Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 23 (17.5.1907)
- Date
- 1907-05-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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(TONAL-ZEiOJNG RERflüSßßBßR! örS.R.LANDflU: IX. JAHRGANG. WIEN, 17. MAI 1907. No. 23. Der Wahlkampf in der Leopoldstadt. Es wäre heute noch verfrüht, die Keichsratswählen vom jüdischen Standpunkte einer allgemeinen Würdigung zu uirterziehenr ^Nrehfr bloß" deshalb^ weil von. 51G Mandaten kaum 280 besetzt sind. Sondern hauptsächlich deswegen, weil die jüdischen Massen noch nicht gesprochen haben. Das lawinenartige Anwachsen des Antisemitismus im deutschen Bürgertum, die überraschenden Erfolge der sozialdemokratischen Partei in allen nationalen Lagern vermögen uns weder niederzuschmettern, noch zu trösten, so lange unsere 800.000 Volksgenossen durch die Stimmzettel ihrer Wähler noch kein politisches Glaubensbekenntnis abgelegt haben. Sie, die jüdischen Wähler Galiziens, haben die Entscheidung über das politische Schicksal der österreichischen Judenschaft in ihrer Hand. Werden sie sich ermannen, werden sie endlich durch die Verzweiflung aufgepeitscht die Ketten des Druckes und der Demütigung brechen, um eine Schar beherzter, jüdischer, freier Männer ins Parlament zu entsenden, dann wird die österreichische Judenschaft auch aufatmen und allen schwarzen Mächten trotzen. Wenn aber der behördliche Druck, der religiöse Fanatismus und der sklavische Geist des Ghettos die Massen in die Arme von Strebern und Industrie-Rittern, von Wucherern und Propinationshyänen treiben werden, wenn das jüdische Volk von seinen Abgeordneten verlassen, von den Antisemiten verhetzt, von den Sozialdemokraten ignoriert, höchstens bei den letzten Ueberresten der ohnmächtigen Liberalen wird eine Zuflucht suchen müssen — dann wird der schwarze Schatten, der sich auf Oesterreich niedersenkt, auch den Juden jeden Ausblick in eine bessere Zukunft verdüstern und verschleiern. Und darum blicken wir mit banger Sehnsucht nach dem fernen Osten und erwarten von jenen Massen, für die das Judentum nicht bloß Konfession, nicht bloß Nationalität, sondern auch Elend und Not, Unterdrückung und Entwürdigung bedeutet, das erlösende Wort. Bukowina hat es bereits gesprochen. Dank «einer klugen Politik hat Dr. Benno S traucher nicht nur sein Mandat behalten, sondern auch das Mandat von C'zernowitz-West für Dr. Wender, der zweifellos in der Stichwahl durchdringen wird, erobert. Und die Welt geht gar nicht unter, wenn sich diese zwei Männer als Jüdischnationale ins österreichische Parlament zu gelangen, anschicken. Die österreichischen Juden werden sich gewöhnen müssen, dieses Wort auszusprechen. Man kann es nicht verdrehen nach Art gewisser liberaler Tagesblätter in „wild" oder „freisinnig" u. dgl. Das wäre Fälschung. Man wird es also aussprechen, man wird es drucken müssen. Und es wird eine Zeit kommen, wo man es als selbstverständlich ansehen wird, wie die Wahrheit. In der Leopold Stadt ist der jüdischnationale Kandidat unterlegen. Trotz einer begeisterten und eifrigen Agitation der jüdischen Studentenschaft und Mädchen, trotz der günstigen Aufnahme in den Wählerversammlungen haben nicht einmal 10 Prozent der jüdischen Wählerschaft dem Jüdischnationalen ihre Stimmen zugewendet. Wir haben diesen Erfolg vorhergesagt. Die Leopoldstädter Wählerschaft steht der jüdischnationalen Bewegung noch zu fremd gegenüber; es ist nichts geschehen, um sie aufzuklären und zu organisieren. Das alles läßt sich in der Wahlagitationsperiode nicht einholen. Das. erfordert ein klares Programm und eine jahrelange intensive Kleinarbeit. Jahrelang wurde nur vom Charter und Judenstaat gesprochen, die innere Politik aber perhorresziert. Jetzt wurde es anders. Dies kam dem jüdischen Philister zu plötzlich und er versagte. Die Assimilanten haben es immer leichter. Sie haben nicht gegen eingefleischte Traditionen anzukämpfen oder althergebrachte Schlagworte zu widerlegen; ihnen kommt das Gesetz der Trägheit und der bequeme Konservatismus der älteren Generation zugute. Wie kam es nun, daß nicht der Deutschfortschrittliche Dr. Gustav Kohn, der Vice-Präsident des Kultnsvorstandes, der offizielle Eepräsentant der konfessionellen Judenschaft, sondern der sozialpolitische Dr. 0 f n e r, der Führer der getauften und konfessions-