Die Ansichten, die Dr. Mande 1 berg über sein Verhältnis zu den jüdisch-nationalen Bestrebungen zum Ausdrucke brachte, sind schon deswegen außerordentlich originell und interessant, weil sie im krassen Widerspruch stehen zur ablehnenden Haltung der jüdischen Sozialdemokraten in Deutschland und in Oesterreich gegenüber ihrem eigenen Volkstum. Dr. Mandelberg erklärte: „Die Frage der jüdischen Gleichberechtigung war es, die mich in erster Linie dazu bewogen hatte, mich um ein Duma-Mandat zu bewerben. Auch in der Judenfrage werde ich als „Revolutionär" reden und handeln. Bei jeder Gelegenheit, die sich mir darbieten wird, werde ich die so oft totgeschwiegene Judenfrage aufrollen. Ich werde in Wort und Schrift für die jüdische Gleichberechtigung eintreten, und hätte gewiß, wenn ich bis heute an den Beratungen der Duma teilgenommen hätte, schon des öftern den Herren Machthabern in die Ohren geschrieen, wie sie uns entrechtet und geknechtet haben. Meine Partei wird ihre bis jetzt befolgte Taktik nolens volens ändern müssen. Ich werde die Sozialdemokraten zwingen, auch für jüdische Gleichberechtigung mit Energie und Ausdauer zu kämpfen. Die Juden sind ein Volk, weil sie sich als Volk fühlen und das Bedürfnis empfinden, ein eigenes Volksleben zu führen. Dieses Bedürfnis muß jetzt endlich befriedigt werden. Meine Kollegen, die gleich mir zur sozialdemokratischen Fahne geschworen haben, werde ich darauf aufmerksam machen, daß es nicht nur ein russisches, sondern auch ein jüdisches Proletariat gibt. Ich werde daher auch jene Bestrebungen, welche dahin gehen, sich derzeit lediglich auf die Aufhebung der Ausnahmsrechte zu beschränken, nicht unterstützen. Alle Forderungen, also auch die auf nationale Kultur und Autonomie, sind in meinen Augen gleichwichtig, und sie sind meines Erachtens für das jüdische Proletariat ebenso erreichbar, wie das sozialistische Gegenwartsprogramm für das russische Proletariat. Das russische Proletariat hat seine nationalen Rechte und seine Autonomie. Warum will man denn diese dem jüdischen Proletariate vorenthalten?" —