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Neue Nationalzeitung · 1907-05-10 · Heft 22 (10.5.1907) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 22 (10.5.1907)
Date
1907-05-10
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 21 »Neue National-Zeltung* Seite 11 ISRAEL ZANGY11LL: Die jüdische Dreieinigkeit. i. Die besondere Ehre, die christliche Bürgermeisterin von Middleton bei Sir Asher Aaronsberg y.u Tische führen zu dürfen, hätte LeopoldBarstein alsjüdisclien Eingeborenen dieser blühenden englischen Stadt, stolz und glücklich machen sollen. Allein Barstem war ein junger Bildhauer, erst kurz von den Pariser Schulen und Salon zurückgekehrt; er hatte schon lange nichts mehr mit Jaden oder- Judentum zu tun gehabt, und seiner jugendlichen Pietätlosigkeit erschienen sogar die christlichen Herrlichkeiten von Middleton unsagbar kleinstädtisch. Tn Paris hatte er zur Nachtzeit auf dem Boiü' Miche aus toller Lebensfreude getanzt und im Chor bei mitternächtlichen Bierhumpen mitgesungen und so erschien ihm selbst London jetzt grau und freudlos, obgleich manch' fröhlicher Kreis den Witz und die sprudelnde Laune, ja sogar die körperlichen Vorzüge dieses glücklichen jungen Mannes, dessen hübscher blonder Kopf eine sonnige Heiterkeit auszustrahlen schien, herzlich willkommen hieß. Die Fabriken von Middleton, welche den Sir Asher Aaronsberg, Ex-Parlamentsmitglied, und die meisten seiner reichen Gäste groß gemacht hatten, waren seinem Künstlerauge ein arger Fleck auf einer schönen Erde. Er befand sich noch in jener unreifen Phase jugendlicher Empörung, in der man seinen Gedanken freien Lauf läßt, wie sehr die Menschen ihre Welt verpfuscht haben. Leider war die Bürgermeisterin von Middleton etwas taub, und er konnte sie nicht einmal mit seinen Epigrammen entsetzen. Es brachte ihn aus der Fassung, seine glatten Blasphemien mit einem eben so glatten Lächeln quittiert zu sehen. An seiner anderen Seite saß Frau Samuels, die üppige und überaus wohltätige Witwe nach dem „Volkstümlichen Kleiderhändler1, dessen gräßlich illustrierte Plakate Barsteins Kindheit verdüstert hatten. Kein Wunder nun, daß des Künstlers .Blicke öfters über den großen, glänzend gedeckten Tisch den Weg zu einem Mädchen fanden, das, wenn man nicht so verwünscht darauf erpicht wäre, seinen Ruhm zu ehren, jetzt statt der Bürgermeisterin an seiner Seite sitzen wurde. Freilich, das Mädchen war nur eine Jüdin und er hatte eine Abneignng gegen die Rasse. Mabel Aaronsberg war eine auffallende Erscheinung: sie besaß eine statuenhafte Reinheit der Linien und des Teints, schien wirklich wert, eine seiner Schöpfungen zn sein. Wie der langweilige alte Fabrikant dieses marmorne Wunder erschaffen konnte, war für den Bildhauer ein Problem, als er sich fast schweigend durch das lange und exquisite Menu durchaß. Nicht, daß Sir Asher selbst unmalerisch gewesen wäre. Tatsächlich bot er den Anblick des biederen und behäbigen Briten, weißbärtig wie der Weihnachtsmann. Aber er schien nicht zu jener Vision von Poesie und Reinheit zu führen. Lady Aaronsberg, die das fehlende Bindeglied möglicherweise hätte ersetzen können, war tot — leider, noch ehe sie Lady wurde — — —- und als sie noch am Leben war. hatte Barstein nicht das Privilegium genossen, in diesen hohen Kreisen sich zu bewegen. Das verdankte er ganz seinem auswärtigen Ruhme und der Einladung des Stadtrates, bei der Organisation einer Kunstausstellung