Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1907-05-17 · Heft 23 (17.5.1907) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 23 (17.5.1907)
Date
1907-05-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2425679-2425680-2425691--0140-2426401
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 »Neue National-Zeituhg« Nr. 23 lösen Juden, der Förderer der Ehereiorm, der Kampf bahn für die freie Schule und gegen den jüdischen Religionsunterricht, mit dem Antisemiten in die Stichwahl gelangt, die seinen sicheren Sieg bedeutet? Auch diese Erscheinung ist erklärlich. In Dr. Kohn sollte nicht seine Person, sondern der Kultus vorstand getroffen werden; der Wiener Kultusvorstand war «s, der am 14. Mai bei den Reichsrats wählen eine schwere Niederlage erlitten hat. So rächt sich jede Sünde g;egen die Freiheit. Mit einer chinesischen Mauer des privilegierten Wahlrechtes hat sich der Kultusvorstand von dem Volke abgeschlossen, und im Zeitalter des demokratischen Fortschrittes hat es den Millionären ein zweites Stimmrecht verliehen. An seiner Spitze steht ein Mann, der von krankhaftem Größenwahn besessen, mit seinen schwachen Schultern den Wellenschlag einer neuen Zeit aufhalten möchte und sich seine Ohren zustopft, um den Aufmarsch der Volksmassen nicht zu hören. Aber die Zeit, wo der Rosch-ha-kol herrschte und das Volk diente, sind vorbei; das hat Dr. Kohn am 14. Mai am eigenen Leibe verspürt. Der Kultusvorstand hat keine Autorität und der Mann, den die 36 Vorsteher zu ihren Vice-Präsidenten gewählt haben, imponiert den jüdischen Wählern gar nicht, denn sie sehen in ihm nicht ihren Repräsentanten, sondern den Führer einer privilegierten Gruppe. Wenn der „Auchjude" Dr. Ofner in die Stichwahl und demnach als Vertreter der Leopoldstadt ins Parlament gelangt, so hat er diesen Erfolg nur dem — Kultusvorstaude zu verdanken. Der antikontessionelle Assimilant mußte siegen, weil sich die konfessionellen Repräsentanten nur in den rituellen Fragen vertiefen und an den schweren Alltagssorgen des Lebens mit Geringschätzung vorbeigehen. Man kann nicht gleichzeitig bei Rothschild und Taussig antichambrieren^ und seine Hände nach einem Volksmandat ausstrecken. Der Wiener Kultusvorstand wird sich auf das Volk stützen, sonst werden die Ofners dafür sorgen, daß ein Kultusvorstand nicht mehr nötig sei. L. Prediger von heute — Volkspropheten von einst.*) „Ohne Belehrung" sagt der jüdische Spruchdichter, „verwildert ein Volk". Dieses Wort bewährt sich leider Gottes an unserem eigenen Leib. Seit Jahrzehnten fehlt uns die Belehrung, die wrhre ursprüngliche Belehrung, die aus der tiefinnersten Ueberzeugung quellende; wir werden nur zu Zeiten,, und auch dann zumeist von einer auswendig gelernten genährt. Darum ist es so öde in unseren Herzen, wohnt Verwirrung in unseren Köpfen. Darum herrscht in unserer Mitte Unwissenheit auf religiösem und unsagbare Zerrissenheit auf politischem Gebiete. Wir sind wie eine Herde, die keinen Hirten hat, versprengt und verlaufen, dahin und dorthin, wohin gerade der Wind einen jeden verweht hat und werden leicht ein Raub irgend eines beliebigen Lockvogels, der sich auf Schlager und Phrasen versteht, denn: „Ohne Belehrung verwildert ein Volk." Aber da ruft man mir entrüstet entgegen: „Wie, es fehlte uns an Belehrung? Wann hätte es jemals in Israel mehr Prediger als heute in den Synagogen, mehr Vereine gegeben, in denen soviel gelehrt und unterwiesen worden wäre, als heutzutage?" Das ist wahr. Allein, es kommt nur auf die Kleinigkeit an: was und wie gelehrt wird. Die heutige Predigt in den Synagogen, die Vorträge in *) Wenn wir uns auch nicht mit dem geehrten Verfasser nach jeder Eichtang identifizieren, so freuen wir uns dennoch, einem der hervorragendsten "jüdischen Gelehrten unser Blatt zur Verfügung stellen zu