Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1907-05-10 · Heft 22 (10.5.1907) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 22 (10.5.1907)
Date
1907-05-10
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2425679-2425680-2425690--0135-2426395
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 10 »Neue Natlonal-Zeltung« Nr. 22 lliimänieii. Aus dem Reiche der Carmen Sylva. Bukarest. Die rumänischen Bezirks-Satrapen machen jetzt mit den Juden kurzen Prozeß. Wie barbarisch die Ausweisungen vorgenommen werden, mögen nachstehende Dokumente beweisen : Der Gemeinderat von Brodoc, Bezirk Vaslui, hat nachstehendes Ausweisungs-Protokoll aufgenommen : „In Anbetracht, daß der Jude JVleilic Lungu seit langer Zeit in der Gemeinde sich niedergelassen hat und der Gemeinderat schon früher einmal seine Ausweisung beschlossen hat — siehe Entscheidung Nr. 41 vom 8. August 1904, infolge Berufung kassiert durch die Präfektur, die durch Entscheidung Nr. 6809 vom 4. November 1904 den Aufenthalt genehmigt hat —, in Anbetracht, daß" die Bewohner von Balteni, Gemeinde Brodoc, wo der genannte Jude sich niedergelassen hat, in ihrem Dorf keine Israeliten mehr dulden wollen, wie sie das in ihrer unter Nr. 1034/907 verzeichneten und abschriftlich dieser Entscheidung beigefügten Petition dargelegt haben; in Anbetracht, daß dieser Jude wohl mit einer gemeinderätlichen Genehmigung ausgestattet ist, die ihm unter der Geltung der alten Gesetze zugesagt und durch die Präfektur gemäß Entscheidung Nr. 6809/904 bestätigt worden ist, auch in dieser selben Gemeinde geboren ist und dem Rekrutierungsgesetz entsprochen hat, daß er aber nicht mehi die Bedingungen erfüllt, die ein ehrsamer Händler bietet; in Anbetracht, daß die Führung dieses Juden, wie das aus den Klagen der Bauern hervorgeht, und wir auch aus eigener Wissenschaft bezeugen können, nicht korrekt ist, daß er in seinem Kramhandel die Unwissenheit und die Armut der Bauern mißbraucht, indem er ihnen Waren zu überhohen Preisen verkauft, sie in Bezug auf das Maß täuscht, ihre Produkte ihnen zu niedrigen Preisen abkauft und sie beim Gewicht übervorteilt, daß auch sonst seine Führung viel zu wünschen übrig läßt, da er sich den Bauern gegenüber hochmütig erweist; in Anbetracht endlich, daß dieser Jude die Bedingungen des Artikels 5 des Gesetzes über die Organisation der Landgemeinden nicht erfüllt, aus allen diesen Gründen wird einhellig beschlossen : Artikel 1 : der Jude Meilic Lungu wird mit seiner gesamten Familie aus der Gemeinde ausgewiesen, Artikel 2 : diese Entscheidung unterliegt der Berufung......" Hierauf ist von dem Präfekten folgender Befehl ergangen : „Entscheidung Nr. 1694, Jahr 1907, am 31. des Monats März. Wir, der Präfekt des Bezirkes Vaslui; in Anbetracht, daß das von der Gemeinde Brodoc abgefaßte Protokoll Nr. 31 gleichzeitig mit dem Bericht des Herrn Mairs der genannten Gemeinde Nr. 1097 hier eingegangen, die Ausweisung des Krämers Meilic Lungu aus der Gemeinde Brodoc anordnet; in Anbetracht, daß wie in dem erwähnten Protokoll festgestellt worden ist, der Genannte die Bedingungen des Artikels 5 des Gesetzes über die Organisation der Landgemeinden nicht erfüllt; in Anbetracht, daß der Obengenannte nicht mehr die Bedingungen eines ehrsamen Handelsmannes erfüllt, da er die Bauern übervorteilt; in Anbetracht ferner des Artikels 70 des Gesetzes über die Organisation der Landgemeinden, verfügen : Wir billigen das Protokoll des Gemeinderates von Brodoc, genehmigen die Ausweisung des Krämers Meilic Lungu aus der Gemeinde und bestimmen, daß diese Entscheidung, vorbehaltlich des Berufungsrechtes, gemäß Art. 70, Abs. 1 des Gemeindegesetzes 2 Wochen lang an der Präfektur und an der Mairie angeheftet wird. Ausgefertigt in 3 Exemplaren etc. etc......" Für den Präfekten : Dr. Radovici. Der Maire : P. Hagin. Für den Direktor: Papafil. Der Secretär: Ch. A. Drob. fiJS fllLBN WeittfiLSN Die jüngste Rothschildehe. Ueber die Gründe, weshalb Baronin Charles Rothschild, geb. Wertheimbstein ihren, Gatten verlassen hat, schreibt die „A. 1z.", der wir auch die Verantwortung hiefür überlassen, folgendes: „In Nägyvarad erzählt man sich, daß die junge Baronin den alten Lord Rothschild, als er am verflossenen Pessachfeste bei seinem Sohne, dem Gatten der Baronin, zu Besuche weilte, durch Chomez-Genuß verletzt habe und daß ein Teil der daraus entstandenen Verstimmung auch auf Baron Charles zurückgefallen sei. Es ist damit zu einem Meinungswechsel zwischen den beiden Gatten gekommen, in welchem Baron Charles die Partei seines Vaters ergriff, und darum sei die Baronin zu ihrem Vater zurückgekehrt. Freilich — Wertheimbstein hat seine Tochter für die Taufe erzogen und wollte sie an einen Christen verheiraten, und da muß ja die Rözsika den „Fanatismus" ihres Schwiegerpapas, der gar auch das Pessachhalten wünscht, als eine sehr drückende Last empfinden." GEMEiNb5=UNö VSReiNiNGUWillfcW Eine Organisation der polnischen Juden in Wien. Wie«, den 6. Mai (Orig.