im Orte mitzuwirken. „Ich hege eine große Bewunderung für Sir Asher" — die Bürgermeisterin unterbrach plötzlich seinen (-Jedankengang — ..er kommt mir ganz wie euere Patriarchen vor." Ein Palästina-Patriarch war am allermeisten von dem entfernt, woran der von seinen Lakaien umschwärmte Sir Asher den Bildhauer erinnert hätte, der, soferne er je an die Patriarchen dachte, sie sich den Rembrandtscheu Rabbinern gleich vorstellte. Er antwortete aber höflich : „Unsere Patriarchen waren Poh'gamisten." „Sehr richtig/' stimmte die taube Bürgermeisterin bei. Barstein, aus der Fassung gebracht, wollte seine Bemerkung laut wiederholen, aber es schien weder eine solche Tonstufe noch Behauptung bei Tische passend zu sein. Die Bürgermeisterin fügte pathetisch hinzu : „Man kann sich ihn vorstellen an der Türe seines Zeltes sitzend und mit den Engeln sprechend." Jetzt schrie Barstein wirklich auf. aber vor Lachen, Aller Augen wandten sich etwas neidisch in seine Richtung. ..Ihr unterhält euch .da unten gut," rief Sir Asher wohlwollend aus, und Barstein sah einen so leibhaften Briten vor sich — auch an dem rollenden R des Nordländers erkennbar — daß er staunen mußte, wie die Bürgermeisterin in dem gewesenen Parlamentsmitglied etwas anderes sehen konnte als den prosaischen Provinzler, dessen ganzes Wesen er so offen zur Schau trug. „Eine bloße literarische Illusion," dachte er. „Sie hat die Bibel gelesen und liest sie jetzt in Sir Asher hinein. Man könnte ebenso in einem modernen Londoner einen nordischen Piraten oder französischen Jongleur sehen." Als ob Barsteins Vision des biederen und behäbigen Briten noch bekräftigt werden sollte, hörte man nun Sir Ashers Stimme über den allgemeinen Gesprächslärm heftig protestieren gegen die Ansichten Tom Füllers, des dekadenten Sohnes eines Tory-Gutsbesitzers. „Irland Autonomie geben?" rief er leidenschaftlich aus. „0, mein lieber Herr Füller, das wäre der Anfang vom Ende unseres Kaiserreichs!-' „Aber die Irländer haben doch das gleiche Recht sich zu regieren, wie wir!" behauptete der junge Engländer. „Sie würden bei weitem sich selbst nicht so gut wie die protestantische Minorität schlecht regieren", riet Sir Asher, in seiner Aufregung fast epigrammatisch werdend. „Home Rule bedeutet einfach den Sieg des Katholizismus. Es fiel dem zynischen Barstein bei. daß sogar die Niederlage des Katholizismus keinen Sieg für das Judentum bedeute, er tat aber seiner Zunge mit einer gesalzenen Mandel Einhalt. Mochte doch der Engländer die Führung übernehmen. Das tat nun der junge Mann sehr eifrig. „Wie wär's mit Autonomie für Indien? Dort gibt es ja keine katholische Majorität!" „Indien aufgeben?" Sir Asher riß entsetzt die Augen auf. Diese Ketzerei war ihm neu. „Das strahlendste Juwel in der britischen Krone aufgeben! Und es dem russischen Bären in den Rachen werfen? Nein! Nein! Tausendmal nein!;' Sir Asher gestikulierte in seiner patriotischen Begeisterung sogar mit der Gabel, ganz vergessend, daß er nicht auf der Tribüne war. „So stelle ich mir vor, .sprechen die Patriarchen!-' sagte die Bürgermeisterin, seine Lebhaftigkeit bewundernd, worüber der Bildhauer wieder lachte. Es amüsierte ihn sehr, wie sich der Löwe Judas in die Haut, des britischen Löwen hüllte. Einem kosmopolitschen Künstler war dieser Bonrgeoispatriotismus besonders ärgerlich. Aber bald fanden seine Augen wieder den

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