können. (Anm. d. Red.) den Vereinen, sie verbreiten mehr Verwirrung als Klärung, sie erhitzen die Gemüter, regen die Leidenschaften auf, aber sie schaffen uns keine Werte, an denen wir uns erheben, sie laben den lechzenden Gaumen nicht, sie machen ihn nur trockener. Das kommt von den Belehrungen, deren Wesen und Methoden wir unseren grimmigen Widersachern abgelauscht, die die gemeinen Instinkte wachrufen, Wind säen und Sturm ernten. — Wir aber lechzen nach jener großen Belehrung, die die Menschen auf allen Gebieten zu einigen sucht, Liebe erweckt und uns über die gemeine Not des Lebens erhebt, nach jener erlösenden Belehrung, die von großen, gottbegnadeten Individuen auszugehen pflegt; diese aber erstehen seit lange nicht mehr in unserer Mitte. Man durchlaufe nur sämtliche Synagogen Wiens und höre sich eine Predigt nach der andern an : Worte, nichts als Worte! Sie sind alle auf denselben Ton gestimmt, auf den Leisten derselben Phrase gespannt. Alles geht nach außen, nichts nach innen, so wie es eben die Leute gern hören. Natürlich, im Innern ist ja alles aufs herrlichste bestellt. Da blüht das Reich Gottes, da gibt es keine Großen, die zu tadeln, keine Jobber, die zu züchtigen wären, keine Gebildeten, die dem krassen Materialismus verfallen, keine Habsüchtigen, die Chillul haschen, keine schädlichen Elemente, die dem Judentum Unehre machen, keine von sich redenmachende putz- und vergnügungssüchtige Frauen, keine unzüchtigen Mädchen, keinen „Adel", der nicht echt....., alles ist da eitel Zucht, Sitte, Bescheidenheit und Tadellosigkeit. Nach innen bedarf es also keiner Ermahnung und Belehrung. Umsomehr nach außen. Da gibt es zu dräuen und zu donnern. Und — die Leute, sie hören es gern. Und gehst du in die Vereinsversammlungen, wo von Politik die Rede, du bekommst dasselbe Schauspiel, wie an heiliger Stätte, zu _sehe_n. Ueberall die^elbeju Schlagwörte, dieselben" unheiligen Wutausbrüche, aber: keine Belehrung. Du hörst das Mühlrad rauschen, aber du siehst kein Mehl. Du wirst erhitzt, aber nicht gelabt, von Leidenschaften erfüllt, aber nicht gebessert, von Torheit aufgeblasen, ohne klüger zu werden als zuvor. Ist aber der Rummel vorüber und dein wüster Kopf ernüchtert, dann fragst du doch: Wozu der Lärm? Gleichwohl fängst du die nächsten Male die Torheit wieder von vorne an, denn du wurdest niemals ordentlich unterwiesen, niemals ehrlich aufgeklärt und lassest in deiner Denkträgheit Leute für dich denken, die selber niemals einen eigenen Gedanken im Kopfe gehabt haben. Und so wirst du ewig eine Beute desjenigen, der die stärkste Lunge und die meisten Phrasen aufgestapelt hat, taumelst unaufhörlich vom Regen in die Traufe, hältst dich für weiß Gott wie klug und weise, der Charybdis entkommen zu sein, während du in die weit gefährlichere Sibilla versinkst. Das kommt dalier, daß du niemals gründlich unterwiesen wurdest, daß dir die Wahrheit, die reine, unverfälschte Wahrheit niemals gezeigt wurde. So bleibst du ungeschult, unselbständig, unreif dein Leben lang. Was wir aber brauchen, das sind: Wahre Volkslehrer, Propheten, wie sie einst Israel zu seinem großen Ruhme gehabt, Propheten auf den Kanzeln, Propheten in den Volksversammlungen, die die Wege der Wahrheit kennen und den Todesmut haben, sie vor Fürst und Volk zu vertreten, gegen oben und unten zu verfechten, die den Herrscher so wenig fürchten wie den Pöbel und heldenmütig der Wahrheit eine Gasse machen. Solche Männer haben wir aber nicht, haben sie schon lange nicht, und — „ohne Belehrung verwildert ein Volk," Sieh dir nur deine alten Propheten an, Israel, Männer, die in keinem anderen Volk der Erde als in dir erstanden sind, und durch die Kraft ihres Genius die Welt erobert haben! Volkslehrer, die es von Gottes, nicht der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.