-Ber.). Am 5. d. M. fand die III. Generalversammlung des Vereines rMaclisike Hadath" nunmehr auf Grund der neuen Verein?statuten statt. Den Vorsitz in dieser sehr zahlreich besuchten Vereinsversaiumlung, die im geräumigen Vereinslokale stattfand, rührte Herr J. Rappaport, welcher die Versammlung eröffnete umI Herrn Adolf Schramek als Delegierten des Kultusvorstandes aufs wärmste begrüßte. Aus dem seitens des Vorstandes verlesenen Bericht war zu ersehen, daß der Verein während seiner kurzen Tätigkeit sehr Ersprießliches geleistet hat, indem er nicht nur während der Ostern, sondern auch allwöchentlich am Freitag abends und am Sonnabend in seiner Volksküche umsonst arme Juden verpflegt. Durch die nunmehr behördlich genehmigten neuen Statuten wird der Wirkungskreis des Vereines erweitert. Es sollen ein Asyl- und ein Informationsbureau für Auswanderer enichtet werden. Die Einnahmen und Ausgaben des Vereines bezifferten sich auf 10.000 Kronen. Dieser Bericht wurde mit großem Beifall zur Kenntnis genommen und dem V rstande hierauf das Absolutorium erteilt. Ueber Antrag des Vorsitzenden wurden die Herren Rabbiner May er söhn und Dr. Salo Rappaport wegen ihrer Verdienste um den Verein zu Ehrenmitgliedern ernannt. Nachdem der Vorsitzende dem verstorbenen Kultusvorsteher Salo Landau einen Ehrennachruf gewidmet hatte und seinem Antrage gemäß die Errichtung einer Gedenktafel für den Verstorbenen im Bethause beschlossen wurde, ergriff" das Wort Herr Kultusvorsteher Schramek, um dem Vereine seine Sympathien auszusprechen. Diese Rede nahm Dr. S R. Landau zum Anlaß, um Herrn Schramek zu ersuchen, er möge den Kultusvorstand auch über den Geist und die Entwicklung des Vereines richtig informieren. Dieser Verein habe die Eignung, zu einem Sammel- und Krystallisationspunkt der polnischen Juden zu werden, die bisher von den maßgebenden Faktoren des Kultusvorstandes zurückgesetzt und unterschätzt wurden. Es gehe nicht an, daß der Kultusvorstand erst bei den Kultuswahlen und jetzt bei den Reichsratswahlen Berührungspunkte mit dem Vereine suche. Der Kultusvorstand müsse sich vielmehr gewöhnen, auch die polnischen Juden, die in Wien einen großen Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung bilden, in gebührender Weise zu respektieren. Die Erscheinungen der letzten Zeit haben leider bewiesen, daß derartige Gesinnungen nicht vorhanden sind, weswegen Dr. Landau die Versammlung auffordert, eine Organisation als Zentrum aller polnischen Juden in Wien zu schaffen. Die allgemeine Zustimmung, welche diese Rede fand, veranlaßte Herrn Kultusvorsteher Schramek, alle diesbezüglichen Antipathien in Abrede zu stellen und zu erklären, daß er die Ausführungen des Vorre tners jedenfalls zur Kenntnis des Vorstandes bringen werde. Es sprachen noch die Herren Osias Goldschmidt, Dr. Lifczis, M. Hainer- und Dr. Rappaport, von denen letzterer verschiedene Anwürfe gegen den Verein wfgen seiner Stellung zu den Kultuswahlen richtigstellte. Schließlich fanden noch die Ausschuß wählen statt, worauf die Vereinsversammlung geschlossen wurde. Inzwischen war Herr Dr. Gustav Kohn erschienen. Es begann die Wählerversammlung. Wir berichten darüber an anderer Stelle. Wien. Der »Theologische Verein« der Hörer an der israelitischen theologischen Lehranstalt in Wien, hat für das Jahr 1906/07 nachstehenden Ausschuß gewählt: Levi Freund: Präses; Mich. H al b e rs tarn m :■ Vize-Präses; Gustav Kohn: I. Schriftführer; Abr. Brawer: II. Schriftführer; Josef Löwy: Kassier; Harry Torczyner: F. N. F. Kommissär. In dieser Nummer beginnen wir mit der Veröffentlichung der neuesten Novelle des berühmten englischen Romanciers Israel Zangwill unter dem Titel: „Die jüdische Dreieinigkeit." Zangwill, der sich seinen"literarischen Namen durch die Ghetto-Romane „Die Kinder der Ghettos" und „Der König der Schnorrer" erworben hat, führt uns in seiner neuesten Novelle in die Kreise der vornehmsten englischen Judenschaft, deren Leben und Denkweise er in spannender, dabei aber höchst humoristischer Form vor uns aufrollt. Wir haben dabei auch die Gelegenheit, die Auffassungen der verschiedenen Kreise der englisch-jüdischen Gesellschaft über die Judenfrage kennen zu lernen. Alles in Allem ist diese Novelle eine der interessantesten Schöpfungen Zangwills. Die Redaktion